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CD-Besprechung

Solo

Emmanuel Tjeknavorian

Sony Classical 88985498312

1 CD • 78min • 2017

16.02.2018

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 7
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 7

Aus dieser Veröffentlichung spricht vor allem eines: Ambition. Mit dem Wiener Emmanuel Tjeknavorian begegnet uns hier ein junger Geiger, der den Mut hat, auf CD mit einem Solo-Programm zu debütieren, der nicht davor zurückschreckt, sich durch Einspielung der Bachschen Chaconne dem Vergleich mit einer enormen Konkurrenz auszusetzen und technisch schwierigstes Repertoire wie Ysaÿe und Heinrich Wilhelm Ernst nicht zu scheuen, dazu selten gespielten Kompositionen zu ihrem Recht zu verhelfen und sich als Förderer zeitgenössischer Musik zu betätigten. Er spielt ein klug zusammengestelltes Programm, das ihm die Möglichkeit bietet, sein Können auf vielseitige Weise zu präsentieren. Auf seine Technik kann sich Tjeknavorian verlassen. Er meistert komplizierte Passagen in kleinen Notenwerten scheinbar mühelos; nur wenigen besonders heiklen Stellen von Ernsts Polyphonen Studien über The Last Rose of Summer hört man die Arbeit an, die er in ihre Bewältigung gesteckt haben muß. Dass mir seine Darbietungen insgesamt einen durchwachsenen Eindruck machen, liegt nicht an den sehr guten handwerklichen Voraussetzungen des Geigers.

Tjeknavorian beginnt mit Bachs Ciaconna insofern ungünstig, als dass die Interpretation dieses Werkes die am wenigsten gelungene der ganzen Scheibe ist. Sein vibratoarmes Spiel und die scharfe Artikulation erinnern an historisch informierte Aufführungspraxis, es geht ihm jedoch die Fähigkeit herausragender Vertreter dieses Faches ab, durch abwechslungsreichen Vortrag auf kleinem Raum starke Kontraste herauszuarbeiten, wie dies bei einer Staccato- und Marcato-Akzente bevorzugenden Interpretation unabdingbar ist. Tjeknavorians Rubati, wie die leicht verlängerten Pausen gleich zu Beginn, wirken in ihrem Kontext nicht reizvoll, sondern unterstützen nur den Eindruck der Zerpflücktheit. Immer, wenn die Notenwerte kleiner werden, bessert sich allerdings der Eindruck, was auch für die weiteren Stücke der CD gilt. Virtuosität ist Tjeknavorians Stärke. Im Beiheft wird der Solist zitiert, ihm komme es in der Chaconne „nicht auf schweres Pathos“ an, sondern darauf, den „latent anzüglichen Charakter dieses Dreiertaktes“ zu betonen. Es ist gerade Mode, so zu reden, der Gedanke stammt nicht von Tjeknavorian selbst. Wurzelt der Mangel an Geschmeidigkeit und Fluss, der seine Interpretation auszeichnet, vielleicht darin, dass er versuchte, einer Vorstellung von „Zeitgemäßheit“ nahekommen, die von außen an ihn herangetragen wurde? Das Stück klingt bei ihm nicht pathetisch, aber schwer. Und gelang es nicht gerade Pathetikern wie Heifetz, Szeryng und Kogan besonders gut, die Chaconne „leicht anzüglich“ tanzen zu lassen und die verschleierten Damen zu evozieren, die Tjeknavorian ausdrücklich vorschwebten?

Der Rest der CD gelingt besser, doch ließen sich sowohl von Enescus Ménétrier, als auch Ysaÿes Fünfter Sonate flüssigere und klangfarblich abwechslungsreichere Interpretationen denken. Die leiseren Passagen der Solosonate Prokofjews, deren rhythmisch betonte Abschnitte Tjeknavorian doppelt unterstreicht, animieren ihn zu gesangvollerem Spiel. Hier zeigt sich ein Potential, auf dessen Entfaltung er zukünftig größeren Wert legen sollte. Dies würde auch seinem Marcato und Staccato nur zugutekommen und der Kurzatmigkeit, an der seine Phrasierung noch deutlich leidet, entgegenwirken.

Von den eingespielten Werken verdient die Suite des Alpes des 1975 geborenen Christoph Ehrenfellner besondere Aufmerksamkeit, da sie Tjeknavorian in die Finger komponiert und folglich hier erstmals eingespielt wurde. Ihre Sätze basieren auf stilisierter alpenländischer Volksmusik. Mit Ausnahme des letzten folgt einem jeden nach Vorbild von Bachs h-Moll-Partita ein Double. Ehrenfellner hat die selbstgestellte Aufgabe, weder in „falsche Sentimentalität“, noch in „Verunglimpfungen volkstümlicher Simplizität“ zu verfallen, trefflich gelöst. Die volksmusikalischen Sätze sind knapp und prägnant geformt, keineswegs trivial und im besten Sinne unterhaltsam. Weniger sagen mir die Doubles zu, die sich, im Gegensatz zu Bachs Vorgehensweise, deutlich von ihren Vorlagen entfernen und ihr Ausgangsmaterial in Aneinanderreihungen virtuoser Effekte mit teils recht dissonanter Harmonik auflösen. Das Werk erhält dadurch, wahrscheinlich sogar gewollt, einen zerrissenen Charakter; und dies trennt es vom Bachschen Vorbild. Dennoch dürfte der Suite im Konzertsaal starke Wirkung sicher sein, nicht zuletzt, wenn sie so hingebungsvoll präsentiert wird, wie hier von ihrem ersten Interpreten.

Norbert Florian Schuck [16.02.2018]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Johann Sebastian Bach
1Ciaccona d-Moll BWV 1004 (aus: Partita Nr. 2 d-Moll) 00:13:49
Eugène Ysaÿe
2Sonate G-Dur op. 27 Nr. 5 für Violine solo (à Mathieu Crickboom) 00:10:19
Sergej Prokofjew
4Sonate D-Dur op. 115 für Violine solo 00:13:16
George Enescu
7Impressions d'enfance op. 28 für Violine und Klavier 00:04:09
Christoph Ehrenfellner
8Suite des Alpes op. 36 00:26:25
Heinrich Wilhelm Ernst
15Polyphone Studie Nr. 6 (Die letzte Rose des Sommers) 00:09:55

Interpreten der Einspielung

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