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CD/SACD stereo/surround-Besprechung

The Brandenburg Project

Swedish Chamber Orchestra Thomas Dausgaard

BIS 2199

3 CD/SACD stereo/surround • 3h 27min • 2017, 2018

01.07.2021

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Klassik Heute
Empfehlung

Bei allzu viel gespieltem Repertoire, wie sicher Bachs 6 Brandenburgischen Konzerten, schleifen sich bei Musikern wie Rezipienten schnell Hörgewohnheiten ein, die den Blick aufs Wesentliche vernebeln. So lag es für Thomas Dausgaard – Chefdirigent des Schwedischen Kammerorchesters von 1997-2019 – nahe, sechs führende zeitgenössische Komponisten bzw. Komponistinnen (Mark-Anthony Turnage, Steven Mackay, Anders Hillborg, Olga Neuwirth, Uri Caine und Brett Dean) um ihre persönlichen Auseinandersetzungen mit dieser Musik zu bitten. Im Gegensatz zu den musikalischen Beiwerken, die Mariss Jansons vor einigen Jahren zu seinem Beethoven-Zyklus mit dem BRSO in Auftrag gab, entstanden hier sechs neue, vollwertige Konzerte, die jeweils mit einem der Bachschen Werke unter Beibehaltung der originalen Orchesterbesetzungen und von der Länge her korrespondieren sollten – allerdings bei freier Wahl der konzertierenden Soloinstrumente. Die neuen Stücke wurden sukzessive zwischen 2015 und 2018 uraufgeführt – und erklangen dann alle zusammen mit Bachs Originalen bei den BBC Proms in der Royal Albert Hall.

Bachs Brandenburgische auf modernen Instrumenten – eine Top-Darbietung!

Der Rezensent hat sich zugegebenermaßen erst spät mit so manchen Unzulänglichkeiten historischer Instrumente anfreunden können, hört aber mittlerweile Barockmusik auch lieber im „Originalklang“. Doch was heißt das? Wer käme auf die Idee, den Pianisten Bachs Cembalowerke auf einem modernen Flügel zu verbieten? – und so gibt es einige wenige Einspielungen auf heutigem Instrumentarium, die man nicht missen möchte. Neben Abbado ist das vor allem die immer noch mustergültige Interpretation des uralten Carl Schuricht mit dem Zürcher Barock-Ensemble – nicht zuletzt durch die Spitzenriege der beteiligten Solisten (damals das Who’s who im jeweiligen Fach). Tatsächlich hat Dausgaard dafür ebenso nur Weltklasse-Musiker zusammengetrommelt: u.a. Håkan Hardenberger, Antje Weithaas, Tabea Zimmermann und Mahan Esfahani, um nur einige zu nennen. Selbst Brett Dean spielt nicht nur in seiner Komposition, sondern auch im 6. Konzert auf der Bratsche mit. Natürlich erklingt das trotzdem „historisch informiert“, dabei mit einer Verve, die den Zuhörer fast umhaut, zumindest in dauernder Hochspannung hält. Die beeindruckende Virtuosität der Solisten und das Schwedische Ensemble selbst sorgen hier für eine Frische, die trotz der Rasanz einiger Sätze immer noch Raum für ausgesprochen wohlklingende Detailarbeit lässt. Man höre etwa den Anfang des 4. Konzerts, wo bewusst weicher phrasiert wird als man es von vielen Einspielungen kennt. Das ist eine der zwingendsten Darbietungen der Brandenburgischen überhaupt! Und mal wieder kann BIS mit perfekter Aufnahmetechnik glänzen: Klangbild und Balance sind absolut natürlich – was freilich zur Folge hat, dass das Solo-Cembalo im 5. Konzert naturgemäß zu kämpfen hat.

Sechs neue Konzerte mit höchst diversen Ansätzen

Die sechs Auftragskomponisten verwenden Bachs Vorbilder auf ganz unterschiedliche Weise als Anknüpfungspunkt für ihre Konzerte: Das geht von lediglich ungefähr identischer Besetzung (Turnage), der Überhöhung eines Soloinstruments (Mackay) über polystilistische Verarbeitung (Hillborg) oder radikale Dekonstruktion des Materials (Neuwirth) bis zum jazzigen Klavierkonzert (Caine) bzw. sensiblen Vorspiel (Dean). Turnages Maya (gewidmet der hier vortragenden Maya Beiser) ist ein einsätziges Cellokonzert mit den für den Engländer typischen, dunklen Farben, aber weniger hart als sonst, wobei das Cello wie ein Kantor – oder eine Kassandra – eine ungeheuer ausdrucksvolle Kantilene ausbreitet, fast neo-romantisch. Das hochvirtuose Trompetenkonzert Triceros des Amerikaners Mackay – eine Paradenummer für Håkan Hardenberger – schließt übergangslos an den Schlusston vom 2. Brandenburgischen an und ist eine herausfordernde Liebeserklärung an dieses Instrument: toll! Der Schwede Hillborg ersetzt bereits im 3. Bach-Konzert die bekanntlich nur aus einem einzigen Takt bestehende Überleitung zwischen den beiden Sätzen durch ein kurzes Very tender. Bach Materia (mit über Strecken improvisatorischem Violinsolo) zitiert dann Bach-Elemente, ist vielgestaltig mit jazzigem Up-Tempo, Rock-Groove, Vogelstimmen usw. – zwar ein unterhaltsames Spektakel, dennoch nicht ganz auf der von Hillborg gewohnten Höhe und vielleicht der schwächste der neuen Beiträge.

Neuwirth überzeugt mit provozierender Radikalität

Dass Olga Neuwirth – seit mehr als 20 Jahren das enfant terrible der österreichischen E-Musik – hier das radikalste Stück abliefert, überrascht nicht. Soloinstrumente bei Aello (eine der Harpyien der griechischen Mythologie) sind eine Flöte sowie zwei gedämpfte Trompeten, sowie – zur Imitation von Cembalo-Zupfklängen – eine Schreibmaschine. Die einzelnen Instrumentengruppen spielen in unterschiedlichen Stimmungen – somit eine äußerst „schräge“ und schrille Nummer, klanglich provozierend, gleichwohl am strengstem mit dem Material des 4. Brandenburgischen Konzerts verbunden. Durch die dauernden, harten Abbrüche führt die Komponistin den Hörer unentwegt vom „gewohnten“ Bach weg, und quasi gleichzeitig immer wieder hin – erfüllt so die angedachte Neubesinnung am faszinierendsten. Uri Caine war immer vorwiegend Jazzer, wurde aber gerade durch seine Bearbeitung der Goldberg-Variationen berühmt. Mit Hamsa legt er ein halbstündiges Jazz-Klavierkonzert vor und spielt selbst den Solopart. Bachs Material wird in seiner Essenz aufgegriffen, insgesamt musikalisch höchstwertig und verständlich, dabei verhältnismäßig konservativ.

Der letzte Beitrag ist ein Prelude

Der Australier Brett Dean stieg vom Bratscher bei den Berliner Philharmonikern enorm schnell zum international gefeierten Neue-Musik-Star auf und geht hier quasi den umgekehrten Weg. Sein Werk Approach – Prelude to a Canon leitet unmittelbar ins 6. Brandenburgische über und ist eine seriöse Auseinandersetzung mit Bachs Kontrapunkttechniken – als Vorspiel erscheint es jedoch etwas lang. Puristen kann man eigentlich nicht leicht zu einer Bach-Aufnahme auf modernen Instrumenten überreden – aber diese von Thomas Dausgaard präzisest erarbeite Version ist musikalisch eine Offenbarung und macht ja auch in Verbindung mit den modernen Konzerten Sinn. Um diese zu genießen, braucht es lediglich eine gewisse Offenheit; die meisten der Stücke sind tatsächlich gelungen – wie das gesamte Experiment. Der enorm informative, ausführliche Booklet-Text kann dazu noch bestehende Unklarheiten sicher ausräumen – daher eine klare Empfehlung.

Vergleichsaufnahmen (Bach): Carl Schuricht, Zürcher Barock-Ensemble (Tower Records /Denon TWSA-1012-3, 1966); Claudio Abbado, Orchestra Mozart (DG 477 8908, 2007).

Martin Blaumeiser [01.07.2021]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Johann Sebastian Bach
1Brandenburgisches Konzert Nr. 1 F-Dur BWV 1046 00:17:52
Mark-Anthony Turnage
5Maya 00:14:23
Johann Sebastian Bach
6Brandenburgisches Konzert Nr. 2 F-Dur BWV 1047 00:10:31
Steven Mackey
9Triceros 00:18:26
CD/SACD 2
Johann Sebastian Bach
1Brandenburgisches Konzert Nr. 3 G-Dur BWV 1048 00:11:15
Anders Hillborg
4Bach Materia 00:22:07
Johann Sebastian Bach
9Brandenburgisches Konzert Nr. 4 G-Dur BWV 1049 00:14:31
Olga Neuwirth
12Aello (Ballet mécanomorphe. In memoriam Heinrich Schiff) 00:16:41
CD/SACD 3
Johann Sebastian Bach
1Brandenburgisches Konzert Nr. 5 D-Dur BWV 1050 00:19:31
Uri Caine
4Hamsa 00:30:27
Brett Dean
7Approach - Prelude to a Canon 00:12:49
Johann Sebastian Bach
10Brandenburgisches Konzert Nr. 6 B-Dur BWV 1051 00:15:44

Interpreten der Einspielung

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