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CD-Besprechung

Undercover Bach

Undercover Bach

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 6

Klangqualität:
Klangqualität: 8

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 6

Besprechung: 04.02.14

Challenge Classics CC72625

1 CD • 71min • 2013

J.S. Bach selbst hat die Umwandlung eigener Werke und solcher aus der Feder geschätzter Kollegen zu neuen Kompositionen in seiner Arbeit ausgiebig genutzt. Unter dem Titel „Undercover Bach“ legt das Hamburger Barockorchester Elbipolis eine CD mit Ouvertüren und Orchesterkonzerten vor, die heutzutage auf diesem Wege entstanden sind: Jörg Jacobi, Bearbeiter der meisten Stücke der CD, und Werner Breig, von dem die Rekonstruktion der Flötenouvertüre in h-Moll BWV 1067 in ein vermutetes Original für Violine und Streicher in a-Moll stammt, wagen hier einen Blick in Bachs Werkstatt. Eine hübsche Idee war es auch, dieses Programm im Beiheft mit einem fiktiven Gespräch zwischen Bach und dem Kaffeehausbesitzer Zimmermann zu verbinden, in dessen Räumlichkeiten immer wieder Konzerte mit Musik aus der Feder des Thomaskantors und Leipziger Director Musices veranstaltet wurden.

Bei den meisten Stücken dieser CD stand der französische Stil Pate; lediglich die beiden Concerti für Streicher folgen dem italienischen Gusto. Den Beginn macht die Cembalosuite BWV 822, von g-Moll nach a-Moll transponiert und für Flöte und Streicher eingerichtet – die Traversflöte macht sich gut in dieser Ouvertüre im repräsentativen französischen Stil. In Werner Breigs Bearbeitung der berühmten Orchestersuite in h-Moll BWV 1067 wird der originale Solopart für Traversflöte von der Violine übernommen, das Stück ist nach a-Moll transponiert. Die Partita in E-Dur für Violine solo BWV 1006 taucht in D-Dur für Cembalo und Streicher auf, die Ouvertüre für Cembalo BWV 820 darf in der Version für Oboe und Streicher ihre Tonart F-Dur behalten. Nach repräsentativ eröffnender Ouvertüre schaffen Paukenschläge im folgenden Entrée opernhafte Atmosphäre.

Von Charme und Eleganz, der besonders den Vortrag von Musik des französischen Barocks auszeichnen sollte, ist in der klingenden Umsetzung dieser reizvollen Bearbeitungen durch das Hamburger Barockorchester Elbipolis leider wenig zu spüren. Zieht man bei den Suiten in h-Moll/a-Moll BWV 1067 die Aufnahme der Petite Bande aus dem Jahr 2012 mit Barthold Kuijken als Flötisten (CD: ACC 24279) zum Vergleich heran, wird schnell klar: Grazie ist die Sache der Musiker von Elbipolis nicht. Mit durchweg forschen Tempi gehen die Hamburger energisch zu Werke, vom delikaten Jeux inégal der Petite Bande im Rondeau der Suite ist bei Elbipolis nichts zu hören, und ob es an der Partitur von Werner Breig oder an der Interpretation liegt, dass die Violine als Soloinstrument ziemlich untergeht, mag man nicht entscheiden – der Tonmeister dürfte hier wohl nicht verantwortlich gemacht werden. Hat man das sportliche Rondeau überstanden, kommt einem die Sarabande direkt anmutig vor, bis man zum Vergleich umschaltet: DAS ist es! Bourrée, Polonaise und Battinerie erhalten Schlagwerkunterstürzung, die Bourrée wirkt wie ein sommerlicher Platzregen, die Polonaise wird mit Paukenschlägen zum bäurischen Stampftanz und die atemlose Battinerie lebt vom orthografischen Missverständnis, das Stück habe irgendetwas mit „battaglia“, also Schlachtengetümmel zu tun. Dabei ist diese Schreibung lediglich eine durch das so genannten „weiche t“ des sächsischen Dialekts hervorgerufene Fehldeutung der französischen badinerie, die soviel wie Spaß, Scherz oder Schäkerei bedeutet und in Barthold Kuijkens Spiel charmanten Ausdruck findet.

Ähnlich robust geht es bei der Violinpartita BWV1006 in ihrer Gestalt für Cembalo und Orchester zu. Das Preludio ist entsprechend Bachs eigener Bearbeitung (Ratswahlkantate BWV 29) in Sinfonia umbenannt und kommt in männlichem Schritt einher, von feierlicher Eröffnung einer Satzfolge ist hier wenig zu spüren. Sigiswald Kuijkens majestätische Version aus dem Jahr 2000 (Wiederveröffentlichung in dhm 88765443432), Christian Tetzlaffs springlebendige Deutung von 2006 (SCM Hänssler 98.250) oder Isabelle Faust, die 2009 einen Mittelweg zwischen ihren Kollegen beschritt (HMC 902059), zeigen im Vergleich dazu die Vielfalt möglicher geglückter Deutungen.

Was man sich von einem derart spannenden Projekt wie diesem musikalisch erhoffen würde, ist bei aller technischen Perfektion der Ausführung nur in Ansätzen zu spüren. Da ist es wohl nicht zu verargen, wenn hier von einer verpassten Gelegenheit gesprochen werden muss.

Detmar Huchting [04.02.2014]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 J.S. Bach Ouvertüre g-Moll BWV 822 00:14:22
7 Partita Nr. 3 E-Dur BWV 1006 für Violine solo 00:17:11
13 Concerto g-Moll BWV Anh. 152 00:07:07
17 Ouverture F-Dur BWV 820 für Oboe und Streicher 00:08:44
22 Ouverture h-Moll BWV 1067 00:16:27
29 Concerto G-Dur BWV 571 00:06:37

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Jürgen Groß Violine
Elbipolis Barockorchester Hamburg Barockorchester
 
CC72625;0608917262520

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