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CD-Besprechung

Georg Philipp Telemann

Markus-Passion 1759

cpo 555 347-2

2 CD • 84min • 2018

23.03.2020

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Georg Philipp Telemann, der so überaus fleißige Barockkomponist, hat in seiner Hamburger Zeit 1722 bis 1767 allein 46 Evangelien-Passionen komponiert, von denen noch 22 erhalten sind. Die Markus-Passion aus dem Jahre 1759 wurde erst jüngst ihm zugeschrieben, nachdem zuvor Johann Heinrich Rolle als Komponist gegolten hatte. Ralph-Jürgen Reipsch vom Telemann-Zentrum in Magdeburg erzählt dies im musikhistorisch kundigen Booklet dieser CD, das die dreiteilige Architektur dieser Passion erklärt und anhand einzelner Nummern Telemanns musikalische Bildkraft anschaulich beschreibt.

Dreiteilige Anlage

Die Markus-Passion ist deutlich dreigeteilt: Zuerst gibt’s eine Art „Vorbereitung“, bestehend aus einem Choral, einer Andachts-Arie und wieder einem Choral, alles thematisiert den Opfergedanken. Dann beginnt die direkte Passionshandlung mit der Ölbergszene und endet mit dem Tod Jesu am Kreuz, es gibt keine Grablegung. Den dritten Teil bilden die sogenannten „Kettenarien“, in denen die Stimme Gottes ertönt sowie ein zauberhaftes Engelsduett, dann frohlockt die „Religion“. Dabei ist in der ersten und dritten Arie im Instrumentalsatz ganz zart das Weihnachtslied Lobt Gott, ihr Christen, allzugleich eingewoben. Damit schließt sich der Kreis zurück zu Weihnachten, der Geburt Jesus, der sich später selber opfert. Dies alles bejubelt der Chor in zwei Chorsätzen. Die Dreiteilung zeigt sich auch innerhalb der Passionserzählung: Auf das erzählende, den Evangelientext vortragende Rezitativ folgt oft eine Arie einer allegorischen Figur (Der Christ, Der Glaube, Der Eifer, Die Andacht usw.), die über den Evangeliumstext reflektiert und dann die „Nutzanwendung“ predigthaft den Gläubigen mitteilt, worauf die Gemeinde mit einem Choral antwortet: eine abwechslungsreiche Gestaltung, die diese Passion als sehr kurzweilig erscheinen lässt, da zudem die Arien meist nicht sehr lang sind, außer einer Arie, die „Der Glaube“ singt, sie dauert fast fünf Minuten. Vor allem aber die zahlreichen „Accompagnati“, also die Orchester-Rezitative, werden vom Orchester ganz bildhaft akzentuiert. Eine „ausgeklügelte Affektdramaturgie“ nennt Reipsch diese Gestaltung.

Präzises Zusammenspiel

Unter der Leitung von Hermann Max agieren die Rheinische Kantorei und Das Kleine Konzert so dramatisch frisch, dass die Illusion einer konzertanten Unmittelbarkeit entsteht, wozu auch die hallige Akustik dieser Aufnahme beiträgt. (Wo diese Aufnahme entstand, wird nicht mitgeteilt.) Gerade dem Kleinen Konzert geling es mit orchestraler Geschlossenheit, Genauigkeit und Beweglichkeit, diese „ausgeklügelte Affektdramaturgie“ herzustellen. Kein Instrument drängt sich vor, alle fügen sich organisch ein, so die subtilen Flöten in der lieblichen Arie des Glaubens (CD I, Track 6), die das Lieblich’s Wort aus Jesu Munde begleiten, das zu Gebet und Wachsamkeit aufruft. Vollendet ist das präzise Zusammenspiel der Continuo-Gruppe mit dem Evangelisten, was dem musikalischen Geschehen einen ordentlichen Drive verleiht.

Idealer Evangelist

Der Evangelist ist der vokale Trumpf dieser Aufnahme: Georg Poplutz ist ein höchst versierter Sänger, der wortdeutlich artikuliert und anteilnehmend-dramatisch deklamiert, zu Herzen gehend in den Elias!-Rufen, vor allem als „Christ“ in den Tenor-Arien mit lockeren Koloraturen geradezu erbost über den Judaskuss (CD I, Track 13) und gar giftig schäumend über diejenigen, die Jesus am Kreuz schmähen (CD II, Track 35). Georg Poplutz ist mit seiner unangestrengten vokalen Technik, seiner genauen Artikulation und dramatischen Zuspitzung geradezu der Idealfall des Evangelisten.

Als Christus bleibt Markus Flaig etwas eindimensional und manchmal in der Stimme unbeweglich. Die meisten Arien darf der Bassist singen. Ekkehard Abele tut dies mit deutlicher Artikulation und hochdramatischem Furor, empört, wütend oder mahnend. Auch der Alt von Anne Bierwirth ist ordentlich und angemessen, wenn auch nicht allzu lieblich. Dafür zauberhaft im Zusammenklang mit der Sopranistin Veronika Winter in dem schon erwähnten Engelsduett (CD II, Track 41). Veronika Winter gefällt mit warmem Timbre, das vor allem in der Glaubens-Arie (CD I, Track 6) aufleuchtet, in der von der Oboe begleiteten Arie der „Liebe“ verschmilzt ihr Sopran zart und vorschriftsmäßig „sanftmütig“ mit dem Orchester.

Ein tränenreich seufzender Chor

Der Chor der Rheinischen Kantorei singt weich, schmiegsam, sprachlich gestisch und deutlich am Wort orientiert, der Chorklang ist immer aufgehellt transparent, niemals nazarenisch schmachtend, alles in durchweg vorantreibenden Tempi, für die der Dirigent sorgt. Geradezu tränenreich seufzt der Chor in dem Choral (CD II, Track 36), der die Nacht voll Angst und Seelenleiden besingt. Die Turba-Chöre erklingen schwungvoll und kunstvoll ungeordnet, wenn das Durcheinanderrufen der Volksmenge geschildert werden soll (CD II, 14) und fast schreiend, aber immer noch wohlklingend, in dem Kreuzige-Chören.

Herman Max ist es auf hoch beeindruckende Weise gelungen, diese Telemann-Passion der Vergangenheit zu entreißen und als mögliche Konzert-Passion in der Fastenzeit zu installieren, um nicht immer die Bach-Passionen aufführen zu müssen.

Rainer W. Janka [23.03.2020]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Georg Philipp Telemann
1Markus-Passion (Des Evangelisten Marcus Geschichte des Leidens des Welt=Versöhners Jesu Christi, mit hinzugefügten poetischen Betrachtungen) 01:23:55

Interpreten der Einspielung

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