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CD-Besprechung

Mozart

Jennifer Lim

Mozart

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8

Klangqualität:
Klangqualität: 9

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Besprechung: 08.01.16

Genuin GEN 15371

1 CD • 61min • 2014

Jennifer Lims Mozart-Darbietungen stehen, nein: sie gleiten über weiteste Strecken im Zeichen pianistisch- manueller Flüssigkeit dahin. Und somit ohne großen Überraschungsfaktor auch ihrem jeweiligen Ziel entgegen. Bemerkenswertes Gleichmaß – also Kontrolle – im Anschlag der raschen Skalen und Intervallverbindungen, wie man dies besonders von asiatischen Interpreten erwartet und seit vielen Jahren auch gewohnt ist. Im Fall der „leichten“ C-Dur-Sonate (KV 545) tendiert diese Vorgangsweise zu einer Art liebenswürdigen Gleichgültigkeit. Dies vor allem im zweiten, kantablen Satz, in dessen Verlauf die artige Melodie über gleichförmigen „Alberti“-Figuren weitergesponnen und wiederholt wird. Jennifer Lim spielt, ja beschwört dies mit Andacht, sozusagen als bescheidene Verbeugung vor der Allmacht musischer Einfachheit. Indes: Nach all dem, was wir inzwischen über die Differenzen zwischen Mozarts Notationsformalitäten und seinen spielpraktischen Allüren wissen (nicht zuletzt Robert Levin sei Dank!), müssen wir davon ausgehen, dass Wiederholungen von Themen oder gar ganzer Satzabschnitte figuriert, gleichsam weitergedacht, also klavierspielend dem jeweiligen Geschmack nach ausgedeutet worden sind. Friedrich Gulda hat diese Praxis in seiner bis zu jazzartigen Effekten in die Gegenwart torpedierenden Amadeo-Version aus den 60er-Jahren als wohl erster Pianist zur Diskussion gestellt. Später freilich hat er eingestanden, dass er bei dieser Gelegenheit – wie auch im langsamen Satz des C-Dur-Konzerts K 467 – zu weit gegangen sei. Wie auch immer: dieser Satz sollte – wie ich meine – etwas weniger unterwürfig, also heller, forscher angefasst werden. Wie kräftig und adrett zugleich Jennifer Lim zu spielen weiß, zeigt sich im Schlusssatz, jenen 1 /1/2 Minuten luftiger Derbheit, die erfahrungsgemäß den häuslichen Spielern dieser „facile“-Sonate gar nicht so leicht von der Hand gehen.

„Andantino grazioso“ ist das Thema der A-Dur-Sonate überschrieben. Lim nimmt es mit großer rhetorischer Vorsicht, eher zögernd, vielleicht mit Ehrfurcht vor dem – wie im Booklet mehrfach betont – bewunderten Meister. Im Folgenden entwickeln sich die belebten Variationen liquid, technisch untadelig serviert. Freilich ohne jede gestalterische Extravaganz – wenn man Einspielungen von Rachmaninoff, Glenn Gould oder Fazil Say zum Vergleich heranzieht. Extravaganz – wenn man will – jedoch in der vorletzten Variation! Wenn es sich um ein 17cm-Vynilscheibe handeln würde, könnte man meinen, eine falsche Geschwindigkeit eingestellt zu haben. Mozart gesangliche Metamorphose des Themas kommt einfach nicht voran. Jennifer Lim beharrt hier auf Largo-Modus und riskiert es damit, den Hörer wohltönend einzulullen. Geweckt wird er mit einer lebendig vorgetragenen Finalvariation, in deren Verlauf einige markante Akzente der linken Hand bereits auf den Türkischen Marsch vorbereiten.

Im Begleittext – einem Interview – betont die Interpretin, diesen Marsch nicht so schnell wie üblich zu spielen. Recht hat sie, wenn man die geradezu sinnentleert beschleunigte Royal Albert Hall-Version von Lang Lang in schlechter Erinnerung hat. Aber im Allgemeinen spielen die Kolleginnen und Kollegen diesen Satz kaum schneller, zumeist in einem vergleichbaren Zeitmaß. Ausgenommen Vladimir Horowitz, der 1966 in der Carnegie Hall ein echtes, sozusagen fußläufiges Tempo einschlug. Falsch liegt die Interpretin für mein Empfinden, wenn sie versucht „auf alle Effekte und Verstellungen zu verzichten“. Dieser Marsch ist eines der plastischsten Beispiele von Effekthascherei im Bewusstsein kriegerischen Geschehens und grenzüberschreitender Musikdramaturgie. Im Gespräch mit Michael Juk, dem kanadischen CBC-Producer, beschließt der Marsch die CD. Die Sonate wurde jedoch in der Mitte platziert. Das hätte man korrigieren können.

Flüssiges, geschmeidiges, aber letzten Endes doch sehr mechanisch, einem imaginären musikalischen Reinheitsgebot verhaftetes Mozartempfinden dann im Rahmen der virtuosen F-Dur-Sonate, in deren flotten, kreiselnden Wegstrecken Jennifer Lim jederzeit ihr zuverlässiges und gelegentlich auch aufregendes Handwerk erkennen lässt. Aber auch hier: das Adagio wirkt träge formuliert, zuweilen geradezu buchstabiert.

Vergleichsaufnahmen: Sonate KV 331: Horowitz (Carnegie Hall 1966 – CBS LP S 72574, bzw. Sony SX13K 53456), Say (Warner Music WE 885); 1. Satz: Rachmaninoff (1919 – RCA 09026 61265 2); 3. Satz „Alla turca“: Lang Lang (Sony 88843082532)

Peter Cossé [08.01.2016]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 W.A. Mozart Klaviersonate Nr. 16 C-Dur KV 545 (Facile) 00:12:40
4 Klaviersonate Nr. 11 A-Dur KV 331 (Alla Turca) 00:24:35
7 Klaviersonate Nr. 12 F-Dur KV 332 00:24:07

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Jennifer Lim Klavier
 
GEN 15371;4260036253719

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