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CD-Besprechung

Max Bruch

Max Bruch

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9

Klangqualität:
Klangqualität: 10

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Besprechung: 12.10.15

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BIS 2069

1 CD/SACD stereo/surround • 60min • 2014

Es sieht danach aus, als entstünde parallel zum Zyklus der kompletten Werke für Violine und Orchester von Max Bruch durch Antje Weithaas bei cpo ein weiterer Zyklus beim audiophilen schwedischen Label BIS mit dem in Berlin lehrenden schwedischen Virtuosen Ulf Wallin, der mit vorliegender Produktion beginnt. Das ist sehr zu begrüßen. Nicht so sehr, weil die Werke neben dem berühmten ersten Violinkonzert in g-moll alle von überragendem Wert wären, sondern umso mehr, da Ulf Wallin in den Ausdruckswerten dieser erzromantischen Musik zuhause ist wie heute nur wenige Kollegen. Sein Ton hat Schmelz und Süße, doch keinen Schmalz, sein Spiel bei aller hervorzuhebenden Klarheit, Schwungkraft und Brillanz etwas Süffiges, elastisch Vibrierendes, kantabel Empfindsames, was dieser Musik sehr entgegenkommt. Ihm wäre lediglich noch anzuraten, mehr Aufmerksamkeit darauf zu legen, nicht automatisch schwere Taktzeiten zu betonen, wo die melodischen Bögen – gerade auch kleinteiliges Figurenwerk – doch meist ihre Schwerpunkte dazwischen haben, und die dynamischen und artikulatorischen Angaben des Komponisten konsequenter umzusetzen – die Vernachlässigung des letzteren ist oft eine Folge des Auswendigspielens. Wallin versteht es, den Hörer über längere Strecken mit seiner melodischen Ausdruckskraft und artikulatorischen Entschiedenheit in Bann zu ziehen, zu verführen.

Vom Deutschen Symphonie-Orchester Berlin lässt sich dies so nicht sagen. Natürlich ist die Aufführung professionell erwartungsgemäß zureichend, doch erfahrungsgemäß hat man nicht die Zeit, sich in Proben mit der Musik auseinanderzusetzen, und so kann Okko Kamu nur auf das setzen, was sich aus dem Moment über die stets anvisierte korrekte Darbietung hinaus an Verve und Feinheit mobilisieren lässt. Zum Beispiel, auch rein technisch, geraten im Kopfsatz des Zweiten Violinkonzerts die Doppel-Zweiunddreißigstel in den schmetternden Punktierten in der Regel nicht allzu deutlich. Also auch in dieser Hinsicht kein herausragendes, sondern schlicht ein gediegenes Ergebnis.

Max Bruchs Musik ist einfach strukturiert. Seine Stärke ist das oftmals innige melodische Erblühen, das sich gelegentlich so selbstverständlich ausnimmt, dass man schon an Volksmusik-Herkunft glauben könnte. Doch gibt es unter diesen Melodien immer wieder auch sehr einfältige, deren Simplizität nicht mehr als nur simpel ist, wie im Finale des Zweiten Violinkonzerts d-Moll op. 44, das Bruch 1877 in spontaner Begeisterung für Pablo de Sarasate schrieb. Dann bleibt des Öfteren nicht viel mehr als schlichtes Sequenzieren oder, wenn sich die Sache totzulaufen droht, zum Beispiel eine überraschende harmonische Rückung. Dieses Konzert ist sehr gefällig und für den Solisten so dankbar wie eigentlich alle Streicher-Konzertwerke Bruchs, doch trägt die thematische Substanz nicht sehr weit, die originelle Frische des Ersten Violinkonzerts bleibt fern. Wie schon in diesem tritt der Solist fast gleich zu Beginn auf, und der Kopfsatz ist bei aller Konventionalität am gehaltvollsten und endet in zartem Aufstieg. Es folgt ein Rezitativ, dessen Allegro moderato-Haupttempo im Orchester-Ritornell grundsätzlich etwas zu geschwind genommen wird. Dazwischen hat der Solist in fast Spohr’scher Manier ausgiebig Gelegenheit, mit seinem melismatischen Rankenwerk zu bezaubern. Hingegen wird das Allegro molto des Finales etwas zu behäbig genommen, was die thematische Redundanz unterstreicht. Dessen ungeachtet muss man auf jeden Fall von einer zweifellos überdurchschnittlichen Aufführung sprechen.

Es folgt mit dem Adagio In memoriam op. 67 von 1893, komponiert für Joseph Joachim, das neben dem g-Moll-Konzert wohl schönste und als Ganzes berührendste Werk, das Bruch für die Violine schrieb. Von dieser Entdeckung scheinen auch alle Beteiligten so überrascht gewesen zu sein, dass hier am innigsten musiziert wird.

Den Abschluss bildet das späte, dem Uraufführungssolisten Willy Hess zugeeignete zweisätzige Konzertstück op. 84 in fis-Moll/Ges-Dur von 1910. Dieses beginnt viel mehr in der Art eines ausgewachsenen Solokonzerts als seine derart betitelten Vorläufer (inklusive des mit einer auch eher knappen Orchestereinleitung beginnenden Dritten Konzerts), mit einem majestätischen Orchestertutti von fast brahmsisch anmutender Monumentalität. Ein sehr ansprechendes Werk voll nostalgischer Lyrik, dessen ins Heitere sich wendender zweiter Satz über die irische Volksmelodie ‚The little red lark’ gearbeitet ist. Wie In memoriam ist auch dieses Werk wert, gelegentlich im Konzertsaal gespielt zu werden. Nicht weltbewegend, nicht neu, aber ausnehmend schön und vollmundig für den Solisten.

Die Aufnahmetechnik ist auf dem hohen Niveau, das wir von BIS erwarten müssen (Engineer: Stephan Reh). Den so kundigen wie begeisterten Booklettext steuerte Solist Ulf Wallin selbst bei.

Christoph Schlüren [12.10.2015]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 M. Bruch Konzert Nr. 2 op. 44 für Violine und Orchester 00:26:30
4 Adagio op. 65 (In Memoriam) 00:13:40
5 Konzertstück op. 84 für Violine und Orchester 00:18:21

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Ulf Wallin Violine
Deutsches Symphonie-Orchester Berlin Orchester
Okko Kamu Dirigent
 
2069;7318599920696

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