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CD-Besprechung

Shostakovich

Piano Concertos Nos. 1 and 2 • String Quartet No. 8

Shostakovich

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8

Klangqualität:
Klangqualität: 8

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Besprechung: 24.01.17

Naxos 8.573666

1 CD • 70min • 2016

Der 1984 in Moskau geborene Boris Giltburg ist mittlerweile sozusagen das pianistische Aushängschild von Naxos, was bedeutet, dass man hier nicht nur einen gewissen Aufwand an Promotion betreibt, sondern vor allem auf Standardrepertoire setzt, bei dessen Auswahl der Künstler recht freie Hand zu haben scheint. Nach Beethoven, Schumann und Rachmaninoff ist nunmehr Schostakowitsch an der Reihe, zu dessen Musik sich Giltburg in seinem sehr feinen und informativen Bookletessay nachdrücklich bekennt – und über den Rang dieser Musik, sieht man von ein paar Werken, die hier nicht vertreten sind (und auch das Klavier nicht betreffen), einmal ab, gibt es ja auch nichts zu zweifeln. Eher schon an der Einspielung selbst, die sich ja nicht einfach nur vielzahliger „Konkurrenz“ stellt, sondern auch den Aufnahmen der beiden Klavierkonzerte, die der Komponist selbst davon gemacht hat, gegenüber steht.

Zunächst einmal: Giltburg ist ein glänzender Virtuose, und auch einer, der sich mit der Musik auseinandersetzt und nach eigenen Lösungen strebt. Für mich das Hauptmanko dieser Aufnahmen sind Tempo-Inkonsistenzen: zu viele Beschleunigungen und Verzögerungen, wo sie, zumindest in dieser Weise, nicht hingehören. Oft stellt sich kein klares Gefühl für das metrische Schwingen ein – am unverstelltesten ist dieses vorhanden, wo die metrischen Wechsel in vorwärtstreibendem Tempo ein klares Kontinuum verlangen, also im Finale des 2. Klavierkonzerts mit seinen 7/8-Takt-Einschüben. Generell fehlt mir jenes Charakteristikum, das bei Schostakowitsch selbst so hinreißend zutage tritt: das fortwährende Precipitando-Feeling, das eben nicht vom absoluten Tempo abhängig ist, sondern von der Artikulation innerhalb des Metrums. In den schnellen Sätzen neigt Giltburg dazu, gewisse Primitivismen zu übertreiben, also die plakative Hervorkehrung von Aspekten der Zirkusmusik, was durch allerhand agogische Verzerrungen grimassenhaft hervorgekehrt wird, aber eben damit sehr an der Oberfläche bleibt und die übergeordnete Entwicklung, den kontinuierlichen Spannungsverlauf empfindlich stört. Auch stimmen einige Relationen innerhalb der schnellen Tempi gar nicht mit den Vorschriften der Partitur überein, und auch hier wird dann mit eigenmächtigen Rubati an Übergängen die Unstimmigkeit verwischt. Überdies werde ich den Eindruck nicht los, dass die Abstimmung darüber mit dem Liverpool Philharmonic Orchestra unter Naxos’ Schostakowitsch-Chefexeget Vasily Petrenko eher flüchtig vorgenommen wurde (vielleicht mangels Probenzeit?), was sich darin zeigt, dass strukturelle Parallelen von Solist und Orchester in teils sehr divergenter Weise ausgeführt werden. Ein zusätzliches Problem ist – wie leider üblich in Solokonzerten – die Balance zwischen Solist und Orchester: Viele Passagen im Orchester, vor allem im Streichorchester des 1. Konzerts, kommen viel zu schwach im Verhältnis zum Solisten, der übermäßig hervorgehoben ist, damit uns seine feineren Nuancen nicht entgehen. Dadurch ermangelt es dem Dialog in entscheidenden Momenten der Attacke. Die Solotrompete ist davon nicht betroffen, jedoch ist bei aller Bravour festzustellen, dass Rhys Owens es mit der vorgeschriebenen Artikulation stellenweise nicht allzu genau nimmt und Akzente dadurch schwächt, dass er unakzentuierte Noten genauso stark betont – um den Preis unfreiwilliger Nivellierung. Insgesamt ist das Ergebnis episodischer und zerfranster als zu wünschen wäre, und am ehesten stellt sich ein Kontinuum ein, wenn das Orchester wie zu Beginn des langsamen Satzes im ersten Konzert alleine agiert. Der Kopfsatz des zweiten Konzerts kommt streckenweise mit einer gepanzerten Schwerfälligkeit daher, die vor allem im Dauer-Fortissimo den Eindruck eines auf-der-Stelle-Spurtens vermittelt. Und eigentlich wäre zu fordern, dass es auch im Fortissimo noch so etwas wie Phrasierung gibt… Natürlich kann man sich andererseits an der virtuosen Synchronizität in den schnellen Tempi freuen und die Suche nach lokalen Effekten auf Kosten des bezwingenden Zusammenhangs als kurzweilige Unterhaltung genießen, aber es lässt sich gewiss nicht sagen, dass aus der Partitur wirklich herausgeholt wird, was potentiell vorhanden ist.

Zwischen die beiden Konzerte streut Giltburg sein Klaviersolo-Arrangement des Walzers aus Schostakowitschs 2. Quartett ein – beeindruckend im Figurativen, aber leider ohne authentisches Walzer-Feeling. Es ist ja bezeichnend, dass heute die wenigsten Pianisten wirklich in der Lage sind, einen Walzercharakter zu manifestieren. Und zum Abschluss spielt Giltburg seinen Klavierauszug des 8. Quartetts von Schostakowitsch, ein Werk, das er ausgewählt hat, um seinem Instrument eines der tiefgründigsten Werke des Meisters zugänglich zu machen. Auch hier bedaure ich, mit Tempi und Agogik nicht glücklich werden zu können, obwohl mir vieles an seinem Spiel sehr sympathisch entgegenkommt, zumal der Wille zu einer existenziellen Ernsthaftigkeit. Doch er agiert allzu sehr aus dem Wunsch heraus, die einzelnen Momente möglichst interessant zu gestalten, und verliert darüber den Bezug zur Gesamtgestaltung. Insgesamt also eine zwiespältige Angelegenheit auf achtungsgebietendem instrumentalen Niveau.

Christoph Schlüren [24.01.2017]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 D. Schostakowitsch Konzert c-Moll op. 35 für Klavier, Trompete und Streichorchester 00:23:23
5 Streichquartett Nr. 2 A-Dur op. 68, 3. Satz Walzer (Bearb. für Klavier: B. Giltburg) 00:05:56
6 Konzert Nr. 2 F-Dur op. 102 für Klavier und Orchester 00:19:59
9 Streichquartett Nr. 8 c-Moll op. 110 (Bearb. für Klavier: B. Giltburg) 00:20:28

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Boris Giltburg Klavier
Rhys Owens Trompete
Royal Liverpool Philharmonic Orchestra Orchester
Vasily Petrenko Dirigent
 
8.573666;0747313366675

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