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CD/SACD stereo/surround-Besprechung

Ravel & Saint-Saëns

piano trios

BIS 2219

1 CD/SACD stereo/surround • 61min • 2019

22.09.2021

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Klassik Heute
Empfehlung

In seiner neuesten Einspielung setzt sich das Sitkovetsky-Trio mit zwei Werken auseinander, die äußerlich klassizistisch erscheinen mögen, diesen Klassizismus jedoch – jedes auf seine Art – zu hinterfragen vermögen. Das einzige Trio von Maurice Ravel und die Nummer 2 von Camille Saint-Saëns verbinden einerseits die baskische Tanzform des Zortziko, andererseits die hohen spieltechnischen und musikalischen Anforderungen im Jonglieren mit historischen Modellen und der Spaß an Anspielungen. Diesen Parametern werden die drei jungen Musiker – unterstützt von einer exzellenten Aufnahmetechnik – in höchstem Maße gerecht.

Der Zortziko

Dieser baskische Tanz erinnerte Ravel an seine Kindheit im Baskenland; Saint-Saëns dürfte ihn entweder über Pablo de Sarasate, für den er die Havanaise und das Rondo capriccioso schrieb, oder auf seinen vielen touristischen Reisen kennengelernt haben. Der Volkstanz kann sowohl – wie es Sarasate und Saint-Saëns taten – im 5/8-Takt (1 Achtel + 2x punktiertes Achtel + Sechzehntel) als auch – wie bei Ravel, – als 8/8 (2|+3+1+3+1+2+4 Sechzehntel) notiert werden. Nebenbei bemerkt, sind beide Komponisten durchaus Geistesverwandte, die im Sinne des „L’art pour l’art“ des Fin de Siècle die geschliffen-elegante Präsentation ihrer Clarté dem emotionalen Wühlen des Wagnérisme vorzogen. Das brachte ihnen den Vorwurf der distanzierten Kühle ein – so verzichtet Saint-Saëns auf einen emotionalen langsamen Satz –, eine Entscheidung, die wohl auch privatim nicht unklug war, der man jedoch in heutig-regenbogenbewussten Zeiten mit Sympathie begegnen sollte, zumal die handwerkliche Brillanz, über die jeder Absolvent des Conservatoire verfügen musste, keinesfalls mehr selbstverständlich ist. Ravel und Saint-Saëns reflektieren diese historische „Uhrmacherkunst“ auf individuelle Weise. Der Jüngere in einer Chaconne im Sinne eines D’Anglebert und Louis Couperin, der Ältere mit einer Doppelfuge à la Bach im Finalsatz.

Pantoum?

Ravel betitelt sein Scherzo als „Pantoum“. Brave Teutonen mögen hier eine Pantomime oder den Pantalone der Commedia dell’arte vermuten. Leider falsch! Es handelt sich um eine ursprünglich malaiische Gedichtstruktur, die von Victor Hugo in die französische Lyrik übernommen, von den Lyrikern der Romantik Théodore de Banville und Leconte de Lisle weiterentwickelt wurde, die für die französische Liedkomposition (Berlioz, Bizet, Massenet, Gounod, Fauré) von hervorragender Bedeutung waren. Das Modell besteht aus einer beliebigen Anzahl von vierzeiligen Strophen mit dem umarmenden Reinschema ABBA. Da die Verse 4 und 2 der ersten Strophe wortwörtlich die Verse und 1 und 3 der Folgestrophe bilden müssen, ergibt sich folgendes Schema: A1B1B2A2 – B1C1A2C2 – C1D1D2B2...Das ist wie viele komplexe Schemata (Ghasel bei Platen und Rückert) in leichter reimenden romanischen Sprachen noch relativ einfach realisierbar, wird im Deutschen jedoch extrem kompliziert. Das ultimative Pantoum schuf schließlich Charles Baudelaire 1857 in den „Fleurs du mal“ mit „Harmonie du soir“. Hier wäre es zum Verständnis der Form höchst sinnvoll, sowohl das Original als auch dessen Übersetzung durch Stefan George (Abendeinklang) im Internet zu konsultieren. Man kann diesen Scherzo-Satz durchaus als Ravels ironischen Kommentar zu den notorischen Vorwürfen lesen, er imitiere Debussy. Debussy vertonte das Baudelaire-Gedicht nämlich im Jahre 1889 und referenzierte es zwanzig Jahre später im ersten Buch seiner Préludes mit Le sons et les parfums tournent dans l'air du soir.

Beide Trios stellen ausgesprochen virtuose Anforderungen an alle Mitspieler. Bei Ravel werde ich den Verdacht nicht los, dass er sich – ähnlich wie schon beim Gaspard de la nuit die extreme Virtuosenliteratur eines Liszt oder Alkan – vorab mit den Gemeinheiten des Tschaikowsky-Trios in derselben Tonart beschäftigt hat, um dessen Schwierigkeiten zu übertreffen.

Neue Ravel-Referenz

Das Sitkowetsky-Trio spielt den Ravel schlichtweg atemberaubend. Diese Souveränität zwingt in jeder Sekunde zum Zuhören. Unglaublich, wie Wu Quian es versteht, die dicken – teilweise auf 3 Systemen notierten – den gesamten Tonumfang des Flügels umfassenden Klaviertexturen schlank und transparent zu halten, ohne seine reiche Farbpalette auszugrauen. Ebenso bewundernswert die Behandlung der kniffligen Triller und Glissandi von Alexander Sitkowetsky und Isang Enders. Jedes Detail ist so sorgfältig geprobt, dass es quasi spontan reproduziert werden kann. Der Saint-Saëns gerät gleichfalls souverän. Allerdings hat hier die Referenz des Trio Wanderer ganz knapp die Nase vorn.

Die Aufnahmetechnik leistete Vorbildliches. Jedes Instrument steht fest ortbar und farbsatt im natürlichen Raum. Der Booklet-Text hält das insgesamt sehr hohe Niveau der Produktion. Einzig die arg fummelige Pappbox erfordert ein erhebliches Maß an Feinmotorik bei der Entnahme von SACD oder Booklet.

Fazit: Phantastische Aufnahme zweier zentraler Klaviertrios des Fin de Siècle. Klare Empfehlung.

Vergleichseinspielung: Trio Wanderer (harmonia mundi france)

Baudelaire „Harmonies du soir“ (frz./dt.):

https://lyricstranslate.com/de/harmonie-du-soir-abendeinklang-stefan-george.html110

Thomas Baack [22.09.2021]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Maurice Ravel
1Klaviertrio a-Moll 00:26:31
Camille Saint-Saëns
5Klaviertrio Nr. 2 e-Moll op. 92 00:33:40

Interpreten der Einspielung

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