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CD-Besprechung

Giuseppe Antonio Brescianello: Tisbe (Opera pastorale in drei Akten)

cpo 2 CD 777 806-2

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8

Klangqualität:
Klangqualität: 8

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Besprechung: 31.10.14

cpo 777 806-2

2 CD • 2h 16min • 2012

Vor zehn Jahren bedauerte ich anlässlich der Veröffentlichung einer mittlerweile bereits wieder vergriffenen CD mit Musik von Giuseppe Antonio Brescianello (1690-1758), dass es nur wenige Aufnahmen mit Werken dieses Komponisten gebe: „Hört man allerdings seine Musik, fragt man sich voller Staunen, wie die Musikwelt bisher an diesem originellen und vielfältigen Meister vorbeigehen konnte.“ Beides, Klage und Lobpreis gilt in vollem Umfang noch heute; umso gelegener kommt die vorliegende Aufnahme seiner „Opera pastorale“ Tisbe.

Über die Herkunft und Ausbildung des 1690 in Bologna geborenen Brescianello ist nichts bekannt. 1714 wird er als Kammerdiener der im venezianischen Exil lebenden bayerischen Kurfürstin Therese Kunigunde erwähnt, 1715 – bei der Rückkehr des Kurfürstenpaares nach München – wird er Violinist in der dortigen Hofkapelle. Schon im folgenden Jahr zog es Brescianello nach Stuttgart an den Hof des Württemberger Herzogs Eberhard Ludwig VI., wo er die Stelle eines „Musikdirektors und Meister der Kammerkonzerte“ übernimmt. Er stand einer mit bis zu 60 Musikern einer für damalige Zeiten großen Hofkapelle vor, die seiner musikalischen Entfaltung reiche Möglichkeiten bot, und leitete die Stuttgarter Hofmusik bis zu seinem Tod 1758.

Die am 26. Januar 1718 dem Herzog in einer Partiturabschrift gewidmete „Opera pastorale“ Tisbe verdankt ihr Entstehen möglicherweise einer bedrohlichen Konkurrenz für den jungen Hofkapellmeister: Reinhard Keiser aus Hamburg, damals ein Mekka der Oper, glaubte, in Stuttgart ein leichtes Spiel zu haben. Mit Unterstützung der protestantischen Geistlichkeit trat er eine Schlammschlacht gegen den „verfluchten Welschen“ los, die fast zu einem Religionskrieg zwischen den beteiligten Parteien geworden wäre. Brescianello gewann indes den Kampf, Keiser blieb bis zu seinem Tod 1739 in Hamburg und musste noch den vollkommenen Verfall der Oper am Gänsemarkt miterleben. Eine Aufführung der Tisbe kam damals aus verschiedenen Gründen nie zustande – Schwierigkeiten bei der Finanzierung haben dabei wie in der heutigen Kulturpolitik zweifellos auch eine wichtige Rolle gespielt. So wurde erst diese konzertante Produktion fast 300 Jahre nach der Komposition des Werkes zu seiner Uraufführung.

Die Geschichte von Pyramus und Thisbe, zweier Liebender, die familiäre Feindschaft überwinden und dennoch infolge tragischer Missverständnisse dem Tod geweiht sind, wurde erstmals in den Metamorphosen des römischen Dichters Ovid erzählt, von Shakespeare in Romeo und Julia nachempfunden und im Sommernachtstraum parodiert. Für die barocke Opernbühne wurde der fatale Ausgang in ein so genanntes lieto fine gewendet, das allerdings kein allgemeines Glück der beiden Liebespaare dieser Oper begründet: Während Pyramus und Thisbe glücklich vereint werden, wird aus Alceste, der nichts mit der mythologischen Prinzessin gleichen Namens zu tun hat und unglücklich in Thisbe verliebt ist, und der Schäferin Licori, die sich ihrerseits nach Alceste verzehrt, kein Paar, sie bleiben einsam zurück.

Von der mit vier Protagonisten überschaubaren Sängerbesetzung der Tisbe überzeugen in dieser Einspielung der verspäteten Uraufführung des Werkes vor allem Nina Bernsteiner als Tisbe und Flavio Ferri-Benedetti in der Rolle der Licori: Die junge österreicherische Sopranistin Nina Bernsteiner, seit 2009 vier Jahre lang Mitglied im Ensemble des Staatstheaters Kassel, erfreut mit Stimmschönheit, Stilsicherheit und geläufigen Koloraturen; die internationale Karriere der Sängerin (die übrigens ein beeindruckend breites Repertoire von Händel bis Henze erarbeitet hat) hat begonnen und verspricht dank ihrer gut geführten Stimme lang und erquicklich zu werden. Flavio Ferri-Benedetti hat die von Brescianello für Kastraten bestimmte zweite weibliche Rolle übernommen – der in Italien und Spanien aufgewachsene Altus zeigt untrügliches Stilgefühl und bemerkenswerte Virtuosität, leider gehört sein contratenorales Timbre eher zu den schärferen, das trübt den Genuss gelegentlich etwas, seine künstlerische Leistung ist allerdings tadelsfrei. Die beiden Männerstimmen, der Augsburger Tenor Julius Pfeiffer als Piramo und der in Bologna ausgebildete Bass Matteo Bellotto als Alceste, zeigen solide Leistungen, wirken in ihrer Rollengestaltung aber blasser und kommen (insbesondere Bellotto) nicht an Nina Bernsteiner und Flavio Ferri-Benedetti heran.

Es gelingt dem Dirigenten Jörg Halubek, mit sicherer Hand das Ensemble zusammenzuhalten – seine temperamentvolle Leitung dieser Aufführung führt ausgesprochen schön vor Ohren, welches musikdramatische Meisterwerk Brescianellos Tisbe ist. Mit seinem 2008 gegründeten Stuttgarter Barockorchester Il Gusto Barocco steht Halubek hierfür ein mit hervorragenden Spezialisten Alter Musik besetzter Klangkörper zur Verfügung, der mit nie versagender Präzision eine reiche Palette an instrumentalen Farben bereithält und vor allem jene Musikalität mitbringt, der es zu verdanken ist, dass diese bislang verborgene Barockoper in all ihrem Ausdrucksreichtum und charmanten Eleganz erklingen kann.

Detmar Huchting [31.10.2014]

Bechsteinkonzert

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 G.A. Brescianello Tisbe (Opera pastorale in drei Akten)

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Nina Bernsteiner Tisbe - Sopran
Julius Pfeifer Piramo - Tenor
Flavio Ferri-Benedetti Licori - Altus
Matteo Bellotto Alceste - Baß
Il gusto barocco Orchester
Jörg Halubek Cembalo, Leitung
 
777 806-2;0761203780624

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