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CD-Besprechung

Allan Pettersson

Vox Humana

Allan Pettersson

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10

Klangqualität:
Klangqualität: 9

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Besprechung: 14.10.19

Klassik Heute
Empfehlung

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cpo 999 286-2

1 CD • 69min • 2016

Über die Musik Allan Petterssons nüchtern zu schreiben, ist zwar möglich, muss jedoch eine blasse Angelegenheit bleiben. Nur ganz wenige Komponisten des 20. Jahrhunderts vermögen den Hörer so in der Tiefe seines Wesens zu bewegen und ergreifen wie die seine (Bartók, Berg, Stephan und Schostakowitsch fallen mir sogleich ein). Diese unmittelbare Wirkung auf den Hörer erstaunt besonders in Anbetracht der teils sehr hohen Komplexität der Faktur, die zumal in rhythmischer Hinsicht sehr hohe Anforderungen an die Ausführenden stellt.

Pettersson ist, wie später sein nicht weniger großer Landsmann Anders Eliasson, weit überwiegend ein reiner Instrumentalkomponist gewesen. Zu Beginn sah es danach gar nicht aus: Nach den sechs Liedern auf schwedische Autoren von 1935 schrieb Pettersson 1943-45 seine mittlerweile berühmten 24 Barfußlieder, die bewusst den Bogen von Schuberts Winterreise in die Zeit des Zweiten Weltkriegs schlagen und in ihrer reinen, einfachen Satzweise einmalig in ihrer Zeit sind. Erst knappe 30 Jahre später kehrte Pettersson danach zur Vokalkomposition zurück, als er 1974 zuerst seine 12. Symphonie Die Toten auf dem Marktplatz auf Texte Pablo Nerudas schrieb und gleich anschließend die Kammerkantate Vox humana auf schwedische Übersetzungen südamerikanischer Arbeitergesänge. Diese Werke sind zugleich von zeitloser politischer Aussagekraft, indem sie sich zunächst auf die blutige Niederschlagung des chilenischen Arbeiteraufstands von 1946, dann aktuell auf den CIA-geführten Putsch in Chile, der den Tod Allendes und die brutale Diktatur Pinochets mit sich brachte, beziehen. Alleine dafür dürften sie schon viel öfter gegeben werden. Doch von diesem signifikanten außermusikalischen Anlass abgesehen handelt es sich um musikalische Schöpfungen höchsten Karats.

Nun hat cpo endlich – mit dem Dirigenten Daniel Hansson, Streichern von Musica Vitae, dem Gesangs-Ensemble SYD und den Solisten Kristina Hellgren (Sopran), Anna Grevelius (Alt), Conny Thimander (Tenor) und Jakob Hägström (Bass) – auch die Vox humana aufgenommen, in einer wegweisenden Aufnahme gekoppelt mit Staffan Storms Instrumentation der frühen sechs Klavierlieder für ein Kammerensemble aus Streicher und Harfe. Damit knüpft das Label an seine ruhmreiche Zeit als Pettersson-Pionier an, deren Errungenschaften angesichts des Hypes um den massiv überschätzten Dirigenten Christian Lindberg und seine neuere Aufnahmeserie für BIS ein wenig in den Schatten geraten ist.

Daniel Hansson leitet die Ensembles mit sicherer Hand, die Sängersolisten und der kleine Chor bewähren sich ganz besonders in den horrend schwierig zu intonierenden A-Cappella-Nummern, der Ausdruck ist von erstaunlicher Einheitlichkeit. Dass die Tempi insgesamt etwas breiter ausfallen als von Pettersson vorgeschrieben, ist kein Manko, sondern der Intensität und Detailtreue der Darbietung geschuldet und in keiner Weise störend – im Gegenteil würden die ‚Originaltempi‘ manches gehetzt erscheinen lassen. Für den Hörer ist das Erlebnis der wechselnden Besetzungen – Gesangsensembles, Gesangsolisten, Duette, in rein vokalem Satz oder mit diffiziler instrumentaler Begleitung – äußerst fesselnd und strahlt eine bis zum Schluss nicht nachlassende Faszination aus. Immer wieder dringt – wie bald darauf so großartig im großen Violinkonzert für Ida Haendel – der alles ‚durchheiligende‘ Choralton durch die fragile Faktur und ermöglicht ein wahrhaft transzendentes Erlebnis. Man kann diese so vielschichtige und auch in ihrer freitonalen Harmonik ganz und gar einmalige Musik unentwegt wieder und wieder hören, und sie nutzt sich überhaupt nicht ab, sondern entwickelt einen unwiderstehlichen Sog, der über 52 Minuten anhält und den Hörer durch alle Tiefen und Katarakte der bloßgelegten Psyche hindurchträgt. Pettersson rührt zutiefst, ohne je in die Nähe von Sentimentalität zu schlittern. Als Zugabe gibt es hinterher die Ensemble-Bearbeitung der nunmehr äußerst einfach erscheinenden Sechs Gesänge von 1935, die in vielerlei Weise schon ‚Vorechos‘ des erschütternden Reifestils ausbilden, wobei sie deutlich erkennbar der nordischen Liedtradition entstammen und auch französische Einflüsse erkennen lassen – trotzdem bin ich nicht restlos glücklich mit Storms Entscheidung, zu den Streichern eine Harfe hinzuzufügen, die etwas zu viel Süße in die Musik einfließen lässt und ihr ein Quäntchen zu viel ‚Debussysmus‘ einschreibt in diesen ansonsten tadellosen Arrangements. Die Aufnahmetechnik gestattet ein weitgehend sehr gutes Aushören des komplexen Tonsatzes, kann aber nicht alles hörbar machen Der Booklettext stammt wie bei allen Pettersson-CDs von cpo von AKW Meyer. Auf alle Fälle eine herrliche CD, die auch ohne einsame Insel die Einsamkeit des menschlichen Daseins inmitten der Mitmenschen eindrücklich erfahrbar machen kann.

Christoph Schlüren [14.10.2019]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 A. Pettersson Vox Humana (Kantate) 00:51:46
19 It becomes quiet when the crows die 00:02:36
20 A Song of Loneliness 00:01:17
21 The Pine and the Lightning 00:01:36
22 Resignation 00:03:02
23 Refuge 00:02:14
24 My heart needs a little child 00:06:42

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Kristina Hellgren Sopran
Anna Grevelius Alt
Conny Thimander Tenor
Jakob Högström Bariton
Musica Vitae Ensemble
Ensemble SYD Chor
Daniel Hansson Dirigent
 
999 286-2;0761203928620

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