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CD-Besprechung

Ondine ODE 1234-2

1 CD • 60min • 2013

22.01.2015

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

In den letzten Jahren hat sich der estnische Komponist Erkki-Sven Tüür (Jg. 1959) zu einem der interessantesten Sinfoniker der Gegenwart entwickelt. Seine bislang letzte Sinfonie, die Achte, erlebte 2010 ihre Uraufführung. Die auf vorliegender CD eingespielte Fünfte entstand 2004 und verdankt ihre Entstehung dem SWR Stuttgart, der an den Komponisten mit der Bitte herantrat, ein Werk für Sinfonieorchester und Big Band zu schreiben. Tüür, dem es stets ein Anliegen gewesen ist, verschiedene Musikstile zusammenzuführen, nahm den Auftrag nicht nur an, sondern setzte sogar noch eins drauf, indem er mehrere von einem Jazz- oder Rockgitarristen auf einem elektrischen Instrument frei zu improvisierende Passagen einbaute – sozusagen „Fenster“ für eine improvisierte Musik innerhalb des fest konstruierten Gebäudes einer Sinfonie. Er bezog sich damit konkret auf seine Vergangenheit als Mitglied der Prog-Rock-Gruppe „In Spe“, mit der er in seiner Heimat populär wurde.

Natürlich kommt einem bei dieser Kombination dreier auf den ersten Blick schwer zusammenzufassender Klangquellen zuallererst das Modewort „Crossover“ in den Sinn. Es ist jedoch erstaunlich, wie einheitlich und organisch sich das Werk letztlich gibt. Wie viele von Tüürs Kompositionen, so ist auch die Sinfonie Nr. 5 mittels einer auf bestimmten festen Intervallkonstellationen beruhenden Technik entworfen, die er „vektoriell“ nennt. Deren einzelne Grundlagen sind für den Hörer unerheblich, doch man spürt starke Ordnungskräfte, von denen die nach allen Seiten sich ausbreitende motivische und klangfarbliche Bewegung zusammengehalten wird. So bildet die einleitende Klangfolge das Material, auf dem die gesamte Sinfonie aufgebaut ist.

Die Big Band fügt sich klanglich fast nahtlos ins Orchestergewebe ein, lediglich in den beiden letzten Sätzen des Viersätzers sorgen „Walking Bass“-Passagen und treibende Rhythmen des Drumsets dann doch noch so etwas wie eine „Third Stream“-Atmosphäre. Heikler muten da schon die Passagen für E-Gitarre an. Da sie improvisiert sind – ob vollständig oder nicht, darüber gibt das ansonsten informative Beiheft keine Auskunft –, wirken sie letztlich wie ein Fremdkörper innerhalb der sonst so organisch wirkenden Sinfonie an und entbehren, in diesem speziellen Kontext, auch nicht des äußerlichen Effekts. Nichtsdestoweniger vermag der französisch-vietnamesische Gitarrist Nguyên Lê, eine feste Größe in der progressiven Jazz- und Weltmusik-Szene, durchaus zu beindrucken. Und letztlich lohnt das sehr farbenreich instrumentierte Werk mehrmaliges intensives Hören, nach dem man vielleicht auch die Gitarre als gleichberechtigtes Element zu akzeptieren bereit ist.

Einen mindestend ebenso positiven Eindruck hinterlässt Prophecy für Akkordeon und Orchester. Das 20-minütige Stück fasst mehrere Teile in einem Satz zusammen, wirkt wie aus einem Guss und bietet dem Solisten mannigfachen Raum zur Entfaltung seiner Virtuosität. Dass es Tüür hier gelungen ist, dem Akkordeon einen absolut individuellen Charakter zu verpassen, der nichts mit den Sphären zu tun hat, aus dem man den Klang des Instruments gemeinhin kennt (Tango etc.) und nichtsdestoweniger ein Stück Musik zu schaffen, das den Hörer unmittelbar gefangen nimmt, macht unter anderem die Stärke des Werks aus.

Olari Elts, der Tüürs Kompositionen regelmäßig zur Aufführung bringt, das Helsinki Philharmonic Orchestra sowie die beiden Solisten Nguyên Lê und Mika Värynen sorgen für authentische und mitreißende Interpretationen, eingefangen in einem gleichermaßen dynamischen wie transparenten Klangbild.

Thomas Schulz [22.01.2015]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Erkki-Sven Tüür
1Sinfonie Nr. 5 für Orchester, Bigband und E-Gitarre (2004) 00:38:49
5Prophecy für Akkordeon und Orchester (2007) 00:20:30

Interpreten der Einspielung

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