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CD-Besprechung

Paul Graener
Complete Piano Trios

Paul Graener<br />Complete Piano Trios

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9

Klangqualität:
Klangqualität: 9

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Besprechung: 03.03.11

cpo 777 599-2

1 CD • 63min • 2010

Mit ihrer aufmerksamen Publikationsstrategie führt cpo einmal mehr in unbekannte, zumindest weitgehend vergessene Regionen des kompositorischen Schaffens – und nicht nur nebenbei auch in interessante, sicher auch polarisierende Bezirke individueller Lebens- und Schicksalsgestaltung. Hier handelt es sich um den 1872 in Berlin geborenen Paul Hermann Franz Gräner – später als Paul Graener firmierend –, Sohn eines Gürtlermeisters, der in seiner Heimatstadt bei Albert Becker Komposition studierte und sehr bald schon als Kapellmeister Anerkennung fand. In den Jahren 1898 bis 1906 wirkte Graener als Musikdirektor am Theatre Royal Haymarket in London, zudem als Lehrer an der Royal Academy of Music. Von 1911 bis 1913 stand er an der Spitze des Salzburger Mozarteums, ab 1920 unterrichtete er sieben Jahre als Nachfolger Max Regers am Leipziger Konservatorium. 1930 schließlich wurde Graener Direktor des Sterníschen Konservatoriums in Berlin, 1934 wird ihm die Leitung einer Meisterklasse in der Akademie der Künste übertragen.

Dies sind die – aus heutiger Sicht – unverdächtigen Daten eines pädagogisch erfolgreichen, musikantisch aktiven Lebensweges. Nicht zu vergessen sind freilich Graeners weitere Bemühungen, sich in der Gesellschaft des Dritten Reiches zu profilieren. Seit 1920 war er Mitglied im „Nationalsozialistischen Kampfbund für deutsche Kultur“ und er zögerte in dieser Funktion auch nicht, Texte etwa von Storm und Schlegel in seinen Vokalschöpfungen der NS-Propaganda nutzbar zu machen. 1933 trat Graener der NSDAP bei und noch in diesem Jahr leitete er die Fachschaft Komposition der Reichsmusikkammer. Als Wilhelm Furtwängler seinen Austritt aus dieser Organisation erklärte, wurde er deren Vizepräsident. 1941 trat er zurück und überließ dieses Amt seinem Kollegen Werner Egk. 1944 starb Graener – nach Stationen in Wiesbaden, München, Wien und Metz – im Salzburger Landeskrankenhaus.

Aus dem umfangreichen Werk des Komponisten bieten die drei Mitglieder des Hyperion-Trios (Hagen Schwarzrock /Klavier, Oliver Kipp /Violine, Katharina Troe /Violoncello) kammermusikalische Beispiele von traditioneller Machart im Sinne einer leicht modernisierten Spätromantik. Sicher geformte Inventionen von bisweilen überraschend lebhafter melodischer Einprägsamkeit auf der Grundlage souveräner Handwerklichkeit, was die Behandlung der einzelnen Instrumentalparts anbelangt, sichern dem Hörer Passagen geistreicher Unterhaltung. So ist das reichlich 20 Minuten in Anspruch nehmende Klaviertrio op. 61 als durchsichtiges Schwelgen auf den beherrschten Wellen ästhetischer Nostalgie zu erleben - durchaus als klingendes Fragezeichen, warum dieses und die anderen hier eingespielten Stücke nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Repertoire verschwunden sind. Die einzige Erklärung: Der Lebenslauf, das eherne Bekenntnis zu den Prinzipien der Nationalsozialisten blockierten eine weitere Beschäftigung mit dem Nachlass des Komponisten.

In seiner Theodor-Storm-Musik op. 93 koppelt Graener die Klavierbesetzung mit einem Bariton-Part - etwa in Folge der zahlreichen Haydn-Werke nach den kammermusikalisch-vokalen Regeln dieser etwas exotisch anmutenden Besetzung. Storms Text wirkt unter dem Eindruck der Entwicklungen in den 30 Jahren verfänglich und folglich propagandistisch durchaus verwendbar: „Nun gilt es zu marschieren / In festem Schritt und Tritt / Der Krieg ist losgelassen / Er schreitet durch die Gassen / Er nimmt uns alle mit!" Aber wer von unseren Dichter-Fürsten bis hin zu den Namenlosen des Poetisierens (man denke an die Texte aus Des Knaben Wunderhorn!) hat nicht die Kriegstrommel gerührt! So bleibt es einem halbwegs unbefangenen Hörer überlassen, die musikalische Seriosität des Komponisten allgemein, aber auch manche Schönheiten von Graeners Kompositionen zu würdigen bzw. in den knapp geschilderten musiksoziologischen Zusammenhang einzuordnen.

Peter Cossé [03.03.2011]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 P. Graener Suite op. 19 00:08:23
4 Kammermusikdichtung op. 20 (Hungerpastor-Trio) 00:20:33
5 Trio op. 61 für Violine, Violoncello und Klavier 00:20:22
9 Theodor-Storm-Musik op. 93 00:12:55

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Hyperion Trio Ensemble
Albrecht Pöhl Bariton
 
777 599-2;0761203759927

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