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CD-Besprechung

Rückblick Moderne - Orchestermusik im 20. Jahrhundert

Werke von Ives, Cage, Boulez, Varèse, Webern, Mahler, Kurtág, Furrer, Kagel, Maderna, Nono, Carter, Zender, Rihm, Schnittke, Ligeti, Glass

Rückblick Moderne - Orchestermusik im 20. Jahrhundert

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8

Klangqualität:
Klangqualität: 8

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Besprechung: 01.03.00

col legno WWE 20041

8 CD • 9h 06min • 1998

Vom 21. bis 28. November 1998 fand in Stuttgart ein Festival unter dem Titel Rückblick Moderne statt, Versuch einer Bilanz der Musik des mittlerweile zu Ende gegangenen 20. Jahrhunderts. Mit Recht sahen die Veranstalter die Wurzeln des "Neuen" bereits in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, ja auch schon im vorhergehenden Jahrhundert, wie das Auftauchen von Gustav Mahler in diesem Zusammenhang bezeugt. Acht Dirigenten stellten zumeist orchestrale sowie einige vokale Werke vor, die entweder für sich Meilensteine des musikalischen Fortschritts darstellen oder im Rahmen des betreffenden Konzerts zu einer in sich stimmigen Auswahl beitrugen.

Dabei erscheint der "amerikanische" Schwerpunkt im ersten Konzert - ein teils musikalischer, teils literarischer - sehr überzeugend, ebenso die "Farben"-Skala im vierten mit Messiaen und Lachenmann als extremen Gegensätzen und dem Sacre als einem Werk, das man heute vielleicht nicht mehr so sehr als rhythmische Explosion hört, sondern viel mehr durch seinen Klang und seine Harmonik. Ein gewissermaßen "deutsches" Programm bot das 7. Konzert zwischen dem Pathos von Karl Amadeus Hartmann und der sarkastischen Ironie der Collage-Musik Bernd Alois Zimmermanns.

Bei den anderen Konzerten wirkt die Zusammenstellung manchmal etwas zufällig. Nicht alle Beiträge sind "Jahrhundertwerke"; wichtige Bereiche (etwa Polen, England) fehlen ganz, manche Komponisten wie beispielsweise Charles Ives, Claude Debussy, Maurice Ravel, Dmitrij Schostakowitsch und vor allem Gustav Mahler sind hier mit Werken vertreten, die wohl nicht unbedingt die zukunftsweisenden Seiten ihrer Verfasser offenbaren. So hätte von Ravel eher La Valse gepaßt, von Mahler besser das Adagio der zehnten Sinfonie. Die Konzertfolge erscheint somit, höflich ausgedrückt, als interessante Auswahl, grob gesagt als Potpourri. Der Benutzer kann viele hörenswerte Werke erleben, die relevanten Strömungen des 20. Jahrhunderts aber kennt er dann nur fragmentarisch, und einige eben gar nicht.

Die Wiedergaben sind fast durchweg sehr gut und engagiert, besonders unter der Stabführung von Michael Gielen und Lothar Zagrosek. Bei Hans Zenders Darstellung der Ubu-Musik von Zimmermann erscheinen Tempi und Klangbalance manchmal etwas verzerrt; bei Ives' Unanswered Question sind die Gruppen der Trompete bzw. der Holzbläser zu knallig präsent. Außerdem beginnt hier der Streicherklang praktisch schon mit dem Einschalt-Knacken des Gerätes - so war die "Ewigkeit" bei Ives nicht gemeint... Und noch eine technische Anmerkung: Die angegebenen Gesamtspielzeiten der CDs stimmen in keinem einzigen Fall mit den Display-Anzeigen überein. Wozu dann die Angaben?

Die Edition stellt zwei 4-CD-Boxen übereinander, und daneben, als Quasi-Booklet, das ursprüngliche Stuttgarter Programmbuch. Das hat den Vorteil der Authentizität und auch so etwas wie einen Souvenir-Appeal, andererseits aber auch Nachteile. So sind die Programmaufdrucke auf den beiden Boxen derart winzig, daß man dem Herausgeber empfehlen möchte, das nächste Mal doch gleich eine Lupe beizulegen. Und mit dem Programmbuch schlichen sich auch alle dessen Fehler in diese Edition mit ein. So fehlt bei György Kurtágs quasi una fantasia die Angabe des Klaviersolisten; auch lautet der Untertitel des zweiten Satzes nicht "wie ein Traumeswirken", sondern "wie ein Traumeswirren", was natürlich eine Anspielung auf Robert Schumann ist, wozu der Kommentartext leider gar nichts sagt. Überhaupt gerieten einige Werkeinführungen zwar opulent in ihrer Länge, aber wenig detailliert. Bei Bartók ist der Hinweis "Ballettpantomime" falsch, weil es sich eben nicht um das ganze Ballett handelt, sondern lediglich um die Konzertsuite. Klaus Hubers Lamentationes heißen im korrekten Titel Lamentationes de fine vicesimi saeculi (Lamentationen über das Ende des 20. Jahrhunderts), was insofern wichtig ist, als es von ihm ein anderes Werk mit dem ähnlich klingenden Titel Lamentationes sacrae ed profanae ad Responsoria Iesualdi gibt. Die Satzbezeichnungen zu Zimmermanns Ubu sind ungenau, und auf einer Seite Einführung zu Elliott Carter steht fünfmal (!) das falsche Wort "Rembrance" statt richtig "Remembrance" (von anderen Druckfehlern, falschen Lebensdaten etc. nicht zu reden).

Dafür kann die Firma col legno nichts, aber dies wirft auch ein Schlaglicht auf die Problematik solcher Dokumentar-Editionen, auch wenn die anregenden Qualitäten eines solchen Tonträgerprogramms Anerkennung auf jeden Fall verdienen.

Dr. Hartmut Lück [01.03.2000]

 
WWE 20041;5099702004121

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