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CD-Besprechung

Lyapunov

Florian Noack
12 Études d'exéctuion transcendante

la dolce volta LDV 90

1 CD • 70min • 2020

28.01.2022

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Die Musik Sergei Ljapunows (1859–1924) bildet einen besonderen Schwerpunkt im Repertoire des jungen belgischen Pianisten Florian Noack, und so ist seine Einspielung der 12 Etudes d’exécution transcendante op. 11 beim Label La Dolce Volta bereits seine dritte CD, die sich dem Schaffen des russischen Spätromantikers widmet (die ersten beiden erschienen bei Ars Productions). Dies ist umso begrüßenswerter, da Ljapunow (schon immer) ein wenig unter dem Ruf gelitten hat, ein Epigone der Gruppe der Fünf (vor allem Balakirews) zu sein; in seiner Klaviermusik kommt Franz Liszt als zweiter wesentlicher Bezugspunkt hinzu. Besonders dann, wenn man Musikgeschichte vorwiegend linear-kumulativ begreift (was aber bereits a priori den Blick auf so viel Hörenswertes versperrt), mag so etwas als Malus gelten, doch wie Noack im interviewartigen Beiheft überzeugend darlegt, wird man Komponisten wie Ljapunow auf diese Weise nicht gerecht. Und in der Tat: konzentriert man sich auf die Musik an und für sich, dann kann man den Zyklus dieser zwölf Etüden mit Fug und Recht als eines der schönsten und eindrucksvollsten Klavierwerke der russischen Spätromantik bezeichnen. Lange Zeit war der Katalog von Einspielungen davon sehr schmal (allerdings mit einer vorzüglichen Aufnahme von Louis Kentner aus dem Jahre 1949); erst in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten sind eine Reihe neuer Aufnahmen hinzugekommen.

Charakterstücke von größter Virtuosität

Selbstverständlich bezieht sich der Titel aufs Liszts gleichnamigen Zyklus, und in der Tat kann man Ljapunows Etüden als eine Art Ergänzung davon betrachten – Liszts ursprünglicher Plan war es, 24 Etüden durch alle Tonarten zu komponieren, letztlich blieb es dann aber bei den „ersten“ zwölf (von C / a bis Des / b). Ljapunows Zyklus erstreckt sich dementsprechend über die Kreuztonarten, erneut in Paaren gemäß Quintenzirkel (von Fis / dis bis G / e). Dass Liszt stilistisch, im Klaviersatz und insofern, als dass sich einige seiner Etüden bei Ljapunow modellhaft widerspiegeln, Pate gestanden hat, versteht sich fast von selbst; auch Chopins Erbe hört man hier und da. Natürlich stehen die Stücke aber nicht minder deutlich in der Tradition der russischen Schule und greifen Folklore des damaligen russischen Reichs auf, wovon bereits viele Titel (Nr. 4 Der Terek in Bezug auf ein Gedicht Lermontows, Nr. 10 Lesginka usw.) zeugen. Im Grunde genommen sind alle zwölf Etüden vor allen Dingen (teils sehr) umfangreich angelegte Charakterstücke von größter Virtuosität, und so ist bei der Interpretation dieser Werke alle pianistische Meisterschaft eigentlich nur ein Mittel zu dem Zweck, die spezifische Atmosphäre dieser Stücke herauszuarbeiten.

Interpretationen mit Sinn für lyrischen Zauber

Florian Noack gelingt dies speziell in den lyrischen, Momente und Stimmungen einfangenden Stücken wie dem Idyll (Nr. 7) oder der Äolsharfe (Nr. 9) vorzüglich und mit exquisitem Gespür für den Klangzauber dieser Musik. Sein Pedalgebrauch ist großzügig (Konstantin Scherbakov in seiner Neueinspielung z.B. ist hier insgesamt deutlich zurückhaltender und manchmal etwas trocken), sein Gespür für klangliche und agogische Nuancen in diesen Stücken ausgezeichnet. Tendenziell etwas mehr Luft nach oben lassen die eher episch bis dramatisch angelegten Etüden, wo der Gestaltung der musikalischen Entwicklung, der Dramaturgie stärker Rechnung getragen werden könnte. Ein Beispiel ist die altrussisch angehauchte Byline (Nr. 8), die einen großen Bogen beschreibt, der eine immer stärkere Sogkraft bis zum Presto-Schluss erzeugt; selbst wenn nach dem kurzen Ausflug nach Es-Dur der Beginn wieder aufgegriffen wird, dann doch anders als noch ganz zu Anfang. Ornamente in Liszts Tradition erscheinen dabei nicht zuletzt funktional, indem sie das Momentum der Musik vorantreiben. Derlei Feinheiten in der Gestaltung kommen in Noacks Interpretation nicht in dem Maße zur Geltung wie in Kentners beispielhafter Lesart dieser Etüde.

Ein wenig hängt dies wohl auch damit zusammen, dass Noack Ljapunow vorwiegend als Lyriker begreift. Sicherlich gibt es auch in diesem Zyklus vieles, das von Ljapunows ausgesprochen lyrischer und poetischer Ader zeugt. Doch ich würde Noack nicht unbedingt zustimmen, wenn er die Lesginka oder die finale Apotheose als eher erzwungen ansieht. Auch der wild dahinschnellende Terek oder der Sturm in Nr. 6 zeugen von einer anderen Seite Ljapunows – überdies vor dem Hintergrund eines seiner späten orchestralen Hauptwerke, der episch-monumentalen Sinfonie Nr. 2, die beträchtliche Energien entfaltet. Gerade im Falle der Lesginka ist Noacks Lesart zwar rasch und arbeitet diverse Mittel- und Nebenstimmen schön heraus, aber dabei kommt mitunter die eigentliche Charakteristik dieses kaukasischen Tanzes und seine prägnante triolische Rhythmik etwas zu kurz (man vergleiche etwa die orchestralen Lesginkas in Ippolitow-Iwanows Orchestersuite Nr. 2 oder Chatschaturjans Gajaneh).

Empfehlenswerte Neueinspielung

In der Summe liefert Florian Noack eine empfehlenswerte und poesievolle Darbietung dieses Zyklus. Kentners Einspielung bleibt sicherlich die Referenzaufnahme; interessiert man sich aber für eine neuere Einspielung (und dafür gibt es allein schon angesichts der eingeschränkten Tonqualität des Jahres 1949 gute Gründe), dann ist man bei Noack in sehr guten Händen.

Holger Sambale [28.01.2022]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Sergej Liapunow
1Berceuse Fis-Dur op. 11 Nr. 1 (aus: Études d'exécution transcendante op. 11) 00:03:38
2Ronde des fântomes dis-Moll op. 11 Nr. 2 (aus: Études d'exécution transcendante op. 11) 00:03:08
3Carillon H-Dur op. 11 Nr. 3 (aus: Études d'exécution transcendante op. 11) 00:06:14
4Térek gis-Moll op. 11 Nr. 4 (aus: Études d'exécution transcendante op. 11) 00:04:20
5Nuit d'été E-Dur op. 11 Nr. 5 (aus: Études d'exécution transcendante op. 11) 00:06:44
6Tempête cis-Moll op. 11 Nr. 6 (aus: Études d'exécution transcendante op. 11) 00:04:18
7Idylle A-Dur op. 11 Nr. 7 (aus: Études d'exécution transcendante op. 11) 00:04:18
8Chant epique fis-Moll op. 11 Nr. 8 (aus: Études d'exécution transcendante op. 11) 00:08:44
9Harpes éoliennes D-Dur op. 11 Nr. 9 (aus: Études d'exécution transcendante op. 11) 00:06:07
10Lesghinka h-Moll op. 11 Nr. 10 (aus: Études d'exécution transcendante op. 11) 00:06:37
11Rondes des sylphes G-Dur op. 11 Nr. 11 (aus: Études d'exécution transcendante op. 11) 00:03:53
12Élégie en mémoire de François Liszt e-Moll op. 11 Nr. 12 (aus: Études d'exécution transcendante op. 11) 00:11:44

Interpreten der Einspielung

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