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CD-Besprechung

Hermann Wolfgang von Waltershausen: Oberst Chabert (Musiktragödie in drei Aufzügen)

cpo 2 CD 777 619-2

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8

Klangqualität:
Klangqualität: 8

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Besprechung: 09.05.11

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cpo 777 619-2

2 CD • 1h 40min • 2010

Die zu Ende gehende, von manchem künstlerischen Missgeschick gezeichnete Intendanz von Kirsten Harms an der Deutschen Oper Berlin kann auf ihrer Haben-Seite eine Reihe interessanter Ausgrabungen aus dem Fundus des frühen 20. Jahrhunderts verbuchen, darunter Alberto Franchettis Germania, Alexander von Zemlinskys Der Traumgörge, Ottorino Respighis Marie Victoire und Walter Braunfels’ Szenen aus dem Leben der Heiligen Johanna. In Berlin fanden diese Schatzgräber-Aktivitäten jedoch nicht dieselbe Anerkennung wie zuvor in Kiel, und wohl deshalb konnte im vergangenen Jahr Oberst Chabert nur in einer halbszenischen Version auf die Bühne kommen.

Dass es sich bei diesem Werk um ein echtes Fundstück handelt, machten die beiden Aufführungen aber unmissverständlich klar, und es lässt sich nun auch auf dem vorliegenden Zusammenschnitt bei cpo überprüfen. Den Komponisten Hermann Wolfgang von Waltershausen (1882-1954) kannte bis dato niemand (mehr), seine Oper Oberst Chabert erst recht nicht, und doch war sie in ihrer Zeit ein Renner. Nach der heftig akklamierten Uraufführung in Frankfurt (1912) gab es bis 1933 nicht weniger als hundert Neu-Inszenierungen, sogar an der Londoner Covent Garden Opera. Doch in Nazi-Deutschland war der zwar nicht jüdische, aber regimekritische Komponist nicht mehr erwünscht, nach 1945 geriet er dann gänzlich in Vergessenheit. Oberst Chabert verfügt über viele Ingredienzien, die für einen dauerhaften Bühnenerfolg vonnöten sind. Da ist zunächst einmal der starke Plot. Waltershausen hat als sein eigener Librettist die bekannte Novelle Honoré de Balzacs operngerecht – und das heißt: sehr frei - umgeformt. Der Kriegsheld Chabert, nach einer Schlacht, bei der er schwer verwundet wurde, irrtümlich für tot erklärt, kommt nach zehnjähriger Odyssee, die er überwiegend in Gefängnissen und Irrenhäusern verbracht hat, nachhause zurück und findet seine Frau Rosine mit einem anderen Mann, dem Grafen Ferraud, vermählt, und als Mutter zweier Kinder. Um ihre Stellung zu bewahren, verleugnet sie ihn und bringt ihn schließlich dazu, seine Identität zu widerrufen und sich – anders als bei Balzac - zu erschießen. Auch ihr anschließender Liebestod durch Gift ist der Opernkonvention geschuldet. Musikalisch stößt Waltershausen zwar keine neuen Türen auf, bleibt vielmehr in der Tradition des 19. Jahrhunderts, doch die Mixtur aus Spätromantik und Verismo wird der Textvorlage durchaus gerecht. Protagonist ist das Orchester, das nicht nur spannungsreich die Handlung kommentiert, sondern zugleich die Gefühlswelten der handelnden Personen in schwelgerischen Kantilenen zum Ausdruck bringt. Vokal überwiegt ein arioser Sprechgesang, Arien oder sonstige „Nummern“ gibt es kaum, außer einem Duett und einem statischen Quintett im 2. Akt, auf dem Höhepunkt der Handlung.

Die Berliner Aufführung bringt die Qualitäten der Partitur überzeugend zur Geltung. Jacques Lacombe lässt das Orchester aufblühen und „singen“, ohne die Sänger zuzudecken. Das Ensemble wird angeführt von Bo Skovhus, der mit seinem nach wie vor imponierenden Charakterbariton und seiner hohen Gestaltungskraft ein eindringliches Porträt des Kriegsheimkehrers Chabert liefert. Manuela Uhl als Rosine kann auf Tonträgern ihre Ausstrahlung einer Filmdiva nicht geltend machen, so dass man ihrer Defizite mehr bewusst wird, vor allem in Hinblick auf die Aussprache. Selbst wenn man den Text im Booklet mitliest, kann man sie oft nicht verstehen. Einige schöne Piani entschädigen für manche Schärfen und Unebenheiten des Gesangs. Raymond Very, der seinen Part in Berlin als einziger auswendig sang, gibt der Figur des Ferraud präzise tenorale Kontur, ohne besonderen Stimmglanz zu entfalten. Die übrigen Sänger demonstrieren das solide Ensemble-Niveau der Deutschen Oper.

Ein verkanntes Jahrhundertwerk ist Oberst Chabert sicherlich nicht, aber ein griffiges „Gebrauchsstück“ wie Tosca oder Tiefland, das mit seinen nur sechs Solisten und dem Verzicht auf Chor auch auf kleinen Bühnen eine echte Repertoire-Chance hat. Die Mühe der Einstudierung lohnt sich!

Ekkehard Pluta [09.05.2011]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 H.W. von Waltershausen Oberst Chabert (Musiktragödie in drei Aufzügen)

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Bo Skovhus Graf Chabert, ehemals Kolonel in Napoleons Armee - Bariton
Raymond Very Graf Ferraud, franz. Peer - Tenor
Manuela Uhl Rosine, Graf Ferrauds Gattin - Sopran
Simon Pauly Derville, Advokat - Bariton
Stephen Bronk Godeschal, ehemals Korporal in Napoleons Armee, Buchhalter in Dervilles Büro - B
Paul Kaufmann Boucard, Buchhalter in Dervilles Büro - Tenor
Orchester der Deutschen Oper Berlin Orchester
Jacques Lacombe Dirigent
 
777 619-2;0761203761920

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