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CD-Besprechung

J.S. Bach • M. Reger

Salycus 1 CD 10

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8

Klangqualität:
Klangqualität: 8

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Besprechung: 06.03.07

Salycus 10

1 CD • 46min • 2006

Mit dieser Edition des jungen Labels Salycus tritt der seltene Fall ein, dass der Sohn eines besonders in Fachkreisen anerkannten Pianisten zum Protagonisten von dessen künstlerischen Vorhaben avanciert. Christian Seibert – selber Pianist, u.a. mit Einspielungen für cpo (Toch, Hindemith), hat diese Bach- und Reger-Einspielungen seines Vaters in einer auch textlich aufwendig, vor allem aber aufschlussreich gestalteten Faltausgabe herausgebracht. Lediglich das Front-Cover mit einer malerisch-abstrakten Arbeit von Karl Aichinger könnte etwas besser organisiert sein, zumal für den „wühlenden“ Käufer im Ladenangebot. Zur Lesbarkeit der Titel und der Besetzung muss man den Kopf – oder das Produkt – um 45° herumdrehen. Seibert senior – dies für weniger mit Reger befasste Leser – ist der Gründer und Leiter der inzwischen sehr beachteten, selbst in der Provinz angenommenen Weidener Max-Reger-Tage, die längst die Bezeichnung „…-Wochen“ verdienten.

Mit den halbstündigen Bach-Variationen nimmt Kurt Seibert Platz auf einem imaginären Lehrstuhl der klavier-philosophischen Reger-Unterweisung, den ihm wohl niemand ernstlich streitig machen wird, sofern die mediale Interpretationsgeschichte dieses Schlüsselwerkes auch nur einigermaßen bekannt ist. Selbst wenn man den an der Bremer Hochschule für Künste unterrichtenden Pianisten nicht in konzertanter Manier vor Augen hat, so stellt sich doch via CD der Eindruck ein, als legte, als senkte er seine Hände auf die Tasten wie in inniger, lebenslanger Vertrautheit. Den alten Bach schaut er sich spielend und werkend – als Vermittler zwischen den Zeiten und Bindungen – sozusagen freundschaftlich durch Regersche Brille an, und schon fällt es nicht schwer, sich in die gedankliche, klangliche Welt eines Komponisten versetzt zu fühlen, der das Zärtliche mit dem Robusten, das Großartige mit dem Kleinformatigen, das Raunende mit dem Knalligen verband. Und dies mit der Unmäßigkeit des Hungrigen und der Klarsichtigkeit des Gesättigten. Seibert weist uns den Weg durch dieses nur für den Kenner beschilderte Labyrinth der Variationen, lässt die Hände in den verwegenen Sprungkombinationen fliegen, lässt die Finger in den Doppelgriffserien fröhlich flattern – und in die Steigerungsanstrengungen der gewaltigen Fuge betreibt er mit Erfolg das klavieristische Handwerk eines wie ergriffenen Baumeisters barock-romantischer Gebäudepracht und -strenge. Mit anderen Worten: Er spielt diesen Abwandlungs-Koloss wissend, mit Andacht, aber auch mit beherrschtem Feuer, so wie jemand einen immer noch als problematisch erachteten Kamin befeuert und erfolgreich unter Kontrolle hält. Der Hörer ist erwärmt, wird aber nicht mit Hitze zum Schwitzen gebracht. Im Spannungs- und Auffassungsfeld der unten angegebenen Alternativaufnahmen wage ich Seiberts Reger-Dokument vor allem in klang- und bewegungsphilosophischer Hinsicht in die oberste Etage zu plazieren – in die Nähe zur Interpretation von Rudolf Serkin.

Mit der Chromatischen Fantasie und Fuge verhält sich Seibert in züchtiger Ausdrucksdefensive wie auf dem Terrain eines in erster Linie zu ertastenden Tastenspiels. Gemeint ist: er riskiert keine rauschenden Arpeggio-Serien – wie etwa der energische, manchmal fast rücksichtslose Alexis Weissenberg –, er verliest die Fantasie, sorgfältig, das musikalisch Eine fast zögernd neben das Andere stellend, im Bemühen dann auch in der Fuge um Anschaulichkeit. Mir fehlt das Experimentelle, wenn man will: das verückte, improvisatorische Element im ersten Teil, in der Fuge die chromatischen Reibungskräfte. Im Vergleich zu den angeführten Vergleichsversionen ist Seiberts Deutung sicher eine der umsichtigsten, aber auch eine, die Gefahr läuft, den Appetit nach vermehrter Vitalität zu wecken.

Vergleichs-aufnahmen: Bach: Weissenberg (EMI); Lili Kraus (VAI 4359/DVD); Riefling (Simax PSC 1830); Bartos (Connoisseur Society 4176); Gould (1. Teil - Sony SM2K 89344); Poblocka (Victor VICC-84); Rische (EMI 556920 2); Koroliov (Hänssler 92.108); Kronenberg (Ars musici AM 1331-2); Arrau (Great Pianists Philips 456 706-2); Andras Schiff (Great Pianists Philips 456 925-2 ); J.C.Martins (Concord Concerto); Seemann (DG 445 479-2); Slenczynska (Ivory 70802); Barere (Appian APR 5621 und The Piano Library 232 1946); Kempff (Music & Arts 1071); Gulda (Clavichord/ Amadeo 472 832-2); Badura-Skoda (Genuin 03016/II); Szpinalski (Muza XL 0160);

Reger: Andras Schiff (Decca); R.Serkin (CBS); Hamelin (Hyperion CDA 66996); Becker (Thorofon CTH 2322); Schul (Globe 5200); EigenArt 10240), Latimer (Warner 2564 61718-2); Oppitz (Hänssler 98.479)

Peter Cossé [06.03.2007]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 J.S. Bach Chromatische Fantasie und Fuge d-Moll BWV 903
2 M. Reger Variationen und Fuge über ein Thema von J.S. Bach op. 81

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Kurt Seibert Klavier
 
10;0000000000010

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