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CD-Besprechung

Jón Leifs

complete songs

Jón Leifs

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10

Klangqualität:
Klangqualität: 10

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Besprechung: 07.04.16

Klassik Heute
Empfehlung

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BIS 2170

1 CD • 80min • 2000, 2001

„Stattu, steinhús“ („Stehe, Steinhaus”): Wie mit einem Meißel haben sich mir die ersten sechs autographen Takte dieses Liedes ins Gedächtnis gegraben, die ich einst im achten Bande meiner schönen alten MGG (Sp. 535/36) entdeckte. Ein paar harte Akkorde, die Singstimme eine kleine Sext abwärts, Pause, dann ein Tritonus rauf ... So lange dieser erste Sichtkontakt auch her ist, Jón Leifs, der Isländer, war nach diesem Eindruck nicht mehr auszulöschen – und das schon zu einer Zeit, als es auf dem Tonträgermarkt noch keine einzige Produktion gab.

Die Lage sich inzwischen längst geändert. Vor allem das schwedische Label BIS hat eine wahre Fundgrube angelegt, in der heute von der Edda (Teil I) bis zu den drei phänomenalen Streichquartetten, von den frühen Klavierstücken bis zu dem nervenzerreißenden Ausbruch des Hekla fast alles zu haben ist, was der bemerkenswerte Mann im Laufe seines Lebens geschaffen hat. Und immer wieder konnte ich mit höchstem Vergnügen feststellen, dass mich der Anfangsverdacht nie getrogen hat: Ob Leifs die Urelemente der Natur entfesselt oder mit sparsamsten Mitteln über Leben und Tod reflektiert, ob er mit grobem Orchesterkeil dreinfährt oder mit schlichtesten Tonfolgen anrührt – ganz offenbar haben wir hier eine jener Persönlichkeiten vor uns, die sich in keinem Handgriff, keinem Federstrich und keinem Augenaufschlag verleugnen.

Die 32 Klavierlieder, die sich über Leifs’ schöpferische Karriere verteilen, stehen zum gesamten Œuvre wie der Mikro- zum Makrokosmos, erlauben es also, innerhalb von gut 80 (!) Minuten, bis in die Bereiche einer seismographischen Sensibilität vorzudringen, die sich zwischen den scharfkantigen Klippen und den zum Teil wütend dissonanten (seltsamerweise aber nie kakophonischen) Akkorden, hinter markiger Deklamation und schroffem Akkompagnement versteckt: Man wird den ergreifenden Volksliedern op. 19b oder dem berückenden Wiegenlied aus op. 14a ebensowenig widerstehen können wie dem erschütternden Torrek op. 33a, mit dem Jón Leifs den Unfalltod seiner Tochter Lif zu bewältigen suchte; nicht minder „eindringlich” zeigt sich der Komponist in den Liebesliedern vorzeitlicher Helden, in den inbrünstigen Gebeten und schließlich auch im hymnisch-mitreißenden, gerade einmal eine Minute währenden „Steinhús“, auf das der endlich erhörte Rezensent seit Jahrzehnten gewartet hat.

BIS war gut beraten, die fünfzehn Jahre alte Produktion des Labels Smekkleysa in den eigenen Katalog zu übernehmen, denn besser hätte eine neue Aufnahme auch nicht werden können. Ganz abgesehen von der absoluten Authentizität und dem ausgezeichneten Miteinander der beiden Interpreten verfügt Finnur Bjarnasson über jene leicht baritonale Qualität, die den lyrisch verklärten Momenten eine restlos ergreifende, mitunter geradezu betörende Wärme verleiht und im hohen Forte verhindert, dass sich der innere Hochdruck der Töne nicht in Triumphgeschmetter entlädt. Diese Eigenschaften im Verein mit einer vorzüglich organisierten, auf möglichst große Abwechslung bedachten Werkfolge machen die konzentrierte Begegnung mit Jón Leifs – man bedenke, dass die Erstveröffentlichung aus zwei CDs bestand – zu einem außergewöhnlichen Erlebnis selbst für Gemüter, die nicht so voreingenommen sind wie der gegenwärtige Berichterstatter, den schon vor Jahrzehnten das Raunen einiger handschriftlicher Noten auf Dauer gebannt hat.

Rasmus van Rijn [07.04.2016]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 J. Leifs Heimþrá op. 45 Nr. 1 00:02:29
2 Sólhvörf op. 45 Nr. 2 00:02:52
3 Hjörtun hefjast op. 45 Nr. 3 00:01:01
4 Brennusöngur Skarphéðins op. 25 Nr. 1 00:01:26
5 Húskarlahvöt op. 25 Nr. 2 00:01:32
6 Helsöngur Þormóðar op. 25 Nr. 3 00:01:48
7 Sofðu, unga ástin mín op. 19b Nr. 1 00:04:13
8 Breiðifjörður op. 19b Nr. 2 00:00:55
9 Góða nótt op. 18a Nr. 1 00:05:15
10 Ríma op. 18a Nr. 2 00:04:28
11 Þagalt ok hugalt op. 4 Nr. 1 00:01:18
12 Ungr vark forðum op. 4 Nr. 2 00:01:05
13 Deyr fé op. 4 Nr. 3 00:01:11
14 Stattu Steinhús op. 47a 00:00:59
15 Máninn líður op. 14a Nr. 1 00:02:07
16 Vögguvísa op. 14a Nr. 2 00:02:54
17 Þat mælti mín móðir op. 24 Nr. 1 00:01:10
18 Ástarvísur til Steingerðar op. 24 Nr. 2 00:04:12
19 Haugskviða Gunnars op. 24 Nr. 3 00:00:54
20 Þula op. 23 Nr. 1 00:03:03
21 Draugadans op. 23 Nr. 2 00:02:54
22 Vorkvæði op. 23 Nr. 3 00:03:04
23 Minningaland op. 27 Nr. 3 00:02:32
24 Löng er nótt op. 18b Nr. 1 00:03:04
25 Í Gymis görðum op. 18b Nr. 2 00:02:07
26 Höggvinsmál þóris jökuls op. 31 Nr. 1 00:01:21
27 Siglingavísa op. 31 Nr. 2 00:01:12
28 Hrafnsmál op. 31 Nr. 3 00:04:46
29 Vertu guð faðir op. 12a Nr. 1 00:01:53
30 Allt eins og blómstrið eina op. 12a Nr. 2 00:03:00
31 Upp, upp, mín sál op. 12a Nr. 3 00:01:10
32 Torrek op. 33a 00:04:02

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Finnur Bjarnason Tenor
Örn Magnússon Klavier
 
2170;7318590021705

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