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CD/SACD stereo/surround-Besprechung

Kalevi Aho

Sieidi • Symphony No. 5

BIS 2336

1 CD/SACD stereo/surround • 61min • 2020, 2017

04.11.2020

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Klassik Heute
Empfehlung

Kalevi Aho hat 2010-11 mit Sieidi nicht nur sein mit bisher mehr als 80 Aufführungen erfolgreichstes Werk geschrieben (hierzulande mit großen Erfolgen von Martin Grubinger dargeboten), sondern überhaupt ein Schlagzeugkonzert von so phänomenalem Zuschnitt, dass man vielleicht vom bisherigen Gipfelpunkt der Gattung sprechen kann. Denn: es ist weit mehr als nur ein brillantes Virtuosenfeuerwerk, und zugleich ist es doch von bestechender instrumentaler Verve. Der Titel Sieidi bezieht sich auf von der Natur bereitgestellte Kultstätten der Sámi, sei es nun ein Fels oder ein ganzer Berghang. Ausnahmsweise möchte ich über die Struktur der Anlage aus meinem eigenen Einführungstext für ein Konzert des BR-Symphonieorchesters zitieren:

„Der rituelle Charakter des Konzerts wird durch die Positionierung der vom Solisten zu spielenden Instrumente unterstrichen: vor dem Orchester wandert der Solist im Verlauf des Stücks einmal (vom Publikum aus gesehen) von rechts nach links und zurück, beginnend mit den Handtrommeln Djembé (afrikanisch) und Darabuka (arabisch); es folgen, mit Schlägeln gespielt, Snare Drum und 5 Tom-Toms (als Vertreter Nordamerikas), die guatemaltekische Marimba als echtes Melodieinstrument, und Wood & Temple Blocks (ostasiatisch); und schließlich die Metallophone: das für die Polyphonie besonders geeignete Vibraphon (eine Erfindung des 20. Jahrhunderts) sowie das aus Ostasien stammende Tamtam. Der Solist tritt dabei nicht nur mit dem Orchester in Wechselbeziehung, sondern insbesondere auch mit drei weiteren Schlagzeugern im Orchester, wodurch ein besonders mannigfaltiges räumliches und rhythmisches Geflecht entsteht.“

Auf vorliegender Aufnahme spielt der schottische Widmungsträger Colin Currie, der das Konzert 2012 in London uraufgeführt hat, und seiner Darbietung verdanken wir die besonders feinfühlende Zartheit der lyrischen Episoden. Es ist dies nicht nur ein von Überraschungen überbordendes Konzert, sondern auch ein besonderer Leckerbissen für die Liebhaber arabischer Melodien und überhaupt vorder- und zentralasiatischer Intonationen, ohne dass es zu billigem Exotismus käme. Alles erwächst organisch aus der Struktur oder bietet einen scharfen Kontrast, der ebenso formbildend ist. Ein Meisterwerk, auch dank des unter Dima Slobodeniouk in allen Polyrhythmen stabil und schwungvoll auftretenden Lahti Symphonie-Orchesters, zumal die Rolle des Orchesters hier im Grunde dem Solisten ebenbürtig ausgestaltet ist.

Multipolyphoner Zusammenprall musikalischer Welten

Außerdem spielen dieselben Musiker hier in der zweiten Einspielung der 1975-76 entstandenen Fünften Symphonie von Aho, die zu seinen abenteuerlichsten und wildesten Kompositionen zählt. Natürlich gibt es in diesem Werk, das streckenweise zwei Dirigenten benötigt, um die divergierenden metrischen Strukturen gegeneinander stabil zu artikulieren, Zitate, es ist aus dieser Perspektive ‚Musik über Musik‘, doch eigentlich ist es eine Schlacht, in welcher verschiedene Musiken und Zeitstrukturen aufeinander prallen, und Aho hat dieses potentielle Chaos mit einer kapriziösen Meisterschaft geformt, die ihresgleichen sucht und unter seinen Zeitgenossen geradezu einzigartig ist. Slobodeniouk dirigiert das Werk drei Minuten schneller als die Partitur einschätzt, die Vorgängeraufnahme unter Max Pommer mit dem Leipziger Rundfunk-Sinfonieorchester war um ungefähr ebenso viel langsamer als die Partiturangabe – macht de facto eine beträchtliche Differenz zwischen 29‘20“ (Pommer auf Ondine) und 24‘10‘‘ (Slobodeniouk auf BIS). Ich kann nicht sagen, was durchgehend besser gelungen sei. Noch ist mir Pommers weniger auf Virtuosität ausgerichteter, innigerer Zugang sympathischer. Das breitere Tempo ließ vieles charakteristischer erscheinen, doch die Neuaufnahme profitiert nicht nur von einem hochvirtuosen und äußerst diszipliniert agierenden Orchester, sondern auch von einer superb transparenten Aufnahmetechnik (das gleich gilt für Sieidi), und man kann nur staunen, wie vieles klar zu hören ist in dieser wilden Multipolyphonie. Nun wäre es so langsam an der Zeit, dass auch die bislang unbewältigte Herausforderung – Kalevi Ahos schwerstes Werk –, die Sechste Symphonie, also die große Lücke im ansonsten so großartig auf Vollständigkeit abzielenden Katalog der BIS-Aufnahmen von Ahos instrumentalem Œuvre zu schließen (seine phänomenalen Opern sind, aller Wirksamkeit und Relevanz ihrer Sujets zum Trotz, bisher nicht Gegenstand von Tonträgern geworden). Aber wollen wir erst mal glücklich sein, dass hier eine weitere Trouvaille ersten Ranges vorgelegt wurde.

Christoph Schlüren [04.11.2020]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Kalevi Aho
1Sieidi 00:36:04
9Sinfonie Nr. 5

Interpreten der Einspielung

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