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CD-Besprechung

Anton Bruckner

Symphony No. 9 in D minor "Dem lieben Gott"

Anton Bruckner

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9

Klangqualität:
Klangqualität: 9

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Besprechung: 11.01.19

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Tacet S 245

1 CD/SACD stereo/surround • 61min • 2017

Natürlich freut man sich als CD-Hörer über ein Ensemble mit besonderer Identität - und das darf man von Concerto Budapest und seinem Dirigenten András Keller, dem bedeutenden Violinisten, Quartettisten, Kurtág-Schüler, mit Gewissheit sagen. Kein geringeres Werk hat er gewählt als Bruckners Neunte, und dazu gehört Mut im Angesicht der Legenden - zumindest an Furtwängler und Celibidache kommt gerade bei diesem Werk keiner vorbei. Die Budapester Produktion zeigt eigenen Zugriff schon durch die spezielle Sound-Technik des TACET-Labels (Producer Andreas Spreer): „sensuous and subtle“ - so bezeichnet sie sich selbst; unüblich auch die Gestalt des Booklets (Autor Wolfgang Wendler), das keine Einführung in das Werk, sondern ein Kaleidoskop von „Gedanken-Assoziationen-Fragen“ zum Thema „Anton Bruckner - ‚heiliger Narr‘?“ bietet. Aus all dem geht hervor, wie stark diese Aufnahme „Herzensangelegenheit“ der Macher ist. Und das ist hoch zu schätzen.

Der ungewöhnliche Zugriff ist immer auch riskant neben den rivalisierenden Hochglanzmusiken aus der Star-Küche, die fast ausnahmslos die Botschaft eines solchen Werkes durch nicht zuletzt kommerziell kalkulierte Außenwirkungen überfahren, so dass man als Hörer immer wieder das Werk gegen seine Exekuteure zu verteidigen hat. Kellers Ansatz hingegen zeichnet sich im Blick auf dieses befrachtete Monument Neunte, „dem lieben Gott gewidmet“, zunächst aus durch enorme Bedachtsamkeit, mit der er Details blühen lässt, mit Ehrfurcht jede Phase gleichsam zelebriert, nie jedoch mit falschen Pathos. Diesem Zugriff hilft die Klangvision von Andreas Spreer durchaus, sie ist an sich weich, sie öffnet, durchleuchtet - sie bündelt nicht. Entscheidend ist, dass dieser Dirigent nie drängt, im kaum zu fassenden Kopfsatz nie in das zentrale Missverständnis der Star-Interpreten verfällt, ‚drive‘ auf diese Musik zu setzen und sie durch dramatischen Fahrtwind pseudo-beethovensch effektsicher zu machen. Das alles ist Keller fern.

Was bei ihm nicht entsteht, ist das Bauwerk der Himmelsleiter, die jedes Werk Bruckners darstellt - vom Registerbewusstsein der Orgel her gedacht. Dass Wagners Sinnenmusik den Eros der Brucknerschen Horizontale ausmacht, den er gleichsam imitiert und zum Lobe des Schöpfers umadressiert, ist die einzigartige Figur dieser Musik zwischen Himmel und Erde. Keller bedient mit seinen Musikern, die bestens an einem Seil in die gemeinsame Richtung ziehen und mit filigranen Soli aufwarten, diese Horizontale der Partitur hochintensiv, gibt ihr gar mehr Sinnlichkeit als je gemeint sein kann und lässt uns damit Neues hören, erhellt Strukturen, die sonst im großen Ganzen verschwinden. Er geht zwar deutlich auf die Vertikale dieser Musik ein durch die Zäsuren zwischen den Phasen oder ‚Blöcken‘, der jeweiligen Neu-Registratur also; nur macht er sie nicht zum Prinzip.

Und so erhebt sich das Brucknersche Gebäude, das in den Himmel wachsen soll, nur bedingt. Weil etwas vom Gewicht fehlt bei aller aesthetischen Stimmigkeit, das Gesetz, die starke Hand, die trotz des statischen Baus die Bewegung steuert und das geistige Band bildet. Zusammenhang des Nicht-Zusammenhängenden ist bei Bruckner zu leisten - das Schwerste: die gelebte Antinomie. Und aus ihr wächst die Spannung dieser Musik. Keller und die Budapester breiten vor uns liebevoll einen fein ziselierten Teppich kostbarer Details in Gestalt von Momenten aus, als seien sie Miniaturen. Nur sind diese Einzelheiten auch massive Bausteine des ganzen Monuments. Was fehlt, ist jene Strenge, die Bruckners Glaubensgrund diktiert - und der ist nie weich. Auch das große Adagio des Torsos verbleibt trotz bestrickender Momente (wie die Phase vor und nach Takt 140) ohne Säulen. Mit der Endphase des Adagio (ab Takt 173 ‚Sehr langsam‘) praefiguriert Bruckner gleichsam ein ‚Finale‘, fährt die Himmelseiter antizipierend aus und - bricht sie ab: weil noch ein Finale kommen soll, das der ‚liebe Gott‘ denn doch nicht zuliess. Und dieser größte Moment ist bei Keller zwar gut nachvollziehbar, jedoch keine echte ‚gradatio‘ aus Kraft und Hochspannung, was man bei dieser so schönen Aufnahme ein wenig bedauert. Das enorme Scherzo entschädigt, es gelingt Keller stimmig, obwohl auch hier schlicht die geballte Kraft fehlt, der Focus im Forte-Klang („Des Rohen brauchet es auch/Damit das Reine sich kenne“ - heisst es bei Hölderlin). Und so wundert man sich ein wenig über sich selbst, wenn man von diesem missionarischen Versuch aus Budapest das Scherzo-Trio am klarsten im Bewusstsein behält: weil es zart und magisch ausgearbeitet ist, so dass man es nie missen möchte.

Als Ganzes bleibt das Brucknersche ‚Misterioso‘-Monument in Kellers Deutung ein wundersames Weichbild statt konkrete Utopie - wie es wohl der Gottsucher Bruckner wollte. Vielleicht so uns gar näher heute? Denn: man hört diese Aufnahme bewundernd - und eben auch verwundert - und mit der Zeit ungemein gern.

Georg-Albrecht Eckle [11.01.2019]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 A. Bruckner Sinfonie Nr. 9 d-Moll (Dem lieben Gott) 01:00:30

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Concerto Budapest Orchester
András Keller Dirigent
 
S 245;4009850024545

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