The Soul of Smyrna
Complete Piano Sonatas of Stéphane Elmas
Solo Musica SM 423
1 CD • 78min • 2022
05.07.2023
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Gesamteindruck:![]()
Wenn es um (klassische) Musik in Armenien vor Aram Chatschaturjan geht, denkt man sicherlich zunächst einmal an Komitas Vardapet, vielleicht auch an Alexander Spendiarjan. Seit einiger Zeit, und im Rahmen von CD-Einspielungen gerade in den letzten Jahren, taucht mit einiger Regelmäßigkeit auch der Name eines weiteren, noch etwas älteren Komponisten auf, nämlich Stéphan Elmas (1862–1937); bei seinem Namen handelt es sich um eine Französisierung von Stepan Elmasjan. Elmas, geboren in Smyrna, dem heutigen Izmir, war eine pianistische Frühbegabung und spielte bereits mit 13 Jahren ein Liszt-Programm. Mit 17 Jahren spielte er Liszt in Weimar vor, auf dessen Rat er in Wien studierte, es folgten allerhand Tourneen durch Europa, bis er sich 1912 in Genf niederließ. Die Folgen einer Typhusinfektion 1897 ließen ihn allmählich ertauben, und in späteren Jahren isolierte er sich mehr und mehr vom Musikleben seiner Zeit. Die armenische Pianistin Heghine Rapyan, Jahrgang 1985 und in Salzburg lehrend, hat nun seine vier Klaviersonaten erstmals auf CD eingespielt.
Chopin als zentraler Referenzpunkt
Angesichts von Elmas’ biographischen Eckdaten läge es vermutlich zunächst nahe, eine Musik zu erwarten, die wesentlich von Liszt geprägt ist oder vielleicht mit armenischem Kolorit arbeitet. Beide Vermutungen erweisen sich aber in den hier eingespielten Sonaten als unzutreffend: faktisch ist ganz offensichtlich Chopin der zentrale Einfluss, allgemeiner die Klaviermusik der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts (inklusive etwas Beethoven). Überdeutlich zeigt sich dies natürlich dann, wenn Elmas den langsamen Satz seiner Sonate Nr. 1 als Trauermarsch und überdies in b-moll anlegt, während die Sonate eigentlich in h-moll steht (eine eher ungewöhnliche Tonartenkonstellation, die sicherlich ein wenig von der Perspektive ex post zeugt). Andererseits: eine „vierte Chopin-Sonate“ oder dergleichen wird man unter Elmas’ Sonaten nicht finden; der Eindruck ist eher der von Studienwerken, die sich an bestimmten Vorbildern orientieren. Tatsächlich ist im Beiheft davon die Rede, dass Elmas die (übrigens stets dreisätzigen, also scherzolosen) Sonaten „in frühen Jahren“ schrieb; in manchen Quellen wird 1901 für die Sonate Nr. 1 und 1886 (sic) für die Sonate Nr. 2 angegeben, was aber sicherlich mit Vorsicht zu genießen ist.
Deutlich reduzierte Komplexität
Insbesondere fällt auf, dass Elmas in Vergleich zu Chopin in vielerlei Hinsicht die Komplexität deutlich reduziert. Das beginnt interessanterweise bereits beim Klaviersatz, der gerade in den ersten beiden Sonaten häufig auf Dreiklangsbewegungen in Achteln in der linken und einer melodischen Linie in der rechten beruht, selbst mit Ornamenten geht Elmas hier tendenziell sparsam um. Überhaupt sind gerade die Sonaten Nr. 1 und 2 wesentlich um ihre nicht uneingängige (hübsch etwa das Finale der Sonate Nr. 1), dabei allerdings bekannten Mustern verpflichtete Melodik herum aufgebaut, während konkrete Klangvorstellungen, ein avancierteres Spiel mit den Möglichkeiten des Klaviers keine größere Rolle spielen. Etwas reicher wird der Satz in den letzten beiden Sonaten (am überzeugendsten vielleicht der Kopfsatz der Sonate Nr. 3), ohne aber das Niveau etwa von Chopins Sonate Nr. 1 zu erreichen. Die Harmonik ist – auch bei gelegentlichen Modulationen in entlegenere Regionen – insgesamt sehr konventionell, Polyphonie spielt fast gar keine Rolle, selbst dann, wenn das Hauptthema das Finales der Sonate Nr. 3 etwas überraschend fast wie ein Fugenthema aus dem 18. Jahrhundert anmutet, was aber ohne entsprechende Konsequenzen bleibt. Blass bleibt in der Regel die thematische Arbeit mit einer Tendenz zu Sequenzierungen, ohne dass dadurch z.B. in den Durchführungen ein dramatisches Moment entstehen würde; auch das Gestalten von Übergängen gerät oft genug holprig, da Elmas zuweilen schlicht eine Episode beendet und die nächste nahtlos folgen lässt (vgl. etwa gegen Ende des Finales der Sonate Nr. 2).
Engagierte Anwältin mit freier Tempogestaltung
Heghine Rapyan erweist sich derweil als engagierte Anwältin dieser Musik. Hervorzuheben ist insbesondere ihre eher freie Tempogestaltung, mit der sie überzeugend der Problematik begegnet, dass sich einige der Sätze kaum befriedigend in einem Tempo darstellen lassen (weil dann entweder einige Passagen rasend schnell oder eben umgekehrt andere viel zu statisch wirken würden). Generell bevorzugt sie einen auch an den kraftvolleren Stellen eher zurückgenommenen, lyrisch geprägten Ansatz. Der Begleittext erscheint wesentlich zu enthusiastisch, und das Drama und den Kampf, der vermeintlich immer mit „Sieg und Optimismus“ enden soll, vermag ich in dieser Musik beim besten Willen nicht aufzufinden. Bei alledem ist es gewiss reizvoll, den Anfängen der klassischen Musik eines Landes hinterherzuspüren, umso stärker natürlich für den Interpreten, und insofern ist die Begeisterung, mit der Rapyan zu Werke geht, nur verständlich.
Holger Sambale [05.07.2023]
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Komponisten und Werke der Einspielung
| Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
|---|---|---|
| CD/SACD 1 | ||
| Stéphan Elmas | ||
| 1 | Première Sonate | 00:21:39 |
| 4 | Deuxième Sonate | 00:19:49 |
| 7 | Troisième Sonate | 00:16:34 |
| 10 | Quatrième Sonate | 00:19:01 |
Interpreten der Einspielung
- Heghine Rapyan (Klavier)
