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CD-Besprechung

Georg Philipp Telemann

Overtures
World Premiere Recordings

cpo 555 389-2

1 CD • 66min • 2020

08.02.2021

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Klassik Heute
Empfehlung

Mit den rund 130 erhaltenen Ouvertüren-Suiten Georg Philipp Telemanns könnte man locker 35 CDs füllen. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass in diesem Genre immer noch unentdeckte Trouvaillen auf die Hörer warten. Die von Jean Baptiste Lully ab ca. 1660 geprägte französische Barockoper wurde entscheidend durch das Ballett geprägt. Somit lag es nahe, aus diesen Werken, von denen erstaunlich früh Druckausgaben vorlagen, die rein instrumentalen Stücke zu Satzfolgen (Suiten) zusammenzustellen. Sie waren häufig nach Tonarten geordnet, was es – bedingt auch durch die relative Kürze der Tanzsätze – ermöglichte, ein flexibles und farbiges Programm für die höfische Unterhaltung zu bestreiten. Hieraus entwickelte sich dann die eigenständige Gattung der Orchester- oder Ouvertüren-Suite, die besonders in Deutschland bis gegen 1750 hohe Popularität genoss.

Vom Opernquerschnitt zur eigenen Gattung

Telemann kam mit diesem Repertoire bereits als Lateinschüler in Hildesheim durch Ausflüge nach Hannover, um das dortige Hoforchester zu hören, in Berührung. Später als Hofkapellmeister in Sorau konnte er seine Kenntnisse im „goût français“ durch die Partituren mit Werken Lullys und Campras, die Graf Promnitz gerade aus Paris mitgebracht hatte, wesentlich vertiefen. In seiner Autobiographie von 1718 schreibt er, dass ihm der französische Stil besser läge als derjenige des italienischen Concertos und dass er seinen Solokonzerten durchaus bewusst einen stärker auf Melodie und differenzierte Harmonik denn auf Virtuosität ausgerichteten „französisierenden“ Anstrich verliehen habe.

Wirft man einen Blick in die erhaltenen Abschriften der drei eingespielten Suiten, fallen zusätzliche Gallizismen auf: französischer Violinschlüssel (auf der untersten anstatt der zweituntersten Linie) für die beiden Oberstimmen, die dann auch noch als Dessus und Haute-Contre pour les Violons bezeichnet werden. Die beiden Oboen gehen grundsätzlich parallel zu den Violinen, es sei denn, dass irgendwo „Trio“ notiert ist, was bedeutet, dass an dieser Stellen nur Oboen, Fagott und Contino spielen sollen. Diese Besetzung wurde häufig für ein zweites Menuett oder einen anderen zweiten Tanz genutzt, nach dem der erste Tanz wiederholt werden soll. Somit kommt diese Bezeichnung für den Kontrastabschnitt des Scherzos direkt aus der barocken Instrumentation. Den Inhalt der Werke könnte man mit dem Slogan umschreiben: „Wo Telemann draufsteht, ist festliche Unterhaltung garantiert“. Die B-Dur Suite glänzt daneben mit konzertanten Einlagen von Oboe und Violine.

Konsequent à la française

Interpretatorisch unterstreicht das L’Orfeo Barockorchester die französischen Wurzeln der Werke. Achtelketten werden außerordentlich subtil und elegant „inégalisiert“, wobei die Dosierung von kaum merklich, über 5:4 (schwierig!) bis zur triolischen Punktierung wie im Swing reicht und damit eine absolut überzeugende Ensembleleistung vollbringt. Carin van Heerden gebraucht an der meisterhaft tonschön und intonationssicher geblasenen Oboe das komplette Arsenal französischer Ornamentik, wie man sie ausnotiert in den Werken Jacques Hotteterres oder Michel de la Barres findet. So selbstverständlich muss man Coulés und Ports de Voix avec battement erst einmal hinbekommen! Auch sind ihre Entscheidungen, die Oboen oder Violinen in einigen Sätzen quasi als Orgelregister zu behandeln, das man zuziehen, weglassen oder allein verwenden kann, dramaturgisch außerordentlich nützlich. Dass die beiden Oboen den Klang aufgrund der kleinen Streicherbesetzung dominieren, ist ungewöhnlich. Es ist aber auch dadurch gerechtfertigt, dass diese in der Hofmusik Ludwigs XIV. häufig mehrfach pro Stimme besetzt wurden.

Aufnahmetechnisch wurde alles richtig gemacht, vielleicht hätte die Theorbe etwas weniger Präsenz vertragen können. Der Booklet-Text lässt keine Fragen offen.

Fazit: Eine der besten und lebendigsten Telemann-Einspielungen der letzten Jahre. Technisch makellos, stilistisch überaus kompetent. Pflicht für alle (Barock-)Oboisten, da hier der Beweis erbracht wird, dass die intrikaten französischen Agréments bis hin zum Flattement nicht nur auf Blockflöte und Traverso überzeugend gelingen können. Allen anderen sei diese Musik als festlicher Stimmungsaufheller dringend empfohlen. Mehr davon!

Thomas Baack [08.02.2021]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Georg Philipp Telemann
1Ouverture G-Dur TWV 55:G1 00:19:37
9Ouverture à 6 B-Dur TWV 55:B13 00:21:34
17Ouverture G-Dur TWV 55:G5 00:24:41

Interpreten der Einspielung

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