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CD-Besprechung

Carl Czerny

Systematische Anleitung zum Fantasieren op. 200

cpo 555 384-2

2 CD • 83min • 2021

31.01.2022

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Ohne das ebenso ausführliche wie liebevolle Booklet von Kolja Lessing stünde man wohl etwas hilflos vor dieser Doppel-CD mit insgesamt 64 Beispielen, mit denen Carl Czerny das Fantasieren auf dem Klavier exemplarisch erklären möchte. Wobei – Achtung! – man „Fantasieren“ nicht als elementares Improvisieren, als kreatives pianistisches Spiel unabhängig vom pianistischen Ausbildungsstand begreifen darf, wie Kolja Lessing schreibt, sondern als schon sehr regelgebunden. Für Czerny selber ist die Fantasie mit einem poetischen Bild ein „schöner englischer Garten, anscheinend regellos, aber voll überraschender Abwechslung, und verständig, sinnvoll und planmäßig“.

Lessing wählt eigene Abfolge der Stücke

Und ganz planmäßig gliedert Czerny sein Fantasie-Kompendium in „Preludien vor Anfang eines Stückes, Cadenzen, Fermaten, in der Mitte eines Stücks…, in Concerten…, das wirkliche, selbständige Fantasieren…, wirkliche Potpourris…, Variationen in allen üblichen Formen, Fantasien in gebundenen und fugiertem Styl, Capriccios der freyesten, ungebundenen Art.“

In „freyester, ungebundener Art“, bewusst die Czerny’sche Nummern-Abfolge durchbrechend, gliedert stattdessen Kolja Lessing die einzelnen Stücke, damit Abwechslung eine drohende Hör-Erschöpfung verhindert. Die genauen Beschreibungen der einzelnen oder zusammengehörenden Stücke bieten zusätzlich Hilfe beim Anhören.

Fantasievolle Fantasien

So zum Beispiel die Nr. 46 Fantasie als Potpourri (CD I, Track 3), mit 12’18 Minuten das längste Stück: Das ist eine wahre Anspielungs- und Zitaten-Wundertüte, von „größten Kontrasten und höchster Virtuosität“ geprägt, wie Lessing schreibt. Schon da kann man Lessings Spiel bewundern: kraftvoll und klangüppig, glitzerzart und spannungsvoll samtig, alles mit müheloser Virtuosität. Und unerschöpflich scheint auch Lessings Anschlagskunst zu sein. Das erweist sich aufs bestechendste auch in der Fantasie d-Moll (CD I, Track 35): Ein weitgespanntes und dabei wildwütendes Thema wird noch weiter ausgespannt, scheint sich im liedartig in entlegenste Tonarten aufzulösen und wird dann in der Coda ins Hochdramatische aufgesteilt. Spätestens da müsste man aufhören, von Carl Czerny als „Kleinmeister“ zu sprechen.

Die formenreiche Fantasie über ein Thema c-Moll (CD II, Track 1) führt in klangmagische, schon romantisch anmutende weite Welten, von der Idylle zur quirligen Vergnügtheit, von unheimlichen Tiefen bis hin zum Fortissimo-Schluss, dazwischen scheint die Musik in sich zusammenzufallen – erregende Abfolgen in gerade mal 7:31 Minuten. Die Fantasie über ein Thema Es-Dur (CD II Track16) ist sogar viersätzig und präsentiert sich als Symphonie in 9 Minuten mit Präludium, Eröffnungssatz, Scherzo, Adagio und Allegretto, alles von Kolja Lessing exquisit herausgearbeitet und präsentiert.

Fugenkunst und Fermaten-Füllung

Kürzest-Präludien (CD I, Tracks 7-11), Hommages à Beethoven (CD I, Tracks 15-34) mit kunstvollen Variationen eines einzigen Motivs, dabei alle Klangmöglichkeiten des Klaviers ausreizend, darunter eine längere schäumende Kadenz (CD I, Track 15) sowie auch die Möglichkeit, ein Thema als Rondo, Scherzo, Fuge, Walzer oder Marsch zu formulieren, dazu Modulationsmöglichkeiten in den Präludien (CD I, Tracks 34-44): unerschöpflich scheint Czernys Fantasie zu sein. Fugenkunst und Polyphonie-Kenntnis demonstriert Czerny (CD II, Tracks 48-50), und dann auch noch die Kunst der Fermaten-Füllung (CD II, Tracks 3-15), kleine Kadenzen zur weiteren Verwendung, als Überleitung oder Zwischenspiel.

Mithilfe dieser CD und auch der früheren, der Kunst des Präludierens op. 300, die auch Kolja Lessing eingespielt hat, kann nun jeder Pianist nach Herzenslust präludieren, fantasieren und variieren.

Herrlich satt und sonor und vollkommen klirrfrei klingt der verwendete Flügel (welcher, wird nicht vermeldet) in klarer Akustik.

Rainer W. Janka [31.01.2022]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Carl Czerny
1Systematische Anleitung zum Fantasieren op. 200

Interpreten der Einspielung

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