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CD-Besprechung

Divergences

Claves 50-1005

1 CD • 69min • 2009

22.04.2010

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Im Fall des jungen, 21-jährigen Pianisten Joseph Moog erlaube ich mir guten Gewissens zu einer rezensentischen, vor allem aber Label-strategischen Allerweltsformel zu greifen: Moog gehört zweifellos zu den interessantesten Interpreten seiner Generation, mehr noch: er gehört zu den auffallendsten Erscheinungen des gegenwärtigen Musiklebens. Ein junger Mann also mit enormen technischen Fähigkeiten, mit gutem Gespür für literarische Besonderheiten und Querverbindungen, aber im gestalterischen Spezialfall auch ein Einzeltäter im besten Sinn des Wortes. Die hier vorliegende Werkzusammenstellung hebt sich erfreulich von vielen Einspielungen der arrivierten Labels ab, man denke nur an Moogs Einbeziehung der wundersam zärtlichen, intim-häuslichen, aber auch resoluten Träume am Kamin von Max Reger. Er widmet sich dieser fast halbstündigen Innerlichkeit mit der Um-, Vor- und Übersicht eines kundigen Reger-Bekenners – geschmeidiger im Anschlag, sinnlicher in den Verschwiegenheiten der defensiven Miniaturen als etwa Markus Becker, dessen umfangreiches Reger-Projekt ich in vielen Stationen eher als publizistische Großtat als echte Erfüllung im Werkdetail empfinde.

Für Moogs Spürsinn und seine literarische Risikobereitschaft spricht am Beginn dieser Neueinspielung die Präsentation von zwei (bzw. drei) hörenswerten, pianistisch eleganten, im schönen Ernstfall der Étude de concert op. 65 sogar begeisternden Kleinigkeiten des belgischen Komponisten Joseph Jongen. Sein Schaffen bewegt sich im ästhetischen Umfeld von César Franck, Gabriel Fauré und Ernest Chausson, aber auch weniger bekannte Autoren wären als schöpferische Verwandte zu nennen. So etwa in Verbindung mit der genannten Konzertetüde, denn hier fühle ich mich prompt an jene wirkungsvolle, flirrend-drängende Konzertetüde von Gabriel Pierné erinnert, die Bernard Ringeisen vor vielen Jahren im Rahmen einer Etüden-Sammlung für EMI eingespielt hat.

Umfangreich in dieser klangtechnisch befriedigenden Einspielung ist die abschließende Scriabin-Sektion. Moog vertieft sich mit gleichsam intelligentem Empfinden in die schönen, bitteren Absonderlichkeiten der siebten Sonate, deren Schroffheiten und musikphilosophischen Andächtigkeiten bis hin zur naiven Anmutigkeit der Pianist sozusagen mit Kopf und Herz inhaliert zu haben scheint. Ausgesucht in Tongebung und melodischer Linienführung gelingt ihm auch der erste Satz der vierten Sonate. Den zweiten Teil, Prestissimo volando, nimmt er (nach spannungsvoll ausgehorchtem Übergang vom ersten zum zweiten Satz!) mit waghalsigem Tempo. Natürlich bewegt, ja fliegt er mit Scriabins Vortragsbezeichnung im klavieristischen Rücken auf der rechten Seite. Aber in dieser Phase seiner rasanten Erörterungen begibt sich Mogg – wie ich meine – auf gefährliches Terrain. Die einzelnen motivischen Segmente verschmelzen, verlieren per Super-„Volando“ an fliegerischen Qualitäten, büßen an Auftrieb und damit auch an Leichtigkeit und Verständlichkeit ein.

Ein höflich tadelndes Wort zu den biografischen Notizen im Beiheft. Bei aller stillschweigend reklamierten Bekanntheit des Interpreten sollten doch bei einem jungen Interpreten zwei grundlegende Elemente für den Informationsverlauf verbindlich sein: woher stammt er, bei wem hat er studiert? Ich höre schon den Einwand: Man kann sich ja unter ? informieren (sofern die Website ordentlich aktualisiert oder überhaupt zugreifbar ist), aber muss der Konsument in diesen Tagen mehr und mehr alles selber leisten?

Vergleichsaufnahmen: Scriabin: Sonaten: Shukow (Melodya/Eurodisc; telos Music TLS 035), Ponti (Vox), R. Laredo (Connaisseur), Szidon (DG), Ogdon (EMI), Stoupel (audite 21.402); Reger: Becker (Thorofon CTH 2321), Pawlik (Naxos 8.553331), Hemetsberger (Nr. 9 und 11 /soundstarton 31144).

Peter Cossé † [22.04.2010]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Joseph Jongen
1Étude de concert Nr. 1 op. 65 00:04:40
2Clair de lune op. 33 Nr. 1 00:06:42
3Soleil à midi op. 33 Nr. 2 00:05:01
Max Reger
4Träume am Kamin op. 143 00:27:42
Alexander Scriabin
16Klaviersonate Nr. 4 Fis-Dur op. 30 00:06:41
18Quasi valse op. 47 00:01:08
19Feuillet d'album op. 58 00:01:21
20Klaviersonate Nr. 7 op. 64 (Weiße Messe) 00:10:25
21Guirlandes op. 73 Nr. 1 00:02:44
22Flammes sombres op. 73 Nr. 2 00:01:58

Interpreten der Einspielung

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