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CD-Besprechung

Johannes Brahms Declaration of Love

Johannes Brahms<br />Declaration of Love

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 7

Klangqualität:
Klangqualität: 8

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 7

Besprechung: 08.01.13

Antes BM19285

1 CD • 71min • 2012

Irgendwie enttäuscht die vorliegende Brahms-Liebeserklärung „Declaration of Love" der russischen Kammermusikpartner Rybakov-Zassimova (Klarinette-Klavier). Angepriesen wird das Ergebnis einer Darbietung auf zeitgenössischen Instrumenten der Brahms-Zeit. Erreicht wird der Routinestandard einer soliden Serienproduktion. Wer von den vorliegenden Werken jemals gehört hat, weiß um deren Ausnahmecharakter. Noch einmal fühlte sich einst der alternde Brahms schöpferisch inspiriert, nachdem er mit Vollendung seines Opus 111, des G-Dur-Streichquintetts, offiziell seinen Rückzug vom Komponistendasein beschlossen hatte. Schlüsselerlebnis und neuer Antrieb waren damals, im März des Jahres 1891, die Bekanntschaft mit dem Meininger Hofkapellen-Klarinettisten Mühlfeld. Dazu kam die offensichtlich rege und ermunternde Korrespondenz mit der von ihm stets verehrten Pianistin Clara Schumann, der Witwe seines Förderers und Freundes Robert Schumann. So entstanden denn Brahms' unverhoffte Spätlinge Opus 114, 115 und 120 für die Klarinette, sowie Opus 116-119 für Klavier solo. Sie wurden zu einem Testament einer ausgereiften Schaffenskraft.

Mag sein, dass spitzfindige Ohren mit Hilfe der vorliegenden CD-Produktion den verborgenen Reiz des Originalklanges auf alten Instrumenten („period instruments") nachempfinden können. Akustisch und dank langjähriger Entwicklung, Schulung, Verfeinerung der Bläsertechniken, Mundstückformen, Rohrblatt-Verarbeitung oder – bei den Pianisten – Spielgestus und Anschlagskultur sind auch für den Konzertbesucher die unterschiedlichen Hörgewohnheiten und Konventionen nicht ohne weiteres voneinander zu trennen. Selbst eine auf historische („veraltete") Makellosigkeit angelegte Vortragswirkung kann sich, wie hier, im Sinne einer aktuellen künstlerischen Ausstrahlung als kontraproduktiv erweisen. Man bedauert in diesem Zusammenhang das Fehlen einer entsprechenden Aussage des Solisten der vorliegenden Einspielung, Kyrill Rybakov. Insbesonders vermißt man Informationen des als „bedeutendsten russischen Klarinettisten für historische Aufführungspraxis" annoncierten Bläsers zur Problematik besonderer Vortragsnuancen der Brahms-Partien. Vor allem der Einsatz einer Kopie des legendären Mühlfeld-Instrumentes aus der einst berühmten Münchener Klarinetten-Werkstatt Baermann-Ottensteiner (deutsches Oehler-System) zu der von ihm geblasenen Mühlfeld-Klarinette hätte einige Erläuterungen verdient. Um so ausführlicher widmet sich der Textautor dafür mit waghalsigen Deutungskünsten einer hermeneutischen Werkanalyse. Namentlich die f-Moll-Klarinettensonate Opus 120,1 wird so für ihn zu verschlüsselten Liebesbotschaften an die langjährige, damals 75 Jahre alte Freundin Clara Schumann. Man staunt, dass ausgerechnet einige pubertär wirkende, (un-)passende Textzeilen aus Bachschen Passions-Chorälen geheime Geständnisse sein sollen. Selbst dem kundigen Musikhörer erschwert der forsche Forscher durch Verschweigen einer Notenhilfe oder Taktorientierung die Fundstellen der von ihm aufgedeckten „Enthüllungen".

Fehlanzeige gilt ebenso für Konkretes zu dem hier zu hörenden Carl-Bechstein-Flüügel von 1876. Doch auch dieses Instrument erweist sich unter den flinken Fingern der Partnerin Anna Zassimova als überraschend modern und klar mit hervorragend ausgeglichener Balance zum Solobläser. Von einer Patina ist da nichts zu verspüren. Schon gar nicht, wenn die Pianistin bei vollgriffigen Passagen, namentlich in den Solo-Capricen und Intermezzi Opus 116 mit beherztem Zugriff zu einer Lisztschen Virtuosität neigt. Zäsuren in den Adagio- und Andante-Teneramente-Sätzen unterliegen dagegen eher einem schwelgerischen Nachsinnen mit „russischer Seele". Da droht fast ein Zerdehnen der harmonisch-melodischen Zusammenhänge. Alles in allem praktiziert das vorliegende Projekt eine Art „work in progress". Es ringt einerseits um die authentische Klangwelt des Komponisten und stimuliert andererseits in Worten ein erweitertes – wenn auch fragwürdiges – Hörverstehen von Brahms' späten Gedanken.

Dr. Gerhard Pätzig [08.01.2013]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 J. Brahms Klarinettensonate Es-Dur op. 120 Nr. 2 00:19:57
4 Capriccio d-Moll op. 116 Nr. 1 – Presto energico 00:03:05
5 Intermezzo a-Moll op. 116 Nr. 2 – Andante
6 Capriccio g-Moll op. 116 Nr. 3 – Allegro passionato
7 Intermezzo E-Dur op. 116 Nr. 4 – Adagio
8 Intermezzo e-Moll op. 116 Nr. 5 – Andante con grazia
9 Intermezzo E-Dur op. 116 Nr. 6 – Andantino teneramente
10 Capriccio d-Moll op. 116 Nr. 7 – Allegro agitato
11 Klarinettensonate f-Moll op. 120 Nr. 1 00:20:41

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Kyrill Rybakov Klarinette
Anna Zassimova Klavier
 
BM19285;4014513029690

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