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CD-Besprechung

Piano Songs

Silke Avenhaus

Avi-music 8553136

1 CD • 59min • 2008, 2009

23.10.2009

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Klassik Heute
Empfehlung

„Der Pianistin Silke Avenhaus geht es grundsätzlich darum, auf dem Klavier zu singen. Dieses Klangideal des Aushorchens und klanglichen Auffächerns melodischer Linien gilt erst recht für ihr Wunschprogramm aus Felix Mendelssohn Bartholdys Liedern ohne Worte und Franz Liszts Schubertlied-Bearbeitungen […] In den hier eingespielten Werkpaaren hat Silke Avenhaus möglichst viele Übereinstimmungen zwischen den Liedern ohne Worte und den Schubert-Bearbeitungen gesucht – in rhythmischen Figuren, Verläufen und motivischen Beziehungen, im Melos, in Atmosphäre und emotionaler Aussage.“ Besser kann man die der vorliegenden Aufnahme zugrunde liegende Intention der Künstlerin nicht umschrieben, als es Ellen Kohlhaas in ihrem Booklet-Text tut. Aber nicht nur die Intention. Die Worte der Autorin treffen ebenso das unglaublich intensive, nach unbedingtem Ausdruck strebende und der Atmosphäre jedes einzelnen Stückes vollkommen gerecht werdende klingende Ergebnis, das mehr ist als eine bloße Verwirklichung der besagten Intention.

Silke Avenhaus umreißt die Charakteristik Mendelssohns und Schuberts folgendermaßen: „Mendelssohn hat in seinen Liedern ohne Worte, in denen er innerlich Wort-Ton-Gebilde mitdenkt, Stimmungsbilder geschaffen, Schubert hat darüber hinaus Seelenlandschaften ausgebreitet.“ Ihre daraus erwachsenden, gestalterisch verantwortungsbewussten Interpretationen scheinen fernab vordergründiger Schwelgerei auf einem instinktiven Wissen um die Gefühlslagen eines Mendelssohn und Schubert zu beruhen. Wie unverstellt und tiefenscharf diese gerade in den Lisztschen Schubert-Bearbeitungen unter den Händen der Pianistin hervortreten, ist ein Ereignis. Liszts Bearbeitungen sind höchste Erzählkunst. Bei allem virtuosen Sendungsbewusstsein verwirklicht Liszt vor allem in Klang und Ausdruck stets die poetische Idee der Lieder. Er dichtet an ihr und der musikalischen Struktur tonmalerisch weiter und schafft somit neben der getreuen Liedaufnahme jeweils auch ein ästhetisch selbstständiges Klavierstück mit klanglichen und emotionalen Landschaften von großer Eindringlichkeit. So etwa in Der Wanderer D 489. Silke Avenhaus gelingt es hier, wie auch in dem atmosphärisch verwandten Lied ohne Worte op. 62 Nr. 3 Felix Mendelssohns, auf geradezu hypnotisierende Weise, Drängendes und Versonnenes als sich gegenseitig bedingende Momente vorzuführen. Nicht die kleinste Tonfolge klingt beiläufig, ebenso wenig in der beinahe greifbaren Ungeduld des gleichnamigen Schubert-Lieds D 795/7 und Mendelssohns Lied ohne Worte op. 38 Nr. 5. Trotzdem wirkt Silke Avenhaus’ faszinierend hellhöriges und den vokalen Duktus Schuberts/Liszts und Mendelssohns wunderbar betonendes Spiel keineswegs minutiös durchgeplant, sondern spontan. Nicht der geringste atmosphärische Umschwung bleibt der Künstlerin verborgen, was sich beispielsweise in den Werkpaaren Liebesbotschaft D 957/1 und Lied ohne Worte op. 38 Nr. 3 sowie Ständchen D 957/4 und Lied ohne Worte op. 67 Nr. 2 hervorragend nachverfolgen lässt.

Natürlich könnte man sich auch darüber auslassen, mit welch artikulatorischem Feingefühl und ausgesuchter Tongebung Silke Avenhaus Übereinstimmungen rhythmischer, melodischer oder motivischer Natur zwischen den Werken Schuberts und Mendelssohns aufspürt und hörbar macht – etwa das in eine jeweils andere emotionale Richtung weisende motorische Element innerhalb Schuberts Gretchen am Spinnrade D 118 und Mendelssohns Lied ohne Worte op. 67 Nr. 4. Mich packt jedoch in erster Linie der gestalterische Atem der Pianistin, der über die einzelnen Werkpaare hinaus das gesamte Programm mit nie erlahmender Intensität überspannt: Eine sinnstiftende wie sinnliche Programmzusammenstellung, in der man Dank Silke Avenhaus’ kunstvoller wie berührend natürlicher Klangrede das Unausgesprochene und Unaussprechliche zu verstehen glaubt – so, als hätte die Pianistin Eichendorffs Zauberwort getroffen.

Christof Jetzschke [23.10.2009]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Franz Schubert
1Liebesbotschaft D 957, 1 (aus: Schwanengesang D 957; Bearb. für Klavier) 00:03:06
Felix Mendelssohn Bartholdy
2Lied ohne Worte op. 38 Nr. 3 – Presto e molto vivace 00:02:28
Franz Schubert
3Der Wanderer D 489 (Bearb. für Klavier) 00:06:21
Felix Mendelssohn Bartholdy
4Lied ohne Worte op. 62 Nr. 3 – Andante maestoso 00:03:33
Franz Schubert
5Ungeduld D 795 Nr. 7 (aus: Die schöne Müllerin D 795; Bearb. für Klavier) 00:02:24
Felix Mendelssohn Bartholdy
6Lied ohne Worte op. 38 Nr. 5 – Agitato 00:02:20
Franz Schubert
7Ständchen D 889 (Bearb. für Klavier) 00:04:15
Felix Mendelssohn Bartholdy
8Lied ohne Worte op. 62 Nr. 6 – Allegretto grazioso 00:03:10
Franz Schubert
9Gretchen am Spinnrade D 118 (Bearb. für Klavier) 00:04:14
Felix Mendelssohn Bartholdy
10Lied ohne Worte op. 67 Nr. 4 – Presto 00:01:51
Franz Schubert
11Ständchen (aus: Schwanengesang D 957; Bearb. für Klavier) 00:04:59
Felix Mendelssohn Bartholdy
12Lied ohne Worte op. 67 Nr. 2 – Allegro leggiero 00:02:23
Franz Schubert
13Auf dem Wasser zu singen op. 72 D 774 (Bearb. für Klavier) 00:04:39
Felix Mendelssohn Bartholdy
14Lied ohne Worte g-Moll op. 53 Nr. 3 – Presto agitato 00:02:53
Franz Schubert
15Du bist die Ruh D 776 (Bearb. für Klavier) 00:06:33
Felix Mendelssohn Bartholdy
16Lied ohne Worte op. 62 Nr. 1 – Andante espressivo 00:02:48

Interpreten der Einspielung

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