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CD-Besprechung

Il Tempo Giusto

CDKlassisk-DK CDK 1120

1 CD • 45min • 2012

19.05.2014

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Klassik Heute
Empfehlung

Vor einiger Zeit hatte der junge dänische Organist Lars Rosenlund Nørremark zwei Produktionen mit Werken Edwin Henry Lemares vorgelegt, eines Orgelsinfonikers des viktorianischen Englands. Diese kleine, zwei Volumina umfassende Edition (CDK 109/120) war so bemerkens- wie empfehlenswert, weil hier seltenes Repertoire exzellent realisiert wurde. Nørremarks jüngstes Album „Il Tempo Giusto“ bringt nun teils berühmte, zumindest aber bekannte barocke Werke; doch den verminderten Repertoirebonus machen nun der Leitgedanke der Auswahl sowie die Sinnlichkeit der Interpretationen mehr als wett.

Das „tempo giusto“ war, wie Nørremark in einem ausgezeichneten Begleittext selbst ausführt, vor der Erfindung des Metronoms gleichsam das normale Zeitmaß, orientiert am menschlichen Puls, nicht zu langsam, nicht zu schnell – wenn man so will, der Ausgangspunkt für alle Ausschläge nach oben oder nach unten. Sämtliche der neun hier versammelten Werke, welche einen großen Teil des barocken Europas abdecken: Deutschland, Frankreich, England und – durch Bachs Marcello-Bearbeitung – auch Italien, schlagen also eine gemäßigte Gangart ein. Freilich stellt sich in keinem Moment ein etwa spannungsarmes Gleichmaß ein, da Nørremark sämtliche Stücke mit äußerster Konzentration spielt. So kann sich etwa die hypnotische Folge von Variationen über die Lamento-Quart, den „passus duriusculus“ („ziemlich harter Baß“) der berühmten „Ciacona f-moll“ Johann Pachelbels in voller Sogwirkung entfalten, weil Nørremark sie ruhig und natürlich zu einer Einheit zusammenschweißt; die einzelnen Figuren werden dabei, ohne dass sie dogmatisch rhetorisch wirken, sehr distinkt und atmend vorgetragen. Das „Récit de tierce en taille“ Nicolas de Grignys wird mit weichen, fließenden Skalen begleitet, nicht mit den schnarrenden Trompetenregistern, die man von historischen Orgeln her gewöhnt ist. Und die Begleitung des in seinen wehmütigen Sequenzen praktisch Allgemeingut gewordenen Adagio Johann Sebastian Bachs aus dem Orgelkonzert d-moll nach Alessandro Marcello BWV 974 gestaltet Nørremark sogar sehr empfindsam mit Arpeggien der linken Hand.

Schnell wird deutlich, dass Nørremark klug darauf verzichtet, das moderne Instrument: die Marcussen-Orgel der Klosterkirche zu Horsens im dänischen Bistum Arhus von 1936, künstlich auf Historizität zu trimmen (Nørremark reflektiert diese Entscheidung im leider nur englisch übersetzten Text sehr interessant, sogar im Rückblick auf den zeitgenössischen italienischen Philosophen Giorgio Agamben). Vielmehr lotet Nørremark konzentriert die gedeckten, schön dunklen Farben der Orgel aus, die er gut kennt und verzichtet dabei weitgehend auf große Kontraste. Die Registrierungen sind allesamt äußerst interessant, so wird etwa in dem Purcell-Voluntary die Baßstimme sehr effektvoll hervorgehoben. Mit am kräftigsten wird sinnfälligerweise die Bach´sche Choralbearbeitung Herzlich tut mich verlangen BWV 727 in den Kirchenraum gestellt.

Dieser akustische Raum ist übrigens auch sehr intim abgebildet, die Technik geht mit der musikalischen Deutung wunderbar zusammen. Im Gegensatz zu den beiden Lemare-Alben mit nach außen wirkender Orgelsinfonik wendet sich Lars Rosenlund Nørremark dieses Mal gleichsam nach innen. Auch, wenn die Stücke allesamt mehr oder weniger in einem normalen Tempo erscheinen, stellt das Programm – das mit 45 Minuten vielleicht nur etwas kurz geraten ist –, mitnichten eine normierte Nummernfolge dar. Vielmehr ist es fesselnd zu hören, welche feinste Differenzierungen Nørremark hier aufspürt.

Dr. Michael B. Weiß [19.05.2014]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Johann Pachelbel
1Ciacona f-Moll 00:07:11
Louis-Claude Daquin
2Onzième Noel (En récit de taille) 00:06:09
Henry Purcell
3Voluntary for Double Organ 00:05:31
Louis-Nicolas Clérambault
4Suite du deuxième ton 00:03:06
Johann Sebastian Bach
5Nun komm, der Heiden Heiland BWV 659 (Choralbearbeitung) 00:03:24
6Herzlich tut mich verlangen BWV 727 (Orgelchoral) 00:02:24
Nicolas Grigny
7Récit de tierce en taille 00:03:50
Johann Sebastian Bach
8Concerto d minor BWV 974 (Konzert, after Alessandro Marcello) 00:04:06
Johann Pachelbel
9Aria sexta (Sebaldina, aus Hexachordum Apollinis) 00:09:45

Interpreten der Einspielung

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