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CD-Besprechung

Popov • Schulhoff

Quartet Berlin - Tokyo

QBT collection QBT 001

1 CD • 72min • 2021

27.02.2022

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Klassik Heute
Empfehlung

Wer in den 1990er Jahren die Veröffentlichungen des mittlerweile längst von der Bildfläche verschwundenen, auf sowjetische Musik spezialisierten Labels Olympia verfolgt hat, dürfte mit dem Namen Gawriil Popow (1904–1972) etwas anzufangen wissen (i.W. drei sehr bemerkenswerte CDs). Später hat das Petersburger Label Northern Flowers noch ein paar Einspielungen folgen lassen, doch letztlich ist Popow nach wie vor ein eher unbeschriebenes Blatt. Dabei tragen seine besten Werke (zu denen ich ebenso wie Boris Yoffe im Beiheft die Sinfonien Nr. 1, 5&6 zählen würde) genialische Züge, ein echter Sinfoniker, große, ambitionierte, hochexpressive Musik. Seine Sinfonie Nr. 1 brachte ihn in den 1930er Jahren in Konflikt mit der sowjetischen Kulturpolitik, und so wirklich hat sich seine Reputation danach (trotz eines Stalinpreises für die Sinfonie Nr. 2) nicht wieder davon erholt.

Eine Quartett-Sinfonie von enormen Dimensionen

Im Jahre 1951 schrieb er sein (einziges) Streichquartett c-moll op. 61, ein monumentales Werk von enormen Dimensionen, in der hier vorliegenden Ersteinspielung durch das Quartet Berlin-Tokyo rund 57 Minuten lang, davon fast 25 Minuten Kopfsatz. Nicht umsonst ist es als Quartett-Sinfonie bezeichnet (übrigens in Analogie zu Popows Septett op. 2, das auch als Kammersinfonie betitelt ist), und den damit verbundenen Anspruch spürt man nicht nur in der zeitlichen Ausdehnung. Gleich der Kopfsatz ist ein gewaltiges episch-heroisches Fresko, vorangetrieben von marschhafter Rhythmik, die von lyrisch aufblühender Melodik (Seitenthema) kontrastiert wird. All dies ist getragen von einem großen Atem, von weiten Bögen, sodass der Satz trotz seiner enormen Länge nie lang wirkt. Das lebhafte Scherzo, eine Art schneller Walzer, ist der einzige Satz von halbwegs üblichen Dimensionen, gefolgt von einem großen poetisch-ausdrucksstarken Des-Dur-Adagio mit kontrastierendem, harmonisch schärferem Mittelteil. Das Finale schließlich könnte man als Popows eigene Ode an die Freude bezeichnen (mit deutlicher, bewusster Bezugnahme auf Beethoven).

Eine entdeckerische Tour de force

Im Vergleich zu Popows Sinfonie Nr. 1 ist dieses Werk sicherlich eher konservativ gehalten, und es ist durchaus möglich, Bezüge z.B. zur (Sinfonik der) russischen Nationalromantik herzustellen (ohne dass diese kopiert würde!), was bis zu einem gewissen Grade im historischen Kontext zu betrachten ist (das Werk entstand zu den Hochzeiten des sogenannten „Sozialistischen Realismus“). Die sicherlich notwendige und aufschlussreiche Kenntnisnahme solcherlei Begleitumstände sollte allerdings (wie übrigens auch allgemein bei sowjetischer Musik jener Zeit) nicht den Blick auf die Musik selbst verstellen, und hier ist ganz entschieden festzustellen, dass Popow mit diesem Werk ein großer Wurf mit bemerkenswert persönlicher Note gelungen ist, auf seine Weise ebenbürtig zu seinen besten Sinfonien und auch überhaupt ein großartiges Streichquartett. Tatsächlich ist es nach seiner Uraufführung 1951 bis zu dieser Aufnahme (die 70 Jahre später entstand) nie gespielt worden, und so gebührt dem Quartet Berlin-Tokyo allein schon für seinen Pioniergeist ein großes Lob. Aber auch die Einspielung selbst ist ein vorzügliches Plädoyer für das Werk, der Klang des Quartetts leicht rau (was sehr gut zur Musik passt) mit besonderem Augenmerk auf dem sinfonischen Aspekt, den kraftvollen Kulminationen, die das Quartett eindrucksvoll zu realisieren weiß. Kleinere Abstriche (etwa an heikleren Stellen wie den Doppelgriffpassagen ab etwa 6:00 im langsamen Satz, hier und da wäre noch etwas mehr Differenzierung möglich, die Akustik ist etwas trocken) fallen vor dem Hintergrund dieser entdeckerischen Tour de force nicht weiter ins Gewicht.

Solide Einspielung von Schulhoffs Fünf Stücken

Begonnen wird die CD allerdings mit Musik eines anderen Vertreters der Avantgarde der 1920er Jahre, nämlich mit Erwin Schulhoff und seinen Fünf Stücken für Streichquartett aus dem Jahre 1923, herrlichen Miniaturen, die Tänze wie Wiener Walzer, Tango oder Tarantella satirisch-hintergründig verfremden (wie von Isabel Herzfeld im Beiheft treffend umschrieben). Das Quartet Berlin-Tokyo liefert eine sehr solide Einspielung des Zyklus, die freilich die mannigfaltigen Differenzierungs- und Nuancierungsmöglichkeiten, die diese Musik bietet, nicht bis ins Letzte ausreizt (der Spagat zwischen Prestissimo-Tempovorschrift und sempre spiccato in der abschließenden Tarantella geht hier z.B. eher zulasten des Spiccatos). Letzten Endes aber ist bereits die Wiederentdeckung des Popow-Quartetts ein sehr starkes Argument für dieses Album.

Holger Sambale [27.02.2022]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Erwin Schulhoff
1Five Pieces for String Quartet 00:14:00
Gavriil Popov
6Streichquartett c-Moll op. 61 (Quartet-Symphony) 00:57:36

Interpreten der Einspielung

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