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CD-Besprechung

Pierantonio Tasca

A Santa Lucia

cpo 555 181-2

1 CD • 73min • 2017

27.11.2019

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

„In Italien scheinen nur noch verschämte und unverschämte Nachahmungen der Cavalleria für den Export nach Deutschland angefertigt zu werden“, stöhnte der Kritiker Max Kalbeck angesichts der Invasion von veristischen Opern auf deutschen Bühnen. Seit dem Sensationserfolg von Mascagnis Einakter (1890) versuchten nicht nur italienische, sondern mehr noch deutsche Komponisten (der zweiten Reihe), sich an diesen neuen Trend anzuhängen. Kalbecks Feststellung ist insofern richtig, als einige italienische Abkömmlinge der in Mode gekommenen Gattung nicht auf einheimischen Bühnen, sondern in großen deutschen Theatern ihre Uraufführung erlebten, etwa Pierantonio Tascas A Santa Lucia (Berliner Kroll-Theater 1892) oder Nicola Spinellis A basso porto (Kölner Stadttheater 1894).

Dass Kalbecks Vorwurf der Nachahmung im Falle Tascas nur sehr bedingt zutrifft, erkennen wir jetzt dank der Initiative des Anhaltischen Theaters in Dessau, das seine Oper erneut auf ihre Bühnentauglichkeit prüfte und offenbar mit sehr gutem Erfolg. Die Handlung spielt im Fischerviertel von Neapel, doch anders als in Giovanni Vergas Roman I Malavoglia (1881) hat der Schauplatz eher pittoreske Bedeutung, der harte Existenzkampf der Fischer spielt im Libretto Enrico Goliscianis keine Rolle. Die als Bettlerin herumziehende Rosella hat ein Kind mit dem Fischer Ciccillo, was aber niemand wissen soll, da er mit Maria verlobt ist, die alles tut, um ihrer Nebenbuhlerin zu schaden. Als sich Ciccillo für ein Jahr auf einem Schiff verdingt, besorgt Rosella zwischenzeitlich den Haushalt seines Vaters Totonno, der sich in sie verliebt. Maria nutzt das für eine teuflische Intrige, indem sie ihrem notorisch eifersüchtigen Verlobten bei seiner Rückkehr von einem Verhältnis Totonnos mit Rosella berichtet. Ciccillo glaubt deren Unschuldsbekundungen nicht und als er sie von sich stößt, stürzt sie sich ins Meer.

Kein blutiges Ende wie in Cavalleria und Pagliacci, sondern ein feuchtes. Da zwischen beiden Akten ein ganzes Jahr liegt, gibt es keine Peripetie und keinen dramatischen Höhepunkt. Auf das lange Abschiedsduett, das den ersten Akt abschließt und die musikalisch schönste Nummer des Werks darstellt, folgt das in der veristischen Gattung obligatorische Intermezzo sinfonico, dann wird die Handlung von Neuem aufgenommen. Tasca, dies der Eindruck aus dieser Oper, war kein eigentlich dramatisches Talent, sondern eher ein Lyriker, aber auch wenn er manche Versatzstücke der veristischen Gattung übernimmt, behauptet er sich gegenüber Mascagni doch als ein eigenständiger Komponist. Bemerkenswert ist schon die Introduktion, in der die Gesänge der verschiedenen Volksgruppen nicht nacheinander, sondern simultan erklingen (wie 20 Jahre später im veristischen Spätwerk I gioielli della Madonna von Ermanno Wolf-Ferrari, das ebenfalls auf einem Libretto von Golisciani basiert, ebenfalls in Neapel spielt und ebenfalls in Berlin uraufgeführt wurde). Weitaus mehr Wert als Mascagni und Leoncavallo legt Tasca auf das musikalische Lokalkolorit in Tänzen, Liedern und Kirchenchorälen. Die aphoristische Kürze der Solostücke hält die Handlung nie auf und gefällt in ihrer volksliedhaften Einfachheit. Nur im erwähnten Liebesduett und im Intriganten-Zwiegesang Marias und des Polizeispitzels Tore (der ein bisschen an Ortrud und Telramund erinnert) ist die traditionelle Oper gegenwärtig.

Der damals noch wenig bekannte Baron Tasca (1864-1934), der zeitweise Bürgermeister seines sizilianischen Heimatortes war, hatte das große Glück (und gleichzeitig Pech), dass sich die Primadonna Gemma Bellincioni, die seit der Uraufführung der Cavalleria als die Duse der Oper galt, für sein Stück interessierte und es gemeinsam mit ihrem Gatten, dem Ur-Turridu Roberto Stagno, auf ihren zahlreichen Gastspielen im Ausland präsentierte: auf Berlin folgten Triest, Prag, Hamburg (unter Gustav Mahler) und Wien - überall war der Erfolg beträchtlich. Aber da es nach Tourneebrauch immer nur ein paar wenige Aufführungen gab, konnte sich A Santa Lucia nicht im Repertoire festsetzen und verschwand in dem Augenblick von den Spielplänen, als die Diva von der Bühne abtrat.

Dem vergleichsweise kleinen Dessauer Theater ist mit dieser Ausgrabung eine veritable Ehrenrettung geglückt. Das ist zu einem nicht geringen Teil dem sorgfältigen und einfühlsamen Dirigat Markus L. Franks und der Leistung des Dessauer Orchesters zu verdanken. Die Sänger schlagen sich hochachtbar. Die Bulgarin Iordanka Derilova klingt zwar schon etwas reif für die Rolle der Rosella, macht das aber durch expressiven Vortrag wett, die Stimme erinnert sogar an die der Bellincioni. Ray M. Wade jr. ist als Ciccillo ein strahlender Verismo-Tenor, die Mezzosopranistin Rita Kapfhammer eine stimmlich attraktive Maria, der Bariton Ulf Paulsen schließlich ein vokal zufrieden stellender Vater. Das Booklet zu dieser Veröffentlichung ist vorbildlich: es enthält das italienische Libretto auch in deutscher und englischer Übersetzung, aussagekräftige Biographien der beteiligten Künstler und einen sehr sachkundigen und informativen Essay des Dessauer Operndirektors Felix Losert.

Ekkehard Pluta [27.11.2019]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Pierantonio Tasca
1A Santa Lucia (Melodramma in due atti) 01:13:11

Interpreten der Einspielung

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