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CD-Besprechung

Volodos plays Brahms

Volodos plays Brahms

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10

Klangqualität:
Klangqualität: 9

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Besprechung: 12.05.17

Klassik Heute
Empfehlung

Sony Classical 88875130192

1 CD • 54min • 2015, 2016, 2017

Arcadi Volodos galt anfangs eher als ein Mann für’s Grobe, einer jener quasi austauschbaren russischen Supervirtuosen, die zwar mit atemberaubender Fingerfertigkeit und Ausdauer erstaunten – bei Volodos kamen noch seine teilweise aberwitzigen Transkriptionen (Mozarts „Alla turca“) hinzu –, jedoch den musikalischen Tiefgang der Generation eines Emil Gilels, Swjatoslaw Richter oder Vladimir Horowitz häufig vermissen ließen. Dass man Volodos mit solch pauschaler Beurteilung heute nicht mehr gerecht wird, zeigt die vorliegende Einspielung, wo der Pianist sich von einer ganz anderen Seite zeigt.

Brahms spätes Klavierwerk (beginnend mit den acht Klavierstücken op. 76) zeichnet sich nicht nur dadurch aus, dass seine Klaviertechnik hier überaus ökonomisch wird, ohne dass der für ihn so typische Klang auch nur im Geringsten verloren ginge. Vielmehr setzt Brahms alles, was Arnold Schönberg bereits beim jungen Komponisten als fortschrittlich lobt, konzentriert im Dienste einer hochexpressiven Lyrik ein, die im Falle der Zyklen opp. 116-119 selbst 1892/93 noch zukunftsweisend ist. Diese Stücke sind also keinesfalls einfach gestrickt oder leicht zu spielen. Der Verzicht auf jede oberflächliche Virtuosität fordert im Gegenzug ein tiefes Verständnis für die Details der kompositorischen Struktur sowie Stringenz auf emotionaler Ebene.

Wilhelm Kempff hat seinerzeit bei op. 118 in einer bis heute vielleicht unerreichten Durchsichtigkeit die komplex ineinandergreifende Vielstimmigkeit zu Gehör gebracht, was dann stellenweise aber auch, noch verstärkt durch die damals vorherrschende Aufnahmeästhetik, etwas trocken bis unsensibel klingt. Viele Pianisten – etwa Gerhard Oppitz – stellen den „großen Gestus“ schon der einzelnen Phrasen zur Schau und demonstrieren auch bei dieser meist intimen Musik den alle Register des Klaviers umfassenden Brahms-Klang, was oft arg vordergründig wirkt.

Volodos betont ganz die lyrische Seite, versteht dabei durchaus jede noch so feine harmonische Nuance und strahlt Ruhe aus, ohne dass seine Tempi langsamer wären. Alles klingt stets weich und edel – selbst notierten Stakkatos wie etwa bei den Mittelstimmen-Akkorden der Ballade op. 118,3 entzieht Volodos jede Härte. Der Mut zu einem extrem zarten Piano, das dann im Pianissimo fast bis an die Grenze dessen geht, wo ein Flügel überhaupt anspricht, ist geradezu sensationell. Auch die Phrasenenden gehen immer noch leiser als bei der Konkurrenz. Stellen wie die verminderten Akkordbrechungen im 13. Takt von op.118,1 bekommen durch die Tendenz, Decrescendi sehr wichtig zu nehmen, sofort eine gewisse Tragik.

Brahms‘ bewusste rhythmische Mehrdeutigkeit – z.B. der Anfang der Romanze op. 118,5 – wird derart ausgekostet, dass die Musik in irrationale, geradezu himmlische Sphären zu entrücken scheint. Gilt für eine gelungene Interpretation von op. 118 das düstere Es-moll-Intermezzo mit der Dies-irae-Reminiszens als Prüfstein, wird man mit Volodos fast wunschlos glücklich; lediglich bei der variierten Wiederholung des A-Teils könnte man die dort über Kreuz aufsteigende 32tel-Linie als melodischen Gegenpol wichtiger nehmen. Höhepunkt der CD ist für mich aber das A-Dur-Intermezzo op. 118,2 – wirklich zum Niederknien schön.

Die Stücke aus op. 76 (warum wurden hier nur die ersten vier eingespielt?) und die Intermezzi op. 117 erklingen auf dem gleichen, höchsten Niveau. Volodos erfasst sicher nicht alle Facetten dieser Brahmsschen Kleinode; in ihrer konsequent umgesetzten Ausrichtung gehört diese Darbietung aber gewiss zu den überzeugendsten Plädoyers für diese Musik auf Tonträgern, zu der man dem Pianisten nur gratulieren kann.

Vergleichseinspielungen: Wilhelm Kempff, DG 437 249-2 (1963) - Julius Katchen, Decca 455 247-2 (1962-65) - Gerhard Oppitz, RCA 67887-2 (1989), Lars Vogt – EMI 5 57543 2 (2002).

Martin Blaumeiser [12.05.2017]

Bechsteinkonzert

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 J. Brahms Capriccio fis-Moll op. 76 Nr. 1 00:03:31
2 Capriccio h-Moll op. 76 Nr. 2 00:03:33
3 Intermezzo As-Dur op. 76 Nr. 3 00:02:28
4 Intermezzo B-Dur op. 76 Nr. 4 00:02:22
5 Intermezzo Es-Dur op. 117 Nr. 1 00:05:32
6 Intermezzo b-Moll op. 117 Nr. 2 00:05:15
7 Intermezzo cis-Moll op. 117 Nr. 3 00:06:39
8 Intermezzo a-Moll op. 118 Nr. 1 00:01:57
9 Intermezzo A-Dur op. 118 Nr. 2 00:06:19
10 Ballade g-Moll op. 118 Nr. 3 00:03:23
11 Intermezzo f-Moll op. 118 Nr. 4 00:02:46
12 Romanze F-Dur op. 118 Nr. 5 00:02:46
13 Intermezzo es-Moll op. 118 Nr. 6 00:06:11

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Arcadi Volodos Klavier
 
88875130192;0888751301924

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