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CD-Besprechung

Cherubini

Discoveries

Decca 4831591

1 CD • 74min • 2016

05.03.2020

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Klassik Heute
Empfehlung

Riccardo Chaillys Idee, in den Werkverzeichnissen bekannter Komponisten bislang unentdeckte Stücke aufzuspüren und sie erstmals auf CD zu präsentieren, hat zu einer weiteren Folge seiner verdienstvollen Decca-Reihe Discoveries geführt. An der Spitze der Filarmonica della Scala widmet er sich dem Schaffen Luigi Cherubinis. Dessen bedeutendste Orchesterwerke – die Symphonie, die Konzertouvertüre und die Marche funèbre für den Herzog von Berry, sämtlich hier eingespielt – sind zwar bereits von anderen Aufnahmen bekannt, auch kann Chailly in diesem Fall nicht mit einer solch kapitalen Entdeckung aufwarten, wie es etwa der Chant funèbre seines Strawinskij-Albums gewesen ist, dennoch muss man diese CD ausdrücklich willkommen heißen: einerseits, weil sie durchaus interessante Ergänzungen zum bekannten Cherubini-Bild liefert, vor allem aber aufgrund der vorzüglichen musikalischen Darbietungen.

Symphonische Instrumentalmusik

Cherubini war, als ihn ein Auftrag der London Philharmonic Society 1815 dazu brachte, sich zum ersten (und leider einzigen) Mal an der Komposition einer Symphonie und einer Konzertouvertüre zu versuchen, auf dem Gebiet der symphonischen Instrumentalmusik alles andere als unerfahren. Seine zahlreichen Opernouvertüren hatten ihm auch im Konzertsaal zu wohlverdientem Ruhm verholfen. Vollendete Kompositionstechnik und Meisterschaft im Umgang mit dem Orchester können also an der D-Dur-Symphonie nicht überraschen, dennoch leugnet sie nicht ein Erstling zu sein. Ähnlich wie Beethoven, der 15 Jahre zuvor seiner Ersten Symphonie gerade nicht die expansiven Dimensionen mancher seiner frühen Klavier- und Kammersonaten gegeben hatte, legte Cherubini ein durchweg heiteres, verhältnismäßig knappes Werk vor, dessen Charakter weniger an die Missae solemnes und heroischen Opern seines Schöpfers erinnert als an die späten Symphonien Joseph Haydns. Besonders die letzten beiden Sätze verraten das Vorbild: ein „Menuett“ genanntes Quasi-Scherzo im raschen Ländlertempo, und ein ziemlich kurzes, aber sehr ereignisreiches Finale, dessen raffiniert gestalteter Verlauf einem Haydn alle Ehre gemacht hätte. Auch in der größer besetzten und von Klangfarbenwirkungen stärker Gebrauch machenden Konzertouvertüre plant Cherubini seine Formen sorgfältig, und konzentriert sich in der sehr kurzen Durchführung, der erweiterten Reprise und der wirbelwindraschen Coda auf die Verarbeitung der unauffälligsten Figuren aus der Exposition.

Das Ganze vor Augen

Chailly versteht es, die Musik in Bewegung zu halten. Dezente Rubati an geeigneten Stellen – etwa mehrere wohlgestaltete Ritardandi im Allegro der Konzertouvertüre – hemmen ihren Fluss nicht, sondern beleben ihn. Wie sehr der Dirigent in seinen Aufführungen das Ganze vor Augen hat, zeigt sich etwa in der Durchführung des Kopfsatzes der Symphonie (ab 9:00), in der er kurzzeitig das Tempo ganz leicht beschleunigt. Der buffoneske Charakter, der der betreffenden Passage dadurch gesichert wird, lässt sie im Zusammenhang mit der umgebenden Musik als willkommenen Kontrast erscheinen. Pausen sind für Chailly keine Lücken. Wie er die Musik an diesen Stellen kurz in die Stille eintauchen lässt, um sie danach wieder aus ihr hervorkommen zu lassen, zeigt er vor allem im zweiten Satz der Symphonie, dem nicht jeder Dirigent seine prächtigen Melodiebögen zu entlocken versteht. Hingegen verfährt Chailly in der dynamischen Gestaltung mitunter etwas zu vorsichtig. Das dreifache piano am Ende des Menuett-Trios ist nicht eigentlich leiser als das vorangegangene pianissimo. Auch könnte man sich Lautstärkekontraste wie am Ende der Exposition des Larghettos, wo Chailly piano und forte nicht voneinander absetzt, sondern Crescendi dazwischen spielen lässt, stärker herausgearbeitet vorstellen.

Bei den Entdeckungen, die der CD den Titel geben, handelt es sich um mehrere Märsche, die Cherubini zu unterschiedlichen Anlässen zwischen 1797 und 1825 komponiert hat. Die Hand des Meisters zeigt sich auch in diesen kleinen, in Charakter, Besetzung und Länge sehr verschiedenen Arbeiten, doch sind sie nicht minder als biographische Dokumente interessant. So wird in dieser Zusammenstellung deutlich, dass die Marche religieuse für die Krönung Karls X. (übrigens keine Ersteinspielung, sondern aus Riccardo Mutis Aufnahme der Krönungsmesse bekannt!) aus der Trauermusik für den Revolutionsgeneral Hoche rezykliert worden ist. Aufschlussreich ist es auch, die Trauermärsche für Hoche und für den Herzog von Berry zu vergleichen. Während ersterer manche Stilmittel vorwegnimmt, mit denen später Berlioz Rednergesten instrumental nachzeichnet, findet Cherubini für den ermordeten Herzog viel teilnahmsvollere Töne – und breitere Melodiebögen. Ganz anders als diese hochoffiziellen Stücke präsentieren sich die Märsche, die Cherubini für einen Departement-Präfekten, sowie adlige Gastgeber in Wien und Chimay (wo seine gewaltige F-Dur-Messe entstand) komponiert hat. Sie sind vergnügliche Divertimenti für Harmoniemusik mit Schlagwerk. Chailly versucht gar nicht erst, ihnen einen schmissig-martialischen Charakter aufzunötigen. Ebenso lässt er den Zeremonienmärschen die nötige Würde. Es zeigt sich also auch hinsichtlich der kleinen Werke, welch ein Glücksfall es ist, dass sich Chailly dem Schaffen Cherubinis angenommen hat.

Norbert Florian Schuck [05.03.2020]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Luigi Cherubini
1Ouverture G-Dur 00:10:37
2Sinfonie D-Dur 00:32:07
6Marche réligieuse pour le jour de sacre de Charles X 00:03:14
7Marche réligieuse pour le pompe funèbre du Général Hoche 00:02:02
8Marcia composta per il sig. Baron di Braun alla sua terra di Schönau presso Vienna 1805 00:03:34
9Marche du préfet du département de L'Eure et Loir 00:02:15
10Marche pour le retour de préfet du départment de L'Eure et Loire 00:02:18
11Marche pour instruments à vent. Chimay 12 juillet 1809 00:03:26
12Marche. Chimay 22 septembre 1810 00:01:43
13Marche. 8 février 1814 00:01:11
14Marche pour le pompe funèbre du Général Hoche 00:04:56
15Marche funèbre 00:06:58

Interpreten der Einspielung

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