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CD-Besprechung

Kassia Byzantine hymns of the first female composer

Christophorus CHR 77308

1 CD • 45min • 2009

19.11.2009

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Mit einer kessen Antwort an die Adresse von Kaiser Theophilos verscherzte sich die schöne Kassia vor 1200 Jahren, erste Dame des byzantinischen Reiches zu werden. Um 810 in eine wohlhabende Familie in Konstantinopel geboren, die vielleicht sogar zum kaiserlichen Hofstaat gehörte, erhielt sie eine umfassende klassische Ausbildung in Philosophie, Theologie und Dichtkunst. Aufgrund ihrer aristokratischen Abkunft gehörte sie als Zwanzigjährige zu einer Auswahl junger Frauen, unter denen der unverheiratete Kaiser Theodosius, 17 Jahre alt und im Vorjahr auf den Thron gekommen, seine Kaiserin aussuchen sollte. Die Legende will, dass der junge Monarch – mit einem goldenen Apfel ausgestattet – die Reihe der Schönheiten abschritt, um der Dame seiner Wahl die Goldfrucht zu reichen. Als er vor der schönen Kassia stand, soll er in einer Anspielung auf Eva gesagt haben: „Von der Frau kam das Übel”. Ihre Antwort ließ nicht auf sich warten: „Von der Frau kam das Heil” – womit sie auf die Gottesmutter Maria hinwies. Konsterniert über eine solche Schlagfertigkeit und verstimmt über soviel Freimut ging der Kaiser weiter und reichte den Apfel einer anderen.

Dieser für sie negative Ausgang der kaiserlichen Brautschau scheint die kluge Kassia indessen nicht sehr bedrückt zu haben, sie verfolgte weiterhin ihre unabhängige Linie und wurde eine erfolgreiche Dichterin und Komponistin. 843 gründete sie ein Kloster – damals für Frauen letztlich die einzige Gelegenheit, ein unabhängiges Leben ohne die Dominanz eines über ihr Schicksal bestimmenden Ehemannes zu führen. Als Äbtissin ihres Klosters entfaltete Kassia eine intensive geistliche und weltliche Schriftstellerei und dichtete und komponierte Hymnen für den Gottesdienst. Diese Hymnen wurden in der damals üblichen Notenschrift der Neumen aufgezeichnet und stellen heute die früheste überlieferte Musik einer Frau dar. Kassia wird somit 250 Jahre vor Hildegard von Bingen, die bisher als älteste Komponistin schriftlich überlieferter Musik galt, zu einer Urmutter der Emanzipation, deren Wirksamkeit auch heute noch nachzuvollziehen ist.

Michael Popp, Spezialist für mittelalterliche Instrumente und Musik, wurde durch ein Gespräch mit einem Antiquar auf die Gestalt der Kassia aufmerksam. Ein Kontakt zur amerikanischen Musikwissenschaftlerin Diane Touliatos, die seit Jahren das Werk der Kassia ediert, wurde hergestellt, Popp schuf aus der reinen, in Neumen tradierten Tongestalt der Musik eine Version zur Aufführung und gründete eigens für dieses Projekt das Ensemble VocaMe: Sängerinnen der Alten Musik, die bereits in anderen renommierten Ensembles Erfahrungen gesammelt hatten, fanden sich hier zusammen. Michael Popp vereint die wissenschaftliche Genauigkeit des Mittelalterkundlers mit praktischen Erfahrungen in der heutigen Avantgarde-Musik (er ist z. B. Mitbegründer der Mittelalter-Avantgarde Gruppe Qantal. Auf diese Weise gelingt der Spagat über die gewaltige Spanne von 1200 Jahren und der Zuhörer kann sich zu einer Zeitreise in das mittelalterliche Byzanz aufmachen, die einen ebenso spannenden Dialog verspricht wie heutige interkulturelle Begegnungen.

Detmar Huchting [19.11.2009]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Kassia
1Doxazomen sou Christe 00:01:40
2Ek rizis agathis 00:01:27
3O synapostatis tyrannos 00:02:45
4O Phariseos 00:02:21
5O Vasilevs tis doxis Christos 00:02:56
6I Edessa 00:04:18
7Tin pentachordon lyran 00:03:23
8Igapisas theophore 00:03:13
9Yper ton Ellinon 00:01:29
10I en polles amarties 00:03:49
11Pelagia 00:01:41
12Tou stavrou sou i dynamis 00:02:28
13Olvon lipousa patrikon 00:02:28
14Petron ke Pavlon 00:02:59
15Isaïou nyn tou prophitou 00:03:13
16I ton lipsanon sou thiki 00:02:26
17Avgoustou monarchisantos 00:01:50
18Christina martys 00:01:19

Interpreten der Einspielung

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