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CD-Besprechung

Johann Sebastian Bach Cantatas BWV 67 - 85 - 12

Johann Sebastian Bach<br />Cantatas BWV 67 - 85 - 12

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9

Klangqualität:
Klangqualität: 7

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Besprechung: 12.07.10

Accent ACC 25311

1 CD/SACD • 58min • 2009

Sigiswald Kuijken hatte die 1981 vorgelegte These des Amerikaners Joshua Rifkin, Bach habe die Mehrheit seiner geistlichen Kompositionen in solistischer Besetzung aufgeführt, zunächst als abwegig empfunden. Als im folgenden um diese These ein erbitterter Streit zwischen Joshua Rifkin und Andrew Parrott einerseits und Ton Koopman und dem Musikwissenschaftler Christoph Wolff auf der andren Seite entbrannte, änderte sich sein Bild: Er fand „Rifkins Argumentation so viel schlüssiger als die von Ton Koopman. Dann habe ich versucht, in der Praxis zu sehen, wie das geht – einfach, ohne Prinzipien, ohne wissenschaftliche Beweisführungen oder Mangel an Beweisen, einfach die Musik … und ich bin sehr überzeugt!" So äußerte sich Kuijken vor zehn Jahren in einem Interview – da hatte er gerade mit einer ersten Aufnahme dreier Bachkantaten in solistischer Vokalbesetzung seinen klingenden Kommentar zu der neuen Aufführungspraxis eingespielt, mit der am Ende des alten Jahrtausends noch wenige Erfahrungen bestanden. In der letzten Dekade hat sich die Kontroverse in aller Stille beigelegt, heute ist jedem ernsthaften Bachforscher klar, dass Bach einen „Chor" im heutigen Sinne nicht gekannt hat – ebenso wenig wie einen modernen Steinway-Flügel.

Da es allerdings nicht Sinn musikalischer Aufführungen ist, historische Klangzustände der Entstehungszeit der zu Gehör gebrachten Werke wiederzuerwecken, sondern einen künstlerischen Gehalt über die Brücke der Jahrhunderte hinweg heutigen Hörern nahezubringen, sollte auch die Entscheidung für die solistische Besetzung der Chorpartien bei Bach als künstlerische Entscheidung des leitenden Interpreten respektiert und beurteilt werden. In diesem Sinne hat die vokalsolistische Aufführungspraxis Bachscher Kirchenmusikwerke etliche hochkarätige Fürsprecher gefunden – die Aufnahmen des Purcell Quartet und des Ricercar Consorts seien hier beispielhaft und -gebend genannt.

Nicht zuletzt verfolgt Sigiswald Kuijken seit vier Jahren bei dem Label Accent sein eigenes Projekt mit Bach-Kantaten: Mit je einer Kantate für die Sonn- und Festtage im Kirchenjahr präsentiert Kuijken einen eigenen Kantatenjahrgang, handverlesen aus dem gesamten Kantatenwerk Johann Sebastian Bachs – gewissermaßen eine ganz persönliche Pilgerreise in das Universum der Bach-Kantaten.

Diese elfte der zwanzig geplanten Folgen dieses Kantatenzyklus enthält Kantaten für die drei auf Ostern folgenden Sonntage: Quasimodogeniti (BWV 67), Misericordias Domini (BWV 85) und Jubilate (BWV 12). Davon sind die ersten beiden in Leipzig entstanden, BWV 12 hingegen 1714 in Weimar. Für die Leipziger Kantaten bietet sich Folge 23 von John Eliot Gardiners Bach Cantata Pilgrimage zum Vergleich an. Halt im Gedächtnis Jesum Christ ist ein repräsentatives Werk, das Bachs Fähigkeiten zeigt, geistliche Inhalte in dramatische Szenen zu kleiden: Die Arie Friede sei mit euch ist eine solche packend-ergreifende Szene und eignet sich gut, den fundamentalen Unterschied zwischen John Eliot Gardiner und Sigiswald Kuijken als Interpreten zu erläutern, der viel tiefer geht als ein Dissens über Besetzungsstärken: Wo bei Gardiner das geistliche Drama in Pathos und Theatralik zu ertrinken droht, erreicht es bei Kuijken Wirkung durch gestenreiche musikalische Rhetorik.

Ein meditatives Gegenstück zu BWV 67 bildet Ich bin ein guter Hirt aus dem zweiten Leipziger Kantatenjahrgang. In der Altarie Jesus ist ein guter Hirt wird wiederum der Unterschied zwischen Kuijken und Gardiner deutlich – was bei Kuijken rhetorisch gestaltete musikalische Predigt ist, wirkt bei Gardiner wie ein pastorales Virtuosenstück: Wie ein treuer Hütehund umlaufen stetige Sechzehntelfiguren von Sigiswald Kuijkens Schultercello den Vokalpart (dieses Instrument ist Kuijkens Auslegung des von Bach vorgeschriebenen Violoncello piccolo), und mehrfach wandern diese Sechzehntel auch in die Gesangsstimme – so werfen die beiden Solisten dieser Arie einander die zu überbringende Botschaft zu. Nichts von alledem ist bei Gardiner zu hören – der wirklich vorzügliche Altist William Towers agiert inhaltlich zusammenhanglos neben dem Solisten auf dem Violoncello piccolo, der seinem Part mit agogischer Gestaltung musikalische Rechtfertigung zu geben sucht.

Bei der frühen Kantate Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen hat sich Sigiswald Kuijken dafür entschieden, auch das Instrumentalensemble solistisch zu besetzen und folgt damit dem Grundsatz, unter den das Purcell Quartet seine mittlerweile in drei Bänden vorliegende Einspielung der Weimarer Kantaten gestellt hat. Doch nicht nur in der Aufführungspraxis stehen sich die beiden Aufnahmen näher als die eher kontrastiv wirkenden Interpretationen von Kuijken und Gardiner; freilich klingen in der Einspielung des Purcell Quartet Bachs Vorbilder des 17. Jahrhunderts deutlicher durch als bei Kuijken, der bereits in dieser Kantate des 29-Jährigen eine vollendete musikalische Rhetorik und Gestik auszumachen weiß.

Leider sind über die Aufnahmetechnik keine entsprechenden Lobeshymnen anzustimmen: Das sehr direkte Klangbild rückt jeden einzelnen Teilnehmer der Einspielung in den Vordergrund, wirkt dadurch ziemlich eindimensional und behindert so den hörenden Nachvollzug der intimen und tiefgründigen Interpretation durch Sigiswald Kuijken und sein Ensemble.

Fazit: Was für die erste Folge von Sigiswald Kuijkens Zyklus von Bachkantaten galt, kann er noch ungeschmälert für sich in Anspruch nehmen, nachdem das Projekt in der zweiten Halbzeit angelangt ist: Seine Darbietung vereint alles, was man sich nur wünschen kann: Intimität, Brillanz, Klarheit und Tiefe. So möge nur jeder Interpret da weitermachen, wohin Erfahrung und Überzeugung ihn geführt haben – Sigiswald Kuijken ist auf einem Gipfel angekommen, von dem aus sich allen, die ihn dahin begleiten, die Schau einer vollendeten musikalischen Landschaft ausbreitet.

Vergleichsaufnahmen: für BWV 67: Gillian Keith (Sopran), Daniel Taylor (Altus), Charles Daniels (Tenor), Stephen Varcoe (Bass), English Baroque Soloists, Monteverdi Choir, John Eliot Gardiner (Leitung) (SDG 131);

für BWV 85: Katharina Fuge (Sopran), William Towers (Altus), Norbert Meyn (Tenor), English Baroque Soloists, Monteverdi Choir, John Eliot Gardiner (Leitung) (SDG 131); für BWV 12: Emma Kirkby (Sopran), Michael Chance (Altus), Charles Daniels (Tenor), Peter Harvey (Bass), The Purcell Quartet (Chandos 0742).

Detmar Huchting [12.07.2010]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 J.S. Bach Halt im Gedächtnis Jesum Christ BWV 67 (Kantate) 00:12:56
8 Ich bin ein guter Hirt BWV 85 (Kantate) 00:16:52
14 Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen BWV 12 (Kantate) 00:25:28

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Gerlinde Sämann Sopran
Petra Noskaiová Alt
Christoph Genz Tenor
Jan van der Crabben Bass
La Petite Bande Orchester
Sigiswald Kuijken Dirigent
 
ACC 25311;4015023253117

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