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CD-Besprechung

Giacomo Puccini: La Bohème

DG 2 CD 00289 477 6600

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9

Klangqualität:
Klangqualität: 9

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Besprechung: 29.07.08

DG 00289 477 6600

2 CD • 1h 45min • 2007

Wer möchte schon Spielverderber sein? Im CD-Heft wird suggeriert, was wir von dieser neuen Bohème zu halten haben – gespendet vom „aktuellen Traumpaar der Oper“ in „berauschendem Glamour“: Anna Netrebko („Mimi hören und sterben“) und Rolando Villazón („geradezu betörend“). Plus ein Dirigent, Bertrand de Billy, der eine „wunderbar ausbalancierte Interpretation souverän bewältigt“. Kurzum, auch das dürfen wir nachlesen, es herrscht „Begeisterungstaumel bis an die Grenzen der Hysterie“.

Das waren bereits die gutgemischten Zutaten zur konzertanten Darbietung von Puccinis Werk im April 2007 in der Münchner Philharmonie im Gasteig. Was wir vor uns haben, ist als „Live-Recording“ dieser drei Aufführungen etikettiert. Mag sein, aber vieles und sogar wohl das meiste dürfte bei Proben und sogenannten Nachbesserungen entstanden sein. Kein Husten (ausser jenem von Mimi) stört den Ablauf, Publikumsgeräusche inklusive Beifall sind eliminiert. Das gewinnt durchaus die akustischen Qualitäten einer Studioproduktion.

Behalten wir also kühlen Kopf und stellen fest: Es ist eine weitgehend überzeugende Wiedergabe der Bohème – sie trifft, auch wenn sie gelegentlich ins Emphatische schweift, die emotional aufgeheizte Atmosphäre der Pariser Bohèmiens perfekt. Der Anteil des Dirigenten Bertrand de Billy dürfte dabei nicht allzu gering sein. Er bleibt zwar überaus flexibel, hält sich durchaus an die Wünsche und Eigenheiten seiner singenden Superstars und setzt zugleich unmissverständliche Akzente. Der Anfang des 2. Bildes kommt wirklich „allegro focoso“ (=feurig) daher; auf der andern Seite lässt der Dirigent die gefühlvollen Momente nie ins Sentimentale auslaufen, legt eher ihre unterschwellige Dramatik frei.

Davon weiß vor allem Villazón zu profitieren, der – kurz vor seiner fünfmonatigen Singpause, sollte er sich hier überanstrengt haben? – das Leidenschaftliche, ja Exaltierte des Rodolfo deutlich hervorkehrt und natürlich auch kräftig in Rubati und Spitzentönen schwelgt. Da hält sich Anna Netrebko eher zurück, dafür treten die großen lyrischen Bögen umso bezwingender hervor – vibratoarm, mit schlackenloser Wärme ohne rührselige Duselei. In der Tat bietet Puccinis Bohème für unser Traumpaar ein ideales Podium zur Entfaltung ihrer verschwenderischen Fähigkeiten. Der Rest des Ensembles ist mit jüngeren Kräften ohne Starstatus besetzt. Immerhin, der Marcello des Baritons Boaz Daniel lässt aufhorchen; ein steiler Aufstieg könnte durchaus denkbar sein.

Wenn wir diese aktuelle Bohème ins vordere Feld der einschlägigen Diskographie rücken, so ist das freilich nur bedingtes Lob. Denn in den letzten drei Dezennien hat es auf diesem Felde kaum mehr einen überragenden Wurf gegeben – entweder waren einige der Sänger zu wenig rollendeckend oder des Dirigenten Arbeit blieb allzu beiläufig. So müssen wir zum Vergleich schon zu den großen Alten zurückgreifen, weniger zum 1896-Uraufführungsdirigenten Toscanini (der ein halbes Jahrhundert später mit gnadenlosen Tempi seine Interpreten Licia Albanese und Jan Peerce ins Schwitzen brachte) als zu Tullio Serafin und Karajan, die beide mit (damaligen) Luxusbesetzungen prunken konnten: mit Renata Tebaldi und Carlo Bergonzi hier, mit Mirella Freni und Luciano Pavarotti dort.

Da wir heute im Zeitalter der totalen Vermarktung leben, wird auch diese Münchner Bohème eine weitere Metamorphose erleben. Sie ist nämlich der Soundtrack zur Filmversion der Oper – nicht als abgebildete Theateraufführung, sondern eigens und mit üppigem Aufwand unlängst in den Wiener Rosenhügel-Studios inszeniert. Und zwar durch Robert Dornhelm, der gleichermassen Historisches (Krieg und Frieden) wie Musikalisches („Karajan oder Die Schönheit wie ich sie sehe“) auf die Leinwand oder den TV-Schirm stemmt. Dabei werden die meisten Rollen von den Sängern selber verkörpert – mit Ausnahmen, und davon ist eine besonders pikant: Wiens Staatsoperndirektor Ioan Holender nämlich mimt jenen Staatsrat Alcindoro, der in der Partitur als „aufgeblasener greiser Verehrer“ der Musetta definiert ist. Ins Kino kommen soll diese Bohème gegen Ende desJahres; später dürfte sie im Fernsehen und auf DVD auftauchen.

Mario Gerteis † [29.07.2008]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 G. Puccini La Bohème

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Anna Netrebko Mimi - Sopran
Nicole Cabell Musetta - Sopran
Rolando Villazón Rodolfo, Dichter - Tenor
Boaz Daniel Marcello, Maler - Bariton
Stéphane Degout Schaunard, Musiker - Bariton
Tiziano Bracci Benoît, Hausherr - Baß, Alcindoro, Staatsrat - Baß
Vitalij Kowaljow Colline, Philosoph - Baß
Kevin Connors Parpignol - Tenor
Chor des Bayerischen Rundfunks Chor
Kinderchor des Stadttheaters am Gärtnerplatz Chor
Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks Orchester
Bertrand de Billy Dirigent
 
00289 477 6600;0028947766001

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