Violeta Dinescu
Durch Verrat hindurch
gutingi 266
1 CD • 74min • 2025
13.01.2026
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Gesamteindruck:![]()
Den freien Umgang mit Klangmaterial und expressiven Ausdrucksmöglichkeiten kennen wir von Violeta Dinescu. Die rumänische Komponistin, die seit 1982 in Deutschland lebt und an der Universität Oldenburg lehrte, lässt uns durch regelmäßige Veröffentlichungen an ihrer künstlerischen Entwicklung teilhaben. Das hat immer auch mit Weiterdenken zu tun, oft auch mit Sich-neu-Erfinden.
Erweitertes Ausdrucksspektrum
Auf ihrer jüngsten Aufnahme „Durch Verrat hindurch" scheint der Umgang mit klingendem Material noch befreiter als zuvor. Noch vielfältiger werden die Perspektiven auf instrumentale Ausdrucksmöglichkeiten und Grenzüberschreitungen ausgelotet – und wo diese vielleicht sogar ausgereizt scheinen, da kommen tatsächlich Neuerfindungen von Instrumenten ins Spiel. Dorin Cuibariu steuert selbstgebaute Klangerzeuger bei: das Trăgulofon, einen ausgehöhlten Rankenkürbis mit Saxophonmundstück, und das Tromsax, eine Posaune mit Tenorsaxophon-Ansatz. Diese hybriden Wesen aus Natur und Artefakt fungieren als Gegenwelten, als Stimmen des Fremden und Unerhörten. Dabei wirken die verschiedenen „neuen" Instrumente gar nicht so exotisch, sondern als selbstverständliche Teile, um das Ausdrucksspektrum zu erweitern.
„Das Unerklärte, das bleibt“
Rezitativische Klarinetten-Erkundungen schälen sich aus dem brodelnden Tiefenuniversum des Flügels, Flageolett-Glissandi schweben darüber, höchste und tiefste Klangaktionen der Tastatur spannen weite Räume auf. Sprachlich artikulierte Momente wechseln mit improvisatorischen Skizzen über modalem Skalenmaterial – und dazwischen funken perkussive Ausbrüche, die sich zur geballten Wucht steigern können. Wenn andernorts Altsaxofon und Bassklarinette über imaginären Sphären aus dem Synthesizer schweben, geht das in Richtung zeitgenössischen Jazz oder freie Improvisationsmusik. Dinescu zeigt sich hier sehr auf der Höhe der Zeit – und wird so dem Titel dieses Stückes gerecht: Das Unerklärte, das zu ihnen kommt und bleibt. Mehr noch als je zuvor zählt das unmittelbare Klangereignis für sich. Manchmal sperrig, gewiss. Aber vor allem wirkt das Spiel der variablen Kleinbesetzungen assoziativ, ja fast improvisiert.
Inspiration aus vielerlei Quellen
Allerdings nie, ohne dass – und auch darauf ist bei Violeta Dinescu Verlass – ein dezidierter Überbau dahintersteht. Dieser Überbau speist sich aus vielerlei Quellen. Herangezogen wurde unter anderem Dantes neunter Höllenkreis, in dem der Verrat als schlimmste Sünde gesühnt wird. Rilkes Gedicht Die Insel liefert (Klang-)Bilder von existenzieller Einsamkeit. Im Zentrum des elfgliedrigen Zyklus steht der sogenannte Vuza-Kanon – ein mathematisches Kompositionsverfahren, das rhythmische Patterns ohne Überlappungen ineinanderfügt. Strenge Architektur als Bühne für klangliche Freiheit: Genau solche Paradoxe lassen Violeta Dinescu produktiv werden.
„Durch Verrat hindurch" meint auch die Überwindung, den Weg durch das Trauma. Wer die Biografie der Komponistin kennt – die unfreiwillige Emigration aus dem totalitären Rumänien, die Angst vor der Rückkehr – versteht, dass hier Persönliches mitschwingt. Die Musik sagt das Unsagbare. In den Räumen zwischen den Klängen wird, so Dinescu selbst, „das Echo des Unaussprechlichen spürbar".
Zwischen Abstraktion und Farbigkeit
Das Trio Contraste um den Pianisten Sorin Petrescu, mit dem Dinescu seit Jahrzehnten zusammenarbeitet, realisiert diese imaginäre Oper mit gerade zu berstender Intensität. Die Balance zwischen Abstraktion und Farbigkeit, zwischen intellektueller Brechung und sinnlicher Unmittelbarkeit gelingt auf beeindruckende Weise.
Ausführliches Booklet
Ein ausführlicher Booklet-Text von Egbert Hiller reflektiert das intellektuelle Konzept dieser Komponistin mit großer Sorgfalt. Er schlägt den Bogen von Dantes Inferno über Rilkes Lyrik bis zur mathematischen Kanontheorie und ordnet das Ganze in Dinescus Biografie ein. Für alle, die tiefer in diese vielschichtigen Klangbiotope eintauchen möchten, ist die Lektüre allemal lohnend.
Stefan Pieper [13.01.2026]
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Komponisten und Werke der Einspielung
| Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
|---|---|---|
| CD/SACD 1 | ||
| Violeta Dinescu | ||
| 1 | Pfade I für Trăgulofon (Kürbissax), Klarinette und Klavier | 00:05:32 |
| 2 | in schiefen Spiegeln für Sopransaxophon, Altsaxophon und Klavier | 00:09:18 |
| 3 | Pfade II für Klarinette, POSaxUNE und Klavier | 00:04:29 |
| 4 | Nah ist nur Innres für Altsaxophon, Bassklarinette und präpariertes Klavier | 00:07:55 |
| 5 | Pfade III für Klarinette, Kaval, Trăgulofon (Kürbissax), Tromsax und Klavier | 00:07:01 |
| 6 | Verrat für Ensemble | 00:07:17 |
| 7 | verwirrend kreist für Klavier | 00:05:52 |
| 8 | Pfade IV für Klarinette, Tromsax und Klavier | 00:04:37 |
| 9 | das Unerklärt zu ihnen kommt und bleibt für Altsaxophon, Bassklarinette und Synthesizer | 00:07:50 |
| 10 | Pfade V | 00:03:50 |
| 11 | Die Insel für Fluier, Klarinette und Klavier | 00:09:56 |
Interpreten der Einspielung
- Andrei Cuibariu (Klarinette, Altsaxophon)
- Dorin Cuibariu (Saxophon, Fluier, Kaval, Tromsax, Trăgulofon (Kürbissax))
- Sorin Petrescu (Klavier, Synthesizer)
