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CD-Besprechung

Firenze 1616

Firenze 1616

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9

Klangqualität:
Klangqualität: 10

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Besprechung: 11.06.08

Alpha Productions 120

1 CD • 59min • 2007

Es hatte sich schnell „ausge-opert" im Florenz des beginnenden 17. Jahrhunderts. Viel zu unbekannt ist, dass die erste Blüte der neuen Kunstform an ihrem Entstehungsort, in der Residenzstadt der Großherzöge der Toskana, nur kurz währte. Graf Bardi und seine „Florentiner Camerata" – ein Humanisten-Club, dem sowohl der erste Librettist Ottavio Rinuccini als auch der erste Opernkomponist Jacopo Peri entsprangen – schienen bereits mit dem Prototyp des neuen Musiktheaters Dafne von 1597, spätestens jedoch mit dem frühesten uns überlieferten Werk Euridice aus dem Jahr 1600 ihre Pflicht und Schuldigkeit getan zu haben.

Fortan übernahm Rom die Meinungsführerschaft in Sachen Oper und behauptete diese mit Emilio de' Cavalieris Rappresentazione di anima e di corpo in „eindrücklichster" Weise. Denn dieses religiös inspirierte Stück wurde von derselben Glaubenskongregation in Auftrag gegeben, die am Vormittag vor dem Uraufführungsabend den Philosophen Giordano Bruno auf der Piazza Navona als Ketzer verbrennen ließ… In Mantua ereignete sich dann 1607 die Premiere einer bis heute auf den Spielplänen stehenden Meisteroper: Claudio Monteverdis L'Orfeo. Und als Domkapellmeister von San Marco in Venedig setzte sich der künstlerisch gereifte Monteverdi 1642 wiederum an die Spitze einer neuen Musiktheater-Ästhetik. Seine letzte, von höchstem dramatischem Raffinement zeugende Oper L'Incoronazione di Poppea komponierte er für das Venezianische Teatro San Cassiano, das erste öffentliche Opernhaus der Welt.

All dies ist mehr oder weniger gut erforscht. Das Verdienst der CD „Firenze 1616" besteht nun darin, den Fokus auf den – in der Kunstmetropole am Arno bis ins zweite Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts fortwirkenden – innovativen musikalischen Geist zu richten. Beispielhaft werden drei Werke vorgestellt, die auf unterschiedliche Weise mit dem Wort-Ton-Verhältnis experimentieren:

1. In Sospiri díamanti, einer Gemeinschaftsarbeit der Komponisten Claudio Saracini und Giulio Caccini, wird der emotionale Ausdruck mit geradezu halsbrecherischen Koloraturen intensiviert. Dabei bekommen die Verzierungen der vokalen Linie jedoch niemals den Charakter eines Selbstzwecks wie in der späteren hochbarocken Oper.

2. Il Rapimento di Cefalo (uraufgeführt im Oktober 1600), an dem außer Caccini noch Cristofano Malvezzi mitgewirkt hat, operiert vorwiegend mit langen Generalbassakkorden, über denen sich die Stimmen gleich Phönix aus der Asche erheben, um die Gefühle des Zuhörers direkt anzusprechen. Spätestens hier wird deutlich, dass sich auf dieser CD die besten Wesensmerkmale französischen und italienischen Gesangsstils vereint finden. Und die oft als einfältig empfundene Continuo-Ebene klingt bei Le Poème Harmonique wie ein eigenes sinfonisches Gebilde.

3. Das Glanzstück der Platte ist Domenico Bellis etwa 35 Minuten langer L‘Orfeo Dolente (veröffentlicht im Jahr 1616) – ein düsteres Werk, in dem der über den endgültigen Verlust Euridices untröstliche Orpheus auch in den verzweifelten Dialogen mit Pluto, seiner Mutter Calliope und einem Hirten keine neue Hoffnung schöpfen kann. Der kummervollen Situation gemäß herrscht hier die wohl strengste Form des „recitar cantando", des rezitierenden Singens bzw. singenden Rezitierens, vor. Die deklamatorischen Härten der gesanglichen Aussage werden von zahlreichen Dissonanzen und harmonisch-melodischen Brüchen in den Orchesterstimmen flankiert. Ein berauschend schöner Schlusschor fasst dann alle Gedanken des in sich versunkenen Orpheus zusammen.

Wie diese Aufnahme beweist, sind die Zeiten anämischen Musizierens in der Alten Musik gottlob vorüber. Eine derart zupackende, dabei stets wie improvisiert wirkende Phrasierung des unter Vincent Dumestre virtuos aufspielenden Ensembles Le Poème Harmonique reißt einfach mit. Als Domenico Bellis Leid erfüllter Orpheus vermag der Bariton Arnaud Marzorati den Hörer durch sein schlankes Singen, seinen markant-männlichen Stimmklang, seine glänzende Phrasierungsfähigkeit und hervorragende Textartikulation zu Tränen zu rühren.

Ernüchtert fühlt man sich einzig in Caccinis Muove si dolce (Nr. 6), interpretiert von Philippe Roche. Zwar verfügt der französische Bassist über ein ansprechendes Timbre, aber in der hier ausdrucksmäßig unbedingt erforderlichen Extrem-Tiefe, den immer wieder angesteuerten Tönen unterhalb des kleinen C, kommt bei ihm nur heiße Luft. Da scheint sein amerikanischer Kollege Joel Frederiksen der Boris Christoff der Alten Musik-Szene stimmlich wie stilistisch derzeit wohl unschlagbar zu sein.

Richard Eckstein [11.06.2008]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 C. Saracini Io moro 00:03:53
2 G. Caccini Tutto'l di piango 00:06:05
3 Non ha'l ciel 00:03:50
4 Cr. Malvezzi Sinfonia quarta 00:03:13
5 G. Caccini Innefabile ardor 00:00:39
6 Muove si dolce 00:02:52
7 Caduca fiamma 00:02:27
8 D. Belli L' Orfeo Dolente 00:35:29

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Le Poème Harmonique Ensemble
Vincent Dumestre Dirigent
 
120;3760014191206

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