Carl Reincke
Belsazar • Sommertagsbilder
cpo 555 692-2
2 CD • 1h 43min • 2024
09.02.2026
Künstlerische Qualität:![]()
Klangqualität:![]()
Gesamteindruck:![]()
Mit einer bis heute nicht übertroffenen Amtsdauer von 35 Jahren als Leipziger Gewandhauskapellmeister und einer noch längeren Wirkungszeit als Pianist und Pädagoge war Carl Reinecke zweifellos eine Schlüsselfigur im deutschen Musikleben des 19. Jahrhunderts. Unter den zeitweise „vergessenen“ Komponisten dieser Epoche gehört er mittlerweile zu den diskographisch am besten erfassten, wozu die seit über 30 Jahren von cpo betriebenen Einspielungen seiner Musik wesentlich beigetragen haben. Nach Orchester-, Kammer- und Klaviermusik sowie den musikalischen Märchendichtungen macht nun eine Doppel-CD mit dem Oratorien- und Kantatenkomponisten Reinecke bekannt. Das vom GewandhausChor und der camerata lipsiensis unter Leitung von Gregor Meyer eingespielte Album enthält zwei Werke: Das Oratorium Belsazar op. 73 von 1859 und die Sommertagsbilder op. 161 von 1881.
Kurzes Oratorium
Belsazar, mit 46 Minuten Spieldauer ein recht kurzes Oratorium, thematisiert die babylonische Gefangenschaft der Israeliten, ihre Verhöhnung durch König Belsazar und dessen Tod nach der Menetekel-Szene. Reinecke zeigt sich in diesem Stück als exzellenter Beherrscher der orchestralen Klangfarben. Eindringlich gelingen ihm die Klagegesänge der Israeliten. Der Doppelchor mit dem Solo des Propheten Daniel und das anschließende Menetekel zeugen von einem Talent zu dramatischer Zuspitzung. Die Überheblichkeit Belsazars wird überzeugend in Musik gesetzt, deutlich blasser bleiben jedoch die Triumphgesänge der Babylonier. Auch der finale Chor der befreiten Israeliten gehört nicht zu Reineckes stärksten Eingebungen. Im lyrisch-feierlichen Tonfall bleibt er deutlich hinter Mendelssohn Bartholdy zurück, der sein kaum zu überhörendes Vorbild ist.
Ein meisterliches „Konzertstück“
Die Sommertagsbilder schildern den Lauf eines sommerlichen Tages von einem Sonnenaufgang zum nächsten. Sie überragen das ältere Oratorium beträchtlich und können zu Reineckes stärksten künstlerischen Leistungen gerechnet werden. Das Werk ist als „Konzertstück“ bezeichnet, worunter hier keine kleinere Komposition für Soloinstrument und Orchester verstanden wird, sondern ein chorsymphonisches Werk. Reinecke folgt mit dieser Bezeichnung Gade, der einige Werke für Chor und Orchester so nannte. Auch Raff, Dietrich, Jadassohn und Draeseke haben vokale Konzertstücke geschrieben. Ob im Fall von Reineckes op. 171 der hohe Anteil reiner Orchestermusik den Komponisten davon abhielt, das Werk schlicht „Kantate“ zu nennen? Immerhin wird es von einer umfangreichen Ouvertüre eingeleitet und enthält zwei verhältnismäßig ausgedehnte Intermezzi für Orchester, sodass ein gutes Drittel der knapp einstündigen Komposition aus Instrumentalmusik besteht. Verglichen mit Belsazar hat sich Reineckes Stil nicht grundsätzlich verändert, doch wirkt das jüngere Werk bedeutend reifer. Die musikalischen Gestaltungsmittel werden in den Dienst der poetischen Idee gestellt, wie dies nur ein souveräner Meister kann. Die Choralbearbeitung in der Abendmusik (Satz 4) ist Tondichtung, kein Schulkontrapunkt! Gerade im lyrischen Affekt, der in Belsazar relativ schwach zum Ausdruck kam, feiert Reinecke hier einen Triumph nach dem anderen. Vor seiner Kunst, sommerliche Wärme und Farbenpracht in ihren verschiedenen Abstufungen in Musik zu setzen, muss man einfach den Hut ziehen.
Vorzügliche Sänger
Dem Dirigenten Gregor Meyer standen für diese Aufnahmen vorzügliche vokale Kräfte zur Verfügung. Die Solisten im Belsazar sind durchweg großartig. Der Tenor Florian Sievers lehnt sich als Prophet Daniel hörbar an die Evangelistenpartien barocker Oratorien an. Bernhard Hansky (Bariton) glänzt als großspuriger König. Dass das Gesamtergebnis nicht optimal ist, liegt vor allem am Dirigenten, der an vielen Stellen zu sehr einer virtuos gehandhabten Routine vertraut. Oft hätte in polyphonen Abschnitten (z. B. Israelitenchöre in Belsazar) das Stimmengefüge stärker zur Geltung gebracht werden können. Wenn es laut wird, gerade bei Einsätzen der Blechinstrumente, kommt ein Einschlag von Grobheit in das Musizieren. Das mag effektvoll sein, doch Reineckes Musik ist meines Erachtens subtiler als sie hier dargeboten wird.
Norbert Florian Schuck [09.02.2026]
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Komponisten und Werke der Einspielung
| Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
|---|---|---|
| CD/SACD 1 | ||
| Carl Reinecke | ||
| 1 | Belsazar op. 73 (Oratorium) | 00:46:00 |
| CD/SACD 2 | ||
| 1 | Sommertagsbilder op. 161 für Chor und Orchester (Concert-Stück) | 00:56:36 |
Interpreten der Einspielung
- Anja Pöche (Sopran)
- Nora Steuerwald (Alt)
- Florian Sievers (Tenor)
- Bernhard Hansky (Bariton)
- GewandhausChor Leipzig (Chor)
- Camerata Lipsiensis (Orchester)
- Gregor Meyer (Dirigent)
