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CD-Besprechung

Bachiana

Transformationen von Moscheles • Schumann • Reinecke

SWRmusic 93.338

1 CD • 67min • 2014

04.01.2016

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Klassik Heute
Empfehlung

Nicht nur Not macht erfinderisch! Auch großes Können und Vertrauen in die gebündelten Möglichkeiten scheinen kräftige Impulse zu sein, sich auf dem Weg durch die Klavierduoliteratur nicht nur auf gleichsam ästhetischen Seitenpfaden zu bewegen, sondern die dort gewonnenen Erfahrungen auch in neuen Perspektiven zu erleben und letzten, geglückten Endes im Rahmen einer CD-Veröffentlichung auch dem Publikum bekanntzugeben. Mit dem Motto „Bachiana“ betreten Lucia Huang und Sebastian Euler ja zunächst kein musikthematisches Neuland. Aber schon der erste Blick auf die drei Autorennamen nährt den Verdacht, dass es sich bei der Berücksichtigung zweier so wichtiger Nebenfiguren des abendländischen Komponierens wie Ignaz Moscheles und Carl Reinecke um ein Duoprojekt von ganz besonderer Eigenart handeln muss.

Und tätsächlich hat das Duo d’Accord den in der Originalfassung für Orgel leidlich bekannten sechs Schumann-Fugen op. 60 absolute Raritäten hinzugefügt. Genauer gesagt: die beiden Pianisten haben diese von ihnen eigens für Klavier zu vier Händen gesetzten Fugen einer Reihe von interessanten, ja zuweilen geradezu faszinierenden Moscheles-„Untaten“ nicht nur an die programmatische Seite gestellt. Vielmehr haben sie dessen ebenso mutwillige wie gescheite und gewitzte Bach-Erweiterungen sozusagen unter die Schumann-Fugen gemogelt, so dass den mit einem zweiten „concertierendem“ Klavier angereicherten Bach-Präludien aus den beiden Bänden des Wohltemperierten Klaviers wenigstens annähernd die ursprüngliche Doppelgesichtigkeit „Präludium und Fuge“ gesichert bleibt.

Moscheles ist nicht der einzige im weiten Land des romantisierenden Bach-Verständnisses, der den Originalwerken instrumental – und nach bestem Gewissen podiumswirksam – nachgeholfen hat. Seine Idee freilich, den Präludien ein zweites Klavier zur klingenden, gelegentlich klanglich sogar überschwappenden Seite zu geben, erinnert vor allem an jene Klavierwerke Mozarts, denen Grieg mit einem zweiten Klavier den Weg in die Gefilde Peer Gynts bis in die Halle des Bergkönigs geebnet hat. Während Grieg jedoch – wie ich meine – dem originalen Klaviersatz punktuelle, ja zuweilen geradezu klecksende Zusätze verpasst hat – und damit Mozart in oftmals sehr schräges musikantisches Licht rückt –, zeigt sich Moscheles immer wieder als gewieft taktierender, als experimentierfreudiger Handlanger. Es hat den Anschein, als wollte er den wunderbaren Vorlagen keinesfalls den Wind aus den originalen Segeln nehmen, sondern deren abwechslungsreiches Hier und Jetzt als eine Art Barockbaukasten nutzen, mit dessen Einzelteile man „begleitend“ virtuos hantieren könne. Und Moscheles kann es! Zumal das Duo d’Accord alles, aber auch alles tut, um in der Dichte und Bewegtheit des Geschehens den hörenden Durch- und Überblick zu gewährleisten. Ich könnte mir freilich ein noch etwas helleres, noch klareres Klangbild vorstellen, wobei dies ja auch eine Frage der jeweils gewählten Instrumente ist…

Die sechs Schumann-Fugen sind hinsichtlich klanglicher Transparenz weniger gefährdet. Und hier beweisen Lucia Huang und Sebastian Euler bis hin zu höchster dramatischer Zuspitzung ihre Kunst, messerscharf zu argumentieren, um dann wieder mit empfindsamer Abgleichung in Tongebung und Linienführung die ganze gescheite Pracht dieser sechs hochemotionalen Gelehrsamkeiten ins Bewusstsein zu bringen.

Carl Reineckes geistreich-angenehme Variationen über die Sarabande aus Bachs Französischer Suite Nr. 1 (BWV 812) sind mir bisher nur in ihrer Ursprungsform für zwei Klaviere bekannt gewesen. Dian Baker und Eckart Sellheim haben sie für das Label Ars Produktion eingespielt (4947885). Sebastian Euler geht – auf Anfrage – davon aus, dass die zweiklavierige Fassung zuerst kam. Reinecke legte sie Schumann vor, worauf dieser einige Korrekturen anbrachte“. Diese Korrekturen – so Euler weiter – sind in der vierhändigen Fassung berücksichtigt, das Finale sogar neu komponiert.

Peter Cossé † [04.01.2016]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Ignaz Moscheles
1Präludium D-Dur op. 137b für 2 Klaviere (aus dem Wohltemperierten Klavier II/5 von J.S. Bach) 00:03:34
2Präludium h-Moll op. 137b für 2 Klaviere (aus dem Wohltemperierten Klavier I/24 von J.S. Bach) 00:04:09
Robert Schumann
3Fuge Nr. 1 über den Namen B-A-C-H B-Dur op. 60 Nr. 1 00:04:59
Ignaz Moscheles
4Präludium G-Dur op. 137b für 2 Klaviere (aus dem Wohltemperierten Klavier I/15 von J.S. Bach) 00:02:14
5Präludium d-Moll op. 137b für 2 Klaviere (aus dem Wohltemperierten Klavier II/6 von J.S. Bach) 00:01:48
Robert Schumann
6Fuge Nr. 2 über den Namen B-A-C-H B-Dur op. 60 Nr. 2 00:04:49
Ignaz Moscheles
7Präludium cis-Moll op. 137b für 2 Klaviere (aus dem Wohltemperierten Klavier I/4 von J.S. Bach) 00:03:39
8Präludium h-Moll op. 137b für 2 Klaviere (aus dem Wohltemperierten Klavier I/24 von J.S. Bach) 00:03:07
Robert Schumann
9Fuge Nr. 3 über den Namen B-A-C-H g-Moll op. 60 Nr. 3 00:03:17
Ignaz Moscheles
10Präludium C-Dur op. 137b für 2 Klaviere (aus dem Wohltemperierten Klavier I/1 von J.S. Bach) 00:02:32
11Präludium d-Moll op. 137b für 2 Klaviere (aus dem Wohltemperierten Klavier I/6 von J.S. Bach) 00:02:18
Robert Schumann
12Fuge Nr. 4 über den Namen B-A-C-H B-Dur op. 60 Nr. 4 00:03:49
Ignaz Moscheles
13Präludium c-Moll op. 137b für 2 Klaviere (aus dem Wohltemperierten Klavier I/2 von J.S. Bach) 00:02:20
14Präludium Es-Dur op. 137b für 2 Klaviere (aus dem Wohltemperierten Klavier II/7 von J.S. Bach) 00:03:13
Robert Schumann
15Fuge Nr. 5 über den Namen B-A-C-H F-Dur op. 60 Nr. 5 00:02:02
Ignaz Moscheles
16Präludium B-Dur op. 137b für 2 Klaviere (aus dem Wohltemperierten Klavier I/21 von J.S. Bach) 00:01:56
Robert Schumann
17Fuge Nr. 6 über den Namen B-A-C-H B-Dur op. 60 Nr. 6 00:06:10
Carl Reinecke
18Variationen über eine Sarabande von Bach op. 24 für Klavier zu vier Händen 00:10:49

Interpreten der Einspielung

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