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CD-Besprechung

cpo 777 031-2

1 CD • 77min • 2002

26.11.2004

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Es ist schon eine eigenartige Koinzidenz kompositorischer Ereignisse, daß im Jahre 1923 gleich zwei Schüler von Franz Schreker ihre sinfonischen Muskeln spielen ließen: Sowohl der damals 23jährige Ernst Krenek als auch sein fünf Jahre älterer Kommilitone Karol Rathaus versuchten sich zur selben Zeit ein zweites Mal an der Gattung, die abseits der Opernbühne noch immer die große Welt bedeutete, und beide kamen bemerkenswerterweise zu ganz ähnlichen Ergebnissen. Doch während Krenek, der sich inzwischen mit seinem Lehrer entzweit hatte, dem Publikum sein kolossales und wahrhaft unerhörtes Stück mit vernehmlichen Behagen um die Ohren schlug, litt Rathaus so sehr unter den negativen Reaktionen, die seine Zweite bei der Uraufführung in Frankfurt am Main auslöste, daß er das Werk zurückzog – eine unbedingt bekenntnishafte, große Musik, deren kraft- und phantasievolle Sprache im direkten Widerspruch zu dem empfindlichen Verhalten ihres Schöpfers steht. Wer damals eine derart dichte, über die Grenzen der Tonalität hinausgehende Partitur verfassen wollte, die sich wie ein breiter, langsamer Strom über das vertraute sinfonische Terrain ergießt, der mußte sich doch wenigstens auf einen gewissen Gegenwind einstellen.

Zwanzig Jahre sollten vergehen, bevor Karol Rathaus eine weitere Sinfonie schrieb. In diesen zwei Dekaden hatten sich seine Lebensumstände drastisch verändert: Nachdem er sich von 1930 bis zur Machtergreifung als einer der führenden „seriösen” Filmkomponisten vor Aufträgen kaum noch hatte retten können, sah er sich genötigt, zunächst in Paris, dann in London und schließlich in den USA sein Auskommen zu suchen. Seit 1940 verdiente er seinen Lebensunterhalt als Lehrer am New Yorker Queens College, indessen er anscheinend die Hoffnung auf die große musikalische Anerkennung aufgegeben hatte.

So ist denn auch die dritte Sinfonie alles andere als die freundliche, unbeschwerte Musik, die sie auf den ersten Blick zu sein scheint. Hinter der Fassade der traditionellen Viersätzigkeit klingt es wie von ferne nach einem Trauma, das auch zwei Jahrzehnte später nicht bewältigt ist. Selbst das elektrisch knisternde Scherzo vermag nur mühsam zu verbergen, wie es im Innern des Komponisten ausgesehen haben muß, und das nachfolgende Andantino mit seinen in sich kreisenden, zeitweilig trauermarschartigen Impulsen läßt die Vermutung zur Gewißheit werden: Anders als der Lehrer Rathaus hatte der Komponist resigniert, und darüber kann nicht einmal die abschließende Triumphgebärde des Werkes hinwegtäuschen.

Es ehrt den Dirigenten Israel Yinon, daß er sich von der „angepaßten” äußeren Gestalt dieser Sinfonie nicht in die Irre führen läßt. Gerade vor dem Hintergrund des massiven, vielgliedrigen Opus 7 wäre es ein leichtes gewesen, Rathaus gegen seine eigene „Jugendsünde” antreten und vom Wert etablierter Formen plaudern zu lassen. Doch für Yinon stellt das spätere Werk offenkundig einen Spiegel des frühen expressiven Ausbruchs dar – und das bekommt beiden Kompositionen, die sich letztlich nicht widersprechen, sondern einander als autobiographische Wegmarken ergänzen. Eine ganz vorzügliche Veröffentlichung zur Erinnerung an Karol Rathaus, dessen Todestag sich am 21. November zum fünfzigsten Male jährte.

Rasmus van Rijn [26.11.2004]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Karol Rathaus
1Sinfonie Nr. 2 op. 7
2Sinfonie Nr. 3 op. 50

Interpreten der Einspielung

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