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ARD-Musikwettbewerb Buchkritik Ein Fenster zu... Kompass

Ein Fenster zu...

Frederic Chopin

Hör-Tipps anhand von ausgewählten Werken

Das „Hut ab, ihr Herren, ein Genie!“, mit dem Robert Schumann den jungen Frédéric Chopin in der Musikwelt begrüßt hatte, bestimmt nicht unbedingt das Chopin-Bild unserer Zeit. Vorurteile seien hier besser nicht wiederholt, um sie nicht wieder unversehens zu festigen – ganz wird sich der Verdacht eines „Salon“-Komponisten, was auch immer das sein soll, nie ausrotten lassen. Das umfangreiche Werk des in Warschau geborenen Komponisten, der mit 21 Jahren nach Paris ging und dort mit 39 Jahren starb, spricht eine andere Sprache. Man sollte sich angesichts der stilistischen Weite von Chopins Œuvre nicht auf eine Sichtweise festlegen; doch eine gewisse Experimentalität, die bis zur Avantgarde reichen kann, ist doch stets spürbar. Auf dem Klavier konnte er, selbst ein brillanter Virtuose, neue Wege beschreiten, konzipierte Form, Harmonik und Geschehen in der Musik unabhängig von der Tradition.

Werk-Auswahl

Für das Klavier allein entstanden die meisten seiner Werke; gleichwohl war Chopin bereits vor seinem 20. Lebensjahr bekannt geworden mit zwei Klavierkonzerten, die noch in Warschau entstanden waren. Sie machen, gerade in Hinsicht auf das Spätere, den Weg Chopins deutlich. Obwohl es von Außen zunächst den Anschein hat, dass er im Allegro maestoso-Satz des ersten Konzertes e-Moll die traditionelle Konzertform übernimmt, wird doch eine selbstbewußte Aneignung des Musterhaften deutlich. Zum Beispiel in der Tonartenkonstruktion: das lyrische Thema erscheint in der Reprise in G-Dur statt E-Dur. Die Formdynamik des klassischen Konzertes, das seinen Höhepunkt in der Solo-Kadenz fand, ist aufgegeben zugunsten eines eher epischen Charakters des Ganzen. Der Kampf, den die pathetische Melodie des Anfangs verspricht (Chopin schreibt „risoluto“ vor), findet nicht statt; die Melodie erscheint als eigentliches Hauptthema, auch wenn das risoluto-Thema im Untergrund noch weiterwirkt.

Diese weitgespannte und wehmütige Melodie hat wohl besondere Bedeutung: sie spielt auf das Kopfmotiv des zweiten Konzertes f-Moll an, das eher entstanden war und mit dem Chopin in Polen die ersten großen Erfolge gehabt hatte. Das melodisch emporstrebende und nach und nach wieder zurücksinkende Seitenthema hellt den Satz auf und beruhigt ihn. Dass der weiträumig vorbereitete Einsatz des Klaviers das risoluto-Thema mehr und mehr auflöst und sehr schnell zu der wehmütigen Melodie findet, unterstreicht deren zentrale Bedeutung. Der breit aussingende und reich, wie Belcantogesang eines schönen, aber instrumentalen Soprans verzierte Gestus bestimmt das Konzert, auch wenn es immer wieder zu energischen Ausbrüchen kommt. Doch Chopin verzichtet sogar auf den wirkungsvollen Auftritt einer Solo-Kadenz und integriert Virtuosität in den Satz: am ehesten als lyrische.

Konzentration auf Klavier solo

Der Weggang aus Warschau ist wohl der zentrale Einschnitt in Chopins Biographie, der sich auch im Werk spiegelt: Er wirft das schwere Orchester sozusagen ab und konzentriert sich auf Solo-Musik. Das Moment der Improvisation scheint hierbei eine große Rolle zu spielen, auch, wenn sich Chopin zumindest dem Titel nach noch auf traditionsreiche Formen wie die Sonate bezieht. Doch schon Schumann hatte die zweite Sonate b-Moll (mit dem berühmten Trauermarsch) in ihrer Exzentrik gesehen: „vier seiner tollsten Kinder“ seien da zusammengestellt. Will heißen: die Sonate als Ensemble von Charakterstücken. Dennoch sind, bei genauem Hinschauen, Bezüge vorhanden. Das Portal in diese Sonate, eine rätselhafte Geste des Basses, findet sich etwa, versteckt in einem Sekundenbruchteil, im ersten Takt des unheimlich dahinrasenden Presto-Finales wieder. Doch auch in der Durchführung des einsetzenden schnellen Satzes spielt die fallende Septe eine Rolle: wenn eine kurze Gesangsphrase auf das Rumoren im Untergrund antwortet. Die Durchführung bringt die beiden extremen Kontraste der Exposition, die kurzatmige Figur und den idealistisch sich steigernden Gesang zusammen. Auch die Rätsel-Geste des Anfangs findet sich in den turbulenten, wie ein Wasserfall dahinstürzenden Satz projiziert. Drei extrem verschiedene Themen-Figuren also werden einander angenähert. Nicht in diesem Gedanken, sondern in der Plastizität dieser Gestalten, die – wie der Trauermarsch – poetische Ideen nahelegen, ist der Unterschied zur Tradition zu suchen.

Wenn sich auch Chopin auf das Klavier konzentrierte, und dort das Charakterstück, den fokussierten Augenblick gleichsam, bevorzugte, ist dadurch das Entstehen von größeren Formen keinesfalls ausgeschlossen. Chopin baut sie nur anders. Die 24 Préludes op. 28, die nach Bachs Vorbild systematisch den Tonartenkreis abschreiten, sollte man als dicht zusammengehörige Folge von Spannung und meditativer Versenkung hören; vom skizzenhaften, schwärmerischen C-Dur-Prélude führt der Weg zu den hart gehämmerten, zerstörerischen tiefen ,D‘s des letzten Prélude in d-Moll.

Das unter dem nicht ganz einsichtigen Beinamen Regentropfen bekannte Des-Dur-Prélude bildet hierbei, innerhalb des Zyklus’, eine Art Achse. Eine poetische Idee dürfen wir auch hier vermuten. Die unschuldige, unendlich zärtliche Melodie des Beginns trägt nämlich – noch kaum zu ahnen – eine Art von Katastrophe in sich: Den von Anfang an in der Begleitung der linken Hand durchgehalten wiederholten Ton „as“ (daher wohl auch der Beiname). Wenn die Melodie unvermittelt in eine wehmütige Wendung mündet, läßt der beiläufige Ton „as“ schon seine Bedeutung erahnen. Er allein bleibt von der Melodie übrig, und wie anhand einer Achse kippt der Satz um. Es erscheint eine unheimliche, raunende Bewegung im Untergrund, die zu schmerzlichen Höhepunkten führt. Auch, wenn die unschuldige Melodie zurückkehrt, wird das insistierende repetierte „as“ nicht fallengelassen. Es wirkt manisch bis in den Schlußakkord hinein.

Grüße an die Heimat

In seine Heimat Polen kehrte Chopin nicht mehr zurück; es ist jedoch sicherlich kein Zufall, dass er bis in seine Spätphase hinein Mazurken schreibt. Mit diesem polnischen Tanz im Dreiermetrum mit seiner charakteristischen Punktierung, der in Chopins Geburtsprovinz Masowien entstand, hat er sich offensichtlich besonders identifiziert. In die Kunstmusik übertragen, kann daraus, wie in der H-Dur-Mazurka op. 56,1, ein retrospektiver Gruß an die Heimat werden. Es ist die absteigende Chromatik der beginnenden Tenor-Melodie, die diesem Volkstanz eine verfeinerte, nostalgische Qualität mitgibt. Der artifizielle, einfache Gestus wird deutlich etwa in skizzenhaft einstimmigen Passagen. Fröhliche, stolze Klänge schließt das nicht aus.

In kaum einer anderen Gattung konnte Chopin seine oft vom Instrument selbst, der Improvisation herkommende Klangphantasie in eine – jeweils verschieden ausfallende – Form gießen wie im Nocturne, einem „Nachtstück“. Das mag daran liegen, dass dieses auf den irischen Klavierkomponisten John Field zurückgehende Genre auf keine großartige Tradition zurückblickte, vielleicht aber auch an der Offenheit dieser Bezeichnung: „Nocturne“ meint ja nur irgendetwas, was in der Nacht geschieht, keinen Tanz wie „Walzer“ und „Mazurka“, keine wenn auch artifizielle Funktion wie „Etüde“ und „Prélude“. Im cis-Moll-Nocturne op. 27,1, dem siebten von insgesamt 21 Nocturnes, ist die Vision einer geheimnisvollen Nacht Klangwirklichkeit geworden: über einem tonal unbestimmten Schleier (ohne Terz) der linken Hand setzt sotto voce, also verhalten, eine Sopran-Stimme ein. Ein Mollakkord bildet sich, der – oh Wunder – zu einem Dur-Akkord aufgehellt wird. In diesem magischen Wechsel von dunkel zu hell hören wir das romantische Chiaroscuro in Reinkultur. Der erzählende Ton der Stimme ist unverkennbar und wird durch eine zweite hinzutretende Stimme noch gesteigert. Doch was wird erzählt? Es könnte eine Geschichte aus der Vergangenheit sein, die da so versunken erinnert wird; und diese Erinnerung steigert sich fast unmerklich in einen leidenschaftlichen Erzähl-Sturm hinein. Schießlich haben wir eine offenbar sehr glückliche Episode erreicht. Aber die erzählte Wirklichkeit verschwindet wieder in einem resignierenden Rezitativ. Wenn der erste Teil wiederkehrt, wirkt das, als ob man sich nach einem sehnsüchtigen Traum der Gegenwart wieder bewußt wird. Ein Glück, dass Chopin mit den wiegenden Terzen noch einen Trost für uns bereit hält.

Dr. Michael B. Weiß

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