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CD-Besprechung

cpo 777 549-2

2 CD • 1h 26min • 2009

04.06.2010

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 7
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 7

Als das Fernsehen (versteht sich: ARTE!) zu Ehren des Jubilars Frédéric Chopin pünktlich zu den Feierlichkeiten die beiden Klavierkonzerte sendete, war im Anschluss an das Warschauer Konzert mit Evgeny Kissin und Nikolai Demidenko auch eine Studio-Aufnahme mit dem jungen russischen Pianisten Alexei Volodin zu hören und zu sehen. Kissin hatte das f-Moll-Konzert in jeder Hinsicht überlegen, technisch im Sinne des deutschen Reinheitsgebots gegeben, frei von allen gestalterischen Übertreibungen, aber auch ein wenig entmutigt, was klangliche und phraseologische Überraschungen anbelangt. Insgesamt jedoch handelte es sich um eine mehr als untadelige Leistung. Es folgte Demidenko mit dem e-Moll-Konzert – und selten habe ich eine so pianistisch mundfaule, muffige, kurzum: langweilige Darbietung dieses Klavierkonzerts erlebt bzw. durchstehen müssen. Dann kam Volodin mit der Barcarole und den 24 Préludes op. 28! Keineswegs sensationell in der persönlichen Ausleuchtung und Durchforstung dieser Stücke, aber überlegen im Technischen, reif in der Handhabe aller musikalischen Verschiedenheiten, im Größeren und im Kleinformatigen erfreulich aufmerksam, was die Neben- und Binnenstimmen, was sozusagen das Kleingedruckte anbelangte. In dieser Hinsicht kann ich mich auch auf meinen Freund Adam Harasiewicz berufen, der mich am nächsten Vormittag anrief. In der Beurteilung der Leistungen und Fehlleistungen Kissins und Demidenkos waren wir uns ebenso einig wie über Volodins souveräne, interpretatorisch integre Chopin-Botschaft. Dabei kann ich versichern: Harasiewicz wäre der Letzte, einem jungen Interpreten einen Freibrief zuzustellen, wenn sein Spiel ihm unangenehm, vor allem aber seinem Chopin-Empfinden fremd wäre, wobei der Chopin-Preisträger von 1955 durchaus auch abweichende Interpretationen zu diskutieren versteht.

Was die hier vorliegenden Einspielungen Volodins anbelangt, sehe und höre ich die TV-Produktion der Préludes im Wesentlichen als bestätigt, wenngleich ich dem Pianisten in manchen Passagen etwas Zurückhaltung im Hinblick auf die gewählten Zeitmaße wünschen würde. Volodin beschleunigt das Impromptu op. 66 so rasant, dass die kleinen, flinken, schnurrenden Notenwerte hart an der Verschwommenheitsgrenze vorübersprudeln. Auch im Finale der h-Moll-Sonate, wenn sich die Chopin-Skalen in Nachbarschaft zu einer der Liszt-Etüden über die Klaviatur ausbreiten, sollte Volodin etwas mehr auf Hellhörigkeit, auf die Bedeutung jedes Einzeltones achten. Aber insgesamt weiß er die verhaltenen, nachdenklichen Ereignisse (Beginn op. 61!) mit rundem, elastischem Ton von den energischen Mitteilungen zu trennen, aber auch in einer Synthese aus Logik und Emotion sinngebend zu verbinden. Nun der Kopfsatz der h-Moll-Sonate! Die oft nur mühsam bewältigte, das heit: die meistens pianistisch-organisatorisch ungenügend „erklärte" Exposition –, sie gelingt ihm übersichtlich ohne jede intellektuelle Pedanterie, also im besten Sinn als logisches Vorspiel zur Belcanto-Wonne des Seitenthemas. Wendig, Finger technisch geschmeidig, auch das Scherzo mit guter Betonung der Akzente von linker Hand: eine h-Moll-Sonate von weit größerer Prägnanz als ich sie jüngst aus der Hyperion-Produktion von Stephen Hough erlebt habe.

Ein junger Pianist wie Volodin begibt sich mit einem Werk wie dieser Sonate op. 58 auf ein medial heikles Terrain, wie eine kleine Auswahl aus den vorliegenden, zum Teil gestrichenen Einspielungen zeigt. Er behauptet, wie ich meine, einen Platz im imaginären vorderen Drittel mit den Prädikaten technisch mehr als soliden Könnerschaft und gestalterisch gesunden Verbindlichkeit. Sie reicht weit etwa über die diskographischen Vorleistungen etwa Ohlssons, Katchens, Hamelins, Katins, Luisadas, Costas, Van Cliburns, Perlemuters oder auch Castros hinaus.

Vergleichsaufnahmen: Op. 58: Lang Lang (DG 477 5938), Katchen (Decca 4757221), Blechacz (Warschau 2005 /DUX 0066), Pizarro (Linn Records CKD 250), Cortot (Masterclass Sony S3K89698), Ciccolini (Camerata CM-28088), Gilels (Melodya 10 01131 / Moskau.12.1977), Colleen Lee (Narodny Institut Frydryk Chopin NIFCCD 002), Fiorentino (Brilliant Classic 93217/11), Weissenberg (3. Satz 1969 / DVD Medici arts 3078048), Argerich (DG 477 5870), Hamelin (Hyperion CDA 67706), Pires (DG 477 7483), Katin (Somm CD 085), Argerich (15.3.1967 /DG 477 7557), Hough (Hyperion CDA 67764), Ohlsson (Chopin-Wettbewerb 1970 / Polskie Nagrania LP SXL 0689), Pollini (DG 463 066-2), Argerich (EMI 556805 2 /London 1965), Lim (Greenhouse 1014), Perlemuter (Nimbus 1764), Castro (Arte Nova 74321 63676 2), El Bacha (Forlane 16813), Krasnovsky (Hänssler 98.301), Cherkassky (Great Pianists Philips 456 742-2), Gilels (Great Pianists Philips 456 799-2), Lipatti (Great Pianists Philips 456 892-2), Slobodyanik (EMI 573500 2), Kapell (RCA 09026-68442-2), Igumnov (Dante HPC 069), Slenczynska (Ivory 70902), Firkusny (Salzburg 16.8.57 /Orfeo C 633041 B), Luisada (RCA 82876 645612), Costa (Claudio Records CR 5467), Chen (Van Cliburn Competition 2005 / Harmonia mundi HMU 907406).

Clemens Höslinger [04.06.2010]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Frédéric Chopin
1Impromptu Nr. 1 As-Dur op. 29 00:04:01
2Impromptu Nr. 2 Fis-Dur op. 36 00:05:27
3Impromptu Nr. 3 Ges-Dur op. 51 00:06:07
4Impromptu Nr. 4 cis-Moll op. 66 (Fantaisie-Impromptu) 00:04:35
5Barcarolle Fis-Dur op. 60 00:08:18
6Polonaise-Fantaisie As-Dur op. 61 – Allegro maestoso 00:12:40
7Klaviersonate Nr. 3 h-Moll op. 58 00:26:31

Interpreten der Einspielung

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