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CD-Besprechung

Suk Josef: Sinfonie Nr. 2 c-Moll op. 27 (Asrael)

Ondine 1 CD/SACD stereo/surround ODE 1132-5

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10

Klangqualität:
Klangqualität: 10

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Besprechung: 20.02.09

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Ondine ODE 1132-5

1 CD/SACD stereo/surround • 62min • 2008

Seit einigen Jahren scheint sich Vladimir Ashkenazy darauf zu konzentrieren, mit Orchestern fernab vom zentral-europäischen Markt (er ist derzeit Chef des Sydney Symphony Orchestra) Werke aufzuführen und einzuspielen, die ihm noch besonders am Herzen liegen, die aber nicht zwingend den Geschmack hiesiger Veranstalter und Orchestermanager treffen. Nach einer fulminanten Respighi-CD nun also Asrael, jene gewaltige Sinfonie, die Josef Suk 1905/6 unter dem Eindruck des Todes seines Schwiegervaters Antonin Dvorák und kurz darauf auch von dessen Tochter Otylka, Suks geliebter Frau, komponierte – ein "doppeltes Requiem", das musikalisch Bezug nimmt unter anderem auf Dvoráks eigenes Requiem, im Anfangsthema auch auf Bruckners 9. Sinfonie. Letzteres ist übrigens kein Wunder: Suk und Dvorák besuchten Bruckner am 27. März 1895 in Wien, zu dieser Zeit arbeitete er am Finale der Neunten – und er war bekannt dafür, Besuchern auf dem Klavier stets aus jenem Werk vorzuspielen, an dem er gerade arbeitete. Die fünfsätzige, einstündige Asrael-Sinfonie ist ein Meisterwerk, das den besten Sinfonien von Bruckner oder Mahler ohne weiteres an die Seite zu stellen ist, doch gilt es aufgrund seiner enormen Schwierigkeiten immer noch als Geheimtipp, obwohl inzwischen auch sehr bekannte Dirigenten wie Simon Rattle das Stück aufgeführt haben.

Es gab bisher schon einige gute Aufnahmen des Werkes, insbesondere eine historische unter Talich (Supraphon) und zwei neuere unter Behlolavek (Chandos) und Pesek (Virgin). Doch dieser Live-Mitschnitt vom April 2008 stellt alle mir bekannten Einspielungen in den Schatten. Schon in der Einleitung des Kopfsatzes werden Suks Vortragsangaben peinlich genau realisiert. Bei Takt 46 (Tr. 1, 2í30) stimmt endlich einmal der Rhythmus (sonst meist eine verschleppte Wackelei), die späteren Triolen werden angemessen breit ausgespielt. Auch hat Ashkenazy die Dramaturgie der Höhepunkte im Blick: So wirkt das Hauptthema bei den ersten lauten Auftritten (2'02; 2'30) im fortissimo noch zurückgenommen und nicht schon ausgereizt, wie oft zu hören. Auch die Themenreprise (T. 250, 10'05) ist noch etwas zurückgenommen – denn das eigentliche Ziel des Satzes ist ja der Schlußauftritt des Themas in der Coda, gesteigert bis zum dreifachen forte kurz vor Schluß. Auch die Details der Instrumentierung werden geradezu herausmodelliert, so durchsichtig war die Sinfonie noch nie zuvor zu hören. Alle Gruppen des Orchesters musizieren großartig, hinreißend ist der Schmelz der Violinen in den lyrisch aufblühenden Partien, beeindruckend der enorme Farbenreichtum des sehr differenziert spielenden Streichorchesters – keine Spur von üppigem Vibrato und Dauer-Sostenuto, dagegen starke Kontraste auf kleinem Raum. Die Holzbläser wirken präsent; das Blech ist schön rund und voll, aber nicht knallig und deckt nie das Tutti zu. Dadurch kommt vielleicht zum ersten Mal überhaupt erschöpfend heraus, wie meisterhaft die Instrumentierung Suks ist. Noch in raschen Passagen kann sich der Klang optimal entfalten. Die pathetischen Stellen zelebriert Ashkenazy geradezu, läßt sie feierlich-monumental ausspielen. Gesangliche Momente wirken sorgfältig schattiert; im Zweifelsfall ist das Rubato dabei der Durchsichtigkeit unterworfen, ohne daß jedoch der Fluß je ins Stocken geriete.

Ashkenazy entwickelt die fünf Sätze stringent; schon der Kopfsatz läßt den Hörer erschüttert zurück. Der zweite Satz, ein Intermezzo irgendwo zwischen Mahlerschem Trauermarsch und "Lux aeterna"-Atmosphäre, steigert sich in hilflose Verzweiflung. Das im Zentrum der Sinfonie stehende Scherzo wird hier zum vitalen Totentanz – ein Satz übrigens, der auf seine Art eine verblüffende Nähe zum Jeux de vagues aus Debussys 1905 uraufgeführtem La mer aufweist, sieht man einmal von dem innigen, schwäärmerisch-verträumten Trio ab (Tr. 3, 4í35), in dem Suk hörbar das Bild von Otylka heraufbeschwört. Umso wirkungsvoller ist dann die von Ashkenazy geradezu wütend musizierte Scherzo-Reprise, die im erneuten Auftritt des Todes-Hauptthemas aus dem ersten Satz gipfelt und mit einem erschreckenden Todes-Intervall, dem Tritonus gis/d, in lautem Unisono den ersten Teil der Sinfonie machtvoll beendet. Eine der größten Kühnheiten Suks nach diesem Wendepunkt ist das düster beginnende Adagio, dessen Themen bei näherer Betrachtung die lyrischen Elemente des ersten Satzes durchführend verarbeiten. Ihm folgt ein mit dem erwähnten Tritonus aus dem Scherzo brutal beginnendes Finale; beide Sätze bilden eine Art "Wider-Part" zu den ersten drei Sätzen und vereinen die Sinfonie kunstfertig zu einem übergeordnet einsätzigen Ganzen. Viele Dirigenten verlieren hier den roten Faden, doch Ashkenazy nimmt das Adagio als Ausgangspunkt für den Anlauf zum erfreulich straff musizierten Finale und steuert zielsicher den letzten Ausbruch an (Tr. 5, 7í15), nach dem hörbar der Tod eintritt in Gestalt kreuzartig verschachtelter Tritoni (a/es, fis/c, dis/a). Im ruhigen Epilog mit seiner Dur-Verklärung des Anfangs-Themas vom Kopfsatz – aus dem nach 9í24 zweimal wie auf magische Weise das Liebestod-Motiv aus Wagners Tristan und Isolde hervortritt! – rührt das Musizieren Ashkenazys und des Orchesters den Hörer zu Tränen: eine großartige Aufführung und ein Muss für den Liebhaber und Sammler!

Man möchte allenfalls den Verzicht auf die antiphonale Aufstellung der Violinen links und rechts für ein Manko halten, doch ein Blick in die Partitur lehrt, daß dies aufgrund der Faktur des Streichersatzes ohne weiteres zu verschmerzen ist, da es nur wenige echte Dialoge zwischen den Geigengruppen gibt. Freilich ist durch die konventionelle Aufstellung der Streicherklang recht außenstimmenbetont, doch wirkt der Klang insgesamt nun doppelchörig – hohe Streicher und Holzbläser mit Pauken von links, tiefe Streicher mit Blech von rechts. Die Partitur läßt dies ohne weiteres zu. Hervorragend ist der Surround-Klang der Produktion, die Ondine – sich offenbar der diskographischen Bedeutung dieser Veröffentlichung bewußt – dankenswerterweise als Hybrid-SACD vorgelegt hat. Doch auch im Stereo-Modus klingt die Aufnahme vorzüglich, selbst wenn man aufgrund der enormen Dynamik-Bandbreite gelegentlich die Lautstärke nachregeln muß. Dies ist nichts weniger als die lange überfällige Referenz-Aufnahme. Hoffentlich ermutigt sie auch andere Top-Dirigenten, sich dieses vernachlässigten Meisterwerkes anzunehmen.

Dr. Benjamin G. Cohrs [20.02.2009]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 J. Suk Sinfonie Nr. 2 c-Moll op. 27 (Asrael) 01:01:32

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Helsinki Philharmonic Orchestra Orchester
Vladimir Ashkenazy Dirigent
 
ODE 1132-5;0761195113257

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