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CD-Besprechung

Franz Ignaz Beck

L'isle déserte

cpo 555 336-2

1 CD • 56min • 2019

27.09.2021

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Ein deutscher Komponist vertont ein italienisches Libretto in einer französischen Bearbeitung für ein französisches Theater. Die Rede ist von dem gebürtigen Mannheimer Franz Ignaz Beck (1734-1809) und seiner Oper L’isle déserte, die am 4. Januar 1779 in Bordeaux herauskam, wo er nach Lehr- und Wanderjahren in Italien eine herausragende Rolle im städtischen Musikleben spielte, das bürgerlich und nicht höfisch geprägt war. Heute ist Beck, wenn überhaupt, allenfalls noch durch seine Sinfonien im Gedächtnis geblieben. Er war aber ein sehr fruchtbarer Komponist, der auch viele Bühnenmusiken fürs Theater geschrieben hat. L’isle désert ist allerdings seine einzige Oper geblieben.

Das originale Libretto (L’isola disabitata) stammt von Pietro Metastasio, der es ursprünglich für den befreundeten, am spanischen Hof tätigen Kastraten Farinelli geschrieben hatte, der es mit der Musik eines Giuseppe Bonno 1753 im Theater von Aranjuez zur Uraufführung brachte. Die Oper selbst geriet bald in Vergessenheit, das Opernbuch hingegen erlebte in der Folgezeit zahlreiche Vertonungen, die prominentesten von Niccolò Jommelli (1760) und Joseph Haydn, dessen Version nur wenige Monate nach Becks Adaption, am 6. Dezember 1779, in Esterháza Premiere hatte.

Im Geiste der Aufklärung

Die Handlung ist ziemlich simpel und lag in der Zeit der Robinsonaden wohl auch „im Trend“. Sie spielt auf einer einsamen Insel, wo sich die – wie weiland Ariadne – von ihrem Ehemann verlassen fühlende Costanza (bei Beck: Constance) seit dreizehn verzweiflungsvollen Jahren mit ihrer wesentlich jüngeren und unbekümmerten Schwester Silvia (Laurette) aufhält. Sie ist bereit, in den Tod zu gehen, als plötzlich ihr Gernando (Dorval) in Begleitung seines Freundes Enrico (Sainville) wieder auftaucht. Er war keineswegs untreu, sondern von Piraten geraubt und in die Sklaverei verkauft worden. Ins Happy End wird auch das zweite, sich auf der Insel findende Paar einbezogen. In den beiden gegensätzlichen Frauenfiguren spiegelt sich ein beliebtes Thema der Aufklärung: Zivilisation (Costanza) gegen Natur (Silvia).

Die Dialoge fehlen

Haydns Version des Stoffes ist eine „azione teatrale“ in zwei Teilen mit langen Orchester-Rezitativen, die etwa die Hälfte der Partitur ausmachen und in denen die Handlung entwickelt wird. Becks einaktige französische Adaption trägt die Bezeichnung „opéra comique“ und behilft sich gattungsgerecht mit gesprochenen Dialogen. Allerdings sind diese Dialoge nicht mehr auffindbar. In der Aufführung der Schwetzinger Festspiele wurde das Problem durch einen Erzähler gelöst, der die aus Metastasios Libretto bekannten Ereignisse vor jedem Musikstück zusammenfasste. Auf diese Texte wurde bei der CD-Veröffentlichung verzichtet. Sie enthält lediglich eine Abfolge der (mit Ouvertüre) 11 Musiknummern, denen der dramaturgische Zusammenhang fehlt. Der Zufall will es, dass erst vor wenigen Monaten beim Label Pentatone eine in vokaler, instrumentaler wie klangtechnischer Hinsicht exemplarische Neuaufnahme der Haydn-Oper erschienen ist, mit der Akademie für Alte Musik Berlin unter Bernhard Forck (PTC 5186 275), die nicht nur einen unmittelbaren Vergleich der beiden Versionen ermöglicht, sondern auch die in Becks Werk fehlenden Teile ergänzen kann.

Gelungene Ausgrabung

Der französischen Sprache ungeachtet verrät L’isle déserte ganz deutlich italienische Schulung, vor allem in den dacapo-Arien mit ihren zahlreichen Verzierungen. Mehr noch als bei Haydn fallen konzertierende Elemente auf: Die instrumentalen Anteile in den Arien sind beträchtlich und insbesondere in Constances Entrée mit Oboe („Une épouse infortunée“) und Dorvals 2. Arie („Épargne à ma misère“) mit einem beinahe ebenbürtigen Hornsolo von bestrickender Wirkung. Das Gesangsquartett erinnert mit zwei Sopranen und zwei Tenören an die Konstellation von Mozarts einige Jahre später entstandener Entführung, wobei Constance und Dorval im heroischen Habitus Konstanze und Belmonte entsprechen, Laurette und Sainville in leichterem, aber ebenfalls kunstvollen Ton Blondchen und Pedrillo. Bei Haydn ist der Gefährte Enrico mit einem Bariton besetzt. In Schwetzingen stand ein vorzügliches Ensemble junger Sänger zur Verfügung, deren Namen man sich – auch in Hinblick auf Mozart – merken muß. Ana Maria Labin und Theodore Browne überzeugen mit Stimmqualität, guter Technik und natürlicher Emphase, Samantha Gaul und Fabian Kelly sind in ihren Stimmfächern dieselben Attribute zuzuerkennen. Das beschwingte musikantische Spiel von La Stagione Frankfurt unter Michael Schneider bereitet pures Hörvergnügen und trägt zum Eindruck einer gelungenen Ausgrabung erheblich bei.

Ekkehard Pluta [27.09.2021]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Franz Ignaz Beck
1L' isle déserte (Opéra comique in einem Akt) 00:55:39

Interpreten der Einspielung

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