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CD-Besprechung

Ermanno Wolf-Ferrari

Alban Beikircher

Ars Produktion ARS 38 590

1 CD • 75min • 2020

14.07.2021

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Hört man das Violinkonzert von Ermanno Wolf-Ferrari (1876-1948) ganz unvorbereitet, kann man sich kaum vorstellen, dass es in einer heißen Phase des 2. Weltkrieges entstanden ist und gleichsam im Bombenhagel am 7. Januar 1944 in der Münchner Tonhalle zur (verspäteten) Uraufführung kam, weil die ursprünglich vorgesehene Premiere in Leipzig durch einen Luftangriff vereitelt wurde, bei dem auch das Notenmaterial verbrannte. Es scheint fast, dass der deutsch-italienische Komponist dem alltäglichen Kriegsgrauen mit einem Dokument schierer Schönheit trotzen wollte.

Konzert für eine virtuose Geigerin

Doch es gibt auch eine eher private Erklärung für den scheinbar anachronistischen Vorgang. Die international gefragte amerikanische Geigerin Guila Bustabo (1916-2002), einstiges Wunderkind, war von einer Arie aus Wolf-Ferraris Oper La dama boba (1939) so entzückt, dass sie den Komponisten bat, deren Melodie als Violinstück für sie einzurichten. Das lehnte er zwar ab, aber es begann danach ein Briefwechsel, der sich zu einer Freundschaft entwickelte. Als Wolf-Ferrari die junge Geigerin dann persönlich mit dem Violinkonzert von Beethoven erlebte, fasste er den Entschluß, für sie nicht nur ein Solostück, sondern gleich ein ganzes Violinkonzert zu schreiben. Schon der erste Satz, Fantasia überschrieben, macht unmissverständlich klar, dass es sich dabei um eine Liebeserklärung handelt. Bustabo war nicht nur von dem fertigen Konzert begeistert, sondern auch von dem vierzig Jahre älteren Mann, der es geschrieben hatte, und der sie dann als Klavierpartner auf Tourneen durch Skandinavien, Deutschland, Italien und Spanien begleitete. Wegen ihrer Auftritte in faschistisch regierten Ländern wurde die Geigerin allerdings nach dem Krieg in Amerika zur persona non grata und erlebte einen Karriereknick. Dem fiel auch Wolf-Ferraris Konzert zum Opfer, an dem sie das exklusive Aufführungsrecht für zehn Jahre besaß. 1971 hat sie es dann in München mit den Münchner Philharmonikern unter Rudolf Kempe gespielt. Die private Live-Aufnahme ist bei youtube eingestellt.

Rückgriffe auf Jugendwerke

Wolf-Ferrari steht mit diesem Konzert in D-Dur fest in der Tradition des 19. Jahrhunderts und schließt in der Wahl der Tonart direkt an die großen Vorgänger von Beethoven, Brahms und Tschaikowsky an. Allerdings wählt er eine viersätzige Anlage, wobei der dritte Satz (Improvviso) sich als Präludium zum vierten versteht, dem Rondo finale, in dem auch Einflüsse von Sarasate durchklingen und das mit einer der längsten Kadenzen der Musikgeschichte dem Interpreten hohe Virtuosität abverlangt. Die romantische deutsche Schule (Wolf-Ferrari war Schüler von Josef Rheinberger) verbindet sich mit Elementen des italienischen Belcanto („Komponieren heißt für mich singen!“, hielt er in einem Brief fest). Der entflammte Komponist, gleichsam wieder zum Jüngling gewandelt, greift an vielen Stellen auf seine eigenen Anfänge zurück. Das Thema des ersten Satzes hat er dem Fragment gebliebenen Opernerstling Irene entnommen, der zweite Satz (Romanza) ist eine Adaption des Adagios aus dem Streichquartett in a-moll (1895), im Finalsatz findet ein Thema aus einem weiteren unveröffentlichten Jugendwerk, der Chopin-Fantasie für Klavier, Verwendung.

Filigranes Violinspiel

Anders als die Widmungsträgerin, deren leidenschaftliches, dramatisch akzentuiertes Spiel mit manchen Ecken und Kanten den Hörer mitreißt, setzt der in Oberschwaben lebende Südtiroler Geiger Alban Beikircher auf einen schlanken und eleganten Vortragsstil mit einer besonderen Betonung der Kantilene, die er mit weitem und ruhigem Atem zelebriert und durch den bestrickenden Klang seines Instrumentes (einer Violine von Martin Schleske) zu schönster Wirkung bringt. In seiner Interpretation dauert das Konzert fünf Minuten länger als bei Guila Bustabo, doch tut das der Innenspannung keinen Abbruch. Die Philharmonie Pilsen unter ihrem ständigen Gastdirigenten Chuhei Iwasaki schafft seinem filigranen Spiel eine sichere orchestrale Grundlage, ohne mehr als nötig aufzutrumpfen.

Auch in den anschließenden Orchesterwerken zeigt der japanische Maestro Fingerspitzengefühl für Wolf-Ferraris Stil. Im viersätzigen Divertimento op. 20, das 1938 von Karl Böhm in Dresden uraufgeführt wurde, wird der Geist der früheren Goldoni-Opern mit einer gewissen Nostalgie heraufbeschworen, wobei der melancholische Unterton die Musiker hier zu gelegentlicher Schwerblütigkeit verleitet. Die im Ganzen höchst selten gespielte spätveristische Oper I gioielli della Madonna (1911) macht als viersätzige Orchestersuite beträchtlichen Effekt. Nicht nur im bekannten Intermezzo sinfonico im Stil einer Barcarole, sondern mehr noch in der einleitenden Festa popolare und der abschließenden Danza napolitana, in denen das süditalienische Temperament förmlich explodiert. Und die tschechischen Musikanten können sich hier nach Herzenslust ausleben.

Ekkehard Pluta [14.07.2021]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Ermanno Wolf Ferrari
1Violinkonzert op. 26 00:39:10
5Divertimento op. 20 00:20:07
9I gioielli della Madonna 00:15:24

Interpreten der Einspielung

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