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CD-Besprechung

Frédéric Chopin 21 Nocturnes

OehmsClassics OC 779

2 CD • 1h 48min • 2010

27.10.2010

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 7
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Ein im Begleitheft abgedrucktes Interview beginnt mit dem vom Interviewer als provokativ bezeichneten Einstieg: „Brauchen wir noch eine Einspielung der Nocturnes von Frédéric Chopin?“ Die Frage lässt sich natürlich nicht im Plural beantworten, sie richtet sich an jeden Einzelnen – je nach Alter, Jugend, musikalischer Erfahrung und finanziellen Möglichkeiten. Das Repertoire der Nocturne-Beglückungen und -Verunstaltungen, der aktuellen, erhältlichen und zumeist hochinteressanten historischen Experimente und Wahrheitsfindungen ist reich an Diskussionsstoff. Hier mischt sich nun der 1973 in Israel geborene Amir Katz in die zur Zeit heftige Chopin-Debatte ein. Im Alter von elf Jahren lernte er zunächst bei Hanna Shalgi, später bei Sulamita Aronovsky, Elisso Wirssaladze und Michael Schäfer – und an der Klavierakademie von Como bei so namhaften Instruktoren wie Leon Fleisher, Karl Ulrich Schnabel und Murray Perahia. Dies sind erste Adressen, aber sie sagen wenig aus, was aus einem talentierten jungen Pianisten im künstlerischen, hier nun im diskographischen Ernstfall geworden ist. Und diese Oehms-Einspielung im Rahmen eines pianistisch erfreulichen, aber auch bedenklich mäandernden Pianisten-Ausflusses stimmt mich nicht in allen Passagen zufrieden.

Ein Hauptproblem der Nocturne-Erkundungen von Amir Katz scheint mir die Unausgewogenheit in der Diktion passionierter Abschnitte zu sein und jene Deutlichkeit, die auch erregte Zonen meiner Ansicht nach erfordern. Im Mittelteil der Nocturne op. 15,1 ist dies zu reklamieren. Aber auch eine Tendenz zu zittriger Handhabung von kleinen, ornamentalen Noten ist immer wieder festzustellen, so beispielsweise im Fis-Dur-Stück op. 15,2 – hier freilich wirkt der etwas aufgerauhte Mittelteil überzeugend angepackt und gesteigert.

Wenn auch der Beginn der Nocturne op. 15,3 etwas stockend kommt, so nimmt Katz im Mittelteil mit einem schlicht gestalteten Choral für sein Klavierspiel ein. Emotional mutig entwickelt etwas später das B-Dur-Juwel op. 32,1. Hier fällt die bedachte Balance zwischen linker und rechter Hand auf. Auch der Schluss wirkt intelligent strukturiert, sozusagen im Zeichen beherrschter Dramatik. Der Mittelteil vom Opus 32,2 irritiert durch eine ungewöhnlich hüpfende Anschlagsart. Hier fasziniert mich immer noch Alexis Weissenbergs drängende, eine das akkordisch-melodische Material in der Temperatur gewissermaßen allmählich „hochfahrende“ Klaviersprache, die unfehlbar die Rückkehr in die Urzone des Stückes als ein Aufatmen beschreibt.

Licht und Schatten mithin in einer Vor- und zweifellos angestrebten Verführung, die einige gute Lösungen und manche kantable Einsicht zeigt, aber auch überraschende Verhaltenheit, wie etwa im Oktavensegment der Nocturne op. 48,1. Im friedlichen Wettstreit mit Altmeistern der Chopin-„Moderne“ wie Rubinstein und Harasiewicz wird Amir Katz' Einspielung eine sympatische Fußnote bleiben, im Vergleich zu neuen Veröffentlichungen wie etwa jener mit dem findigen, sehr genau und doch fantasievoll artikulierenden Dang Thai Son (auf einem Erard-Flügel!) bleibt Katz, was Individualität und pianistische Durchschlagskraft anbelangt, deutlich zurück.

Vergleichsaufnahmen: Harasiewicz (Brilliant Classics 93529 /früher Philips); Rubinstein (RCA /Nr. 1-14 /The Piano Library 225 1936/7); Amoyel (Calliope 9351 2); Bukojemska (DUX 0619/0620); Mursky (Hänssler PH 04072); Bogányi (stockfisch-records SFR 357.4051-2-1), Yundi (EMI 6 08391 2); Pollini (DG 00289 477 5718); Freire Nelson (Decca 478 2182); Weissenberg (EMI LP 2C 065-10382/3); Dang Thai Son (Narodowy Institut Frydreryka Chopina NIFCCD 020); Barenboim (DG 463 – 057-2), Biret (Naxos 8.501501); Meyrick (Cirrus Classics CRS 239); Castro (Arte Nova 74321 82185); Wild (Ivory 70701); Hewitt (Hyperion SACD 67371/2); Novaes (Vox CDX 3 3501); Ciani (Agorà 232.2); Haebler (Vox /LP), Pires (DG).

Peter Cossé † [27.10.2010]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Frédéric Chopin
1Nocturne b-Moll op. 9 Nr. 1 00:05:22
2Nocturne Es-Dur op. 9 Nr. 2 00:03:59
3Nocturne H-Dur op. 9 Nr. 3 00:05:48
4Nocturne F-Dur op. 15 Nr. 1 00:04:05
5Nocturne Fis-Dur op. 15 Nr. 2 00:03:49
6Nocturne g-Moll op. 15 Nr. 3 00:04:10
7Nocturne Nr. 7 cis-Moll op. 27 Nr. 1 00:04:43
8Nocturne Nr. 8 Des-Dur op. 27 Nr. 2 00:05:02
9Nocturne B-Dur op. 32 Nr. 1 00:04:46
10Nocturne As-Dur op. 32 Nr. 2 00:05:39
11Nocturne g-Moll op. 37 Nr. 1 00:06:16
12Nocturne G-Dur op. 37 Nr. 2 00:05:32
CD/SACD 2
1Nocturne c-Moll op. 48 Nr. 1 00:06:34
2Nocturne fis-Moll op. 48 Nr. 2 00:07:10
3Nocturne f-Moll op. 55 Nr. 1 00:04:43
4Nocturne Es-Dur op. 55 Nr. 2 00:04:47
5Nocturne H-Dur op. 62 Nr. 1 00:07:34
6Nocturne E-Dur op. 62 Nr. 2 00:05:32
7Nocturne e-Moll op. 72 Nr. 1 00:04:25
8Nocturne cis-Moll 00:04:38
9Nocturne c-Moll 00:03:09

Interpreten der Einspielung

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