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CD-Besprechung

hat Art 140

1 CD • 66min • 2001

20.04.2005

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Ganze achtzehn Jahre alt war Dane Rudhyar, der damals noch Daniel Chennevière hieß, als er sich 1913 – wie uns der Klappentext belehrt – in einer Monographie zu der gewagten These verstieg, Claude Debussy gehöre zu den Herbstgestalten einer sterbenden Kultur, indessen er selbst eine neue Saat verkörpere. Bedenkt man das Alter des Verfassers, so nimmt man diese Art jugendlichen Selbstbewußtseins bereitwillig als Ausdruck jener spätpubertären Übergangsphase ins sogenannte Erwachsenenleben, in der wir alle mal der Nabel der Welt waren. Hören wir dann die gut einstündige Auswahl von Klavierstücken, die zwischen 1920 und 1929 geschrieben wurden, dann kommen wir vollends zu der Einsicht, daß der ehemalige Philosophiestudent der Sorbonne und Schüler des Pariser Konservatoriums, der seit 1916 unter seinem „amerikanischen” Namen in New York City lebte, mit seinen vollmundigen Thesen und praktischen Lösungen seinerseits eine Herbstgestalt war, der daran gelegen war, historische pianistische Defizite zu überwinden und damit die Klaviermusik insgesamt sozusagen von ihren formalen Konventionen in ähnlicher Weise zu erlösen wie es seinerzeit allenthalben auf den unterschiedlichsten Gebieten des menschlichen Tuns versucht wurde. Daß das Klavier „ein Mikrokosmos von Tönen” sei, das bei richtiger Behandlung (durch “Schlagen, Berühren, Liebkosen der Tasten”) zu einer Kollektion von Gongs, zu einem miniaturisierten Orchester werde – das ist, anders als Rudhyars schöpferische Schlußfolgerung, nicht gerade neu. Und auch der Abschied von den klassischen Formen wäre an sich keine Revolte: Man kann ganz ähnliches beispielsweise im Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst eines gewissen Ferruccio Busoni angedeutet finden und wird auch in den Theorien des australischen Sonderlings Percy Grainger nicht vergeblich suchen.

Nein, die gern betriebene Isolierung einzelner schöpferischer und charakterlicher Phänomene hilft kaum weiter, so verlockend es auch sein mag, dieses geisteswissenschaftliche Trivial Pursuit („woher kennen wir dieses Motiv?”) zu spielen. Besonders und unverwechselbar wird Rudhyar nur, wenn nicht allein sein Verhältnis zur Musik und Person Debussys, sondern wenigstens in gleichem, wenn nicht weit höherem Maße die Rolle Alexander Scriabins in die Betrachtungen einbezogen wird. 1918 war er in Montreal durch den Pianisten Alfred Laliberté mit den theosophischen Gedanken des jüngst verstorbenen russischen „Messias” in Kontakt gekommen, und ihn nachahmend zu überbieten scheint fortan sein vornehmstes Ziel gewesen zu sein – bis er schließlich die Musik jahrzehntelang mehr oder minder beiseite legte und seine Tätigkeit auf die Astrologie und die Malerei ausdehnte.

Das Ergebnis ist – zumindest müssen wir das aus den vorliegenden Einspielungen schließen – eine Musik, die nicht deswegen dissonant ist, weil sie partout modern sein will, sondern weil sie den Hörer in spirituelle Ebenen führen will, wo nie ein Mensch zuvor gewesen ist. Deshalb wird auch der „Fehler” Debussys und Scriabins, das Festhalten an klassischen Formprinzipien abgelehnt: Große Formen verlangen, so Rudhyar, das strukturelle Element der Wiederholung, Wiederholung aber lenke die Aufmerksamkeit von der Mystik des Klanges auf theoretische Beziehungen und sei deshalb nicht förderlich. Der Autor des Einführungstextes begeistert sich nun, hier das fehlende Bindeglied zwischen Debussy und Scriabin (als ob diese in einen Topf gehörten), John Cage und La Monte Young entdeckt zu haben – womit er ein gedankliches Kabinettstückchen vollbringt, das wiederum nur gelingen kann, wenn man sämtliche künstlerischen Zielsetzungen der genannten Herren komplett außer Acht läßt.

Klanglich bewegen sich die Ereignisse, die Steffen Schleiermacher eingespielt hat, tatsächlich im Umfeld Scriabins. Und in Maßen genossen, können sie sogar faszinieren. Gegen Ende der als Koproduktion mit dem Sender Freies Berlin entstandenen CD wurde es mir dann aber doch zu viel, und das gewiß nicht, wie mir der Komponist vermutlich zu verstehen geben würde, weil ich erst denken müßte, bevor ich zu hören in der Lage wäre, sondern weil das „Vor-sich-hin-Amorphisieren” zu nichts führt. Es ist zwar recht unterhaltsam zu beobachten, wie Rudhyar plötzlich etwas Neues „einfällt” und er spontan den Gang der Dinge, mitunter durchaus unter Verwendung des Wiederholungsprinzips, in unerwartete Bahnen ablenkt. Nach und nach weiß man’s dann aber, will sagen: Die ständigen Überraschungen überraschen nicht mehr, die dauernde Unberechenbarkeit wird so berechenbar wie die chronischen Schreckensmeldungen der täglichen Nachrichtensendungen (wobei Rudhyars Moment-Additionen freilich weitaus besser klingen) – und wieder einmal ist zu konstatieren, daß Musik neben dem Unerwarteten auch das Erwartete, neben dem Originellen auch das Vertraute braucht, wenn sie über den Augenblick hinaus wirken, sprich: weiterwirken soll. Sonst könnten wir uns gleich die Mühe der Aufzeichnung schenken und uns mit Improvisationen begnügen.

Anmerkungen zur Interpretation sind ohne Vergleichsmaßstäbe und Partituren eigentlich unmöglich. Auffallend erschien mir nur, daß die gewissermaßen scriabinesken, allerdings englischen Vortragsanweisungen wohl exaltierte Triumphe, rhythmische Fülle, tragische Intensität und viele andere Klangerlebnisse bescheren sollen, in der produzierten Realität aber nur wenig „Berühren und Liebkosen der Tasten” erkennen lassen: Meist tönt das Spiel scharfkantig und schlag-fertig in einer hellen, vollen Raumakustik, und so bleibt auch hier am Ende der Zweifel – nicht zuletzt an der Bewertung, die dieser CD zu verleihen ist...

Rasmus van Rijn [20.04.2005]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Dane Rudhyar
1Granites
2Three Paeans
3Quest (aus: Tetragrams)
4Crucifixion (aus: Tetragrams)
5Rebirth (aus: Tetragrams)
6Third Pentagram

Interpreten der Einspielung

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