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CD-Besprechung

Mozart
The Sonatas for Fortepiano and Violin

Mozart<br />The Sonatas for Fortepiano and Violin

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9

Klangqualität:
Klangqualität: 8

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Besprechung: 23.06.06

Accent ACC 20041

5 CD • 4h 59min • 1991, 1992, 1995, 2005

Wirklich alle Violinsonaten Wolfgang Amadeus Mozarts, wie der Titel The complete Sonatas for Fortepiano and Violin suggeriert, sind auf dieser insgesamt fünf CDs umfassenden Kooperation des Geigers Sigiswald Kuijken mit dem Pianisten Luc Devos nicht enthalten: Es fehlen die Jugendwerke KV 6 – 9, KV 10 – 15 und KV 26 – 31, sowie die sogenannte „Kleine Clavier-Sonate für Anfänger mit einer Violin“ F-Dur KV 547, die auf eine eigene Klaviersonate zurückgeht. Mit den 15 hier versammelten Sonaten ist gleichwohl das sozusagen offizielle Violinsonaten-Werk Mozarts eingespielt.

Die Aufnahmen entstanden in einem Zeitrahmen von immerhin 14 Jahren, wobei die ersten drei CDs in den Jahren 1991 bis 1995 eingespielt wurden, die letzten beiden hingegen 2005, also nach einer Pause von zehn Jahren. Da liegt die Frage nahe, inwiefern sich die beiden Musiker in dieser Zeitspanne verändert haben, vielleicht ruhiger geworden sind, vielleicht jedoch auch im Gegenteil inzwischen noch gesteigerte Intensitätspotentiale entwickelt haben? Interessanterweise läßt sich diese Vermutung kaum bestätigen. Kuijken und Devos scheinen weder sich selbst in puncto ihrer künstlerischen Persönlichkeit übermäßig gewandelt, noch ihre Sichtweise der Mozart’schen Sonatenkunst wesentlich modifiziert zu haben. 1991 wie 2005 spielte Kuijken die spezifischen Klangmöglichkeiten seiner historischen Geige (Giovanni Grancino, Mailand, um 1700) voll aus, und zwar mit Lust am Geräuschhaften: Generell kann die Geige sehr harsch, scharfschneidend, drahtig klingen.

Ein besonders krasses Beispiel ist die Es-Dur-Sonate KV 380, deren virtuosen Gestus Kuijken auch mit geradezu geschabten und gekratzten Passagen bereichert, deren schnelle Passagen gern auch einmal quasi glissandierend nach oben gezogen werden; diesen Zugriff dehnt Kuijken mit einem gehörigen Maß Aggressivität auch auf tändelnde, spielerische, reizende Passagen aus, was manchem Hörer zuviel sein dürfte. Auch der langsame Satz der Sonate, Andante con moto, gerät in die Nähe der Verfremdung, weil die unheimlichen Seufzer ohne Vibrato, fast jaulend, gespielt werden – Verfremdung deshalb, weil diese Seufzer und andere Momente mehr von einer außermusikalischen, geradezu naturlautartigen Aura haben, denn von der gesanglichen Rhetorik, die im Notentext aufgezeichnet ist.

Schon die spätere Es-Dur-Sonate, die übrigens nur wenig später aufgenommen wurde, demonstriert jedoch, daß Kuijken diese mitunter krassen Maßnahmen alles andere als unterschiedslos anwendet. Der etwas moderatere Tonfall dieser Sonate wird nicht etwa überspielt, sondern durch erhöhte Diskretion des Musizierens eingefangen. Im Allgemeinen scheint die Konzeption also darauf zu zielen, die etwas früheren Sonaten frecher zu spielen als die abgeklärteren späteren. Dennoch gelingt es Kuijken und Devos auch in den gemäßigteren Spielarten, den überwältigenden Charakter der Frische aufrechtzuerhalten, ohne je in ihrem Bewegungsgestus eindimensional zu werden: Bei gleichzeitig spontaner und einfallsreicher Agogik wirken die beiden als tatsächliche Reaktionseinheit zusammen. Das ermöglicht es ihnen auch, in vielen langsamen Sätzen, etwa demjenigen der B-Dur-Sonate KV 378, einen echten, weittragenden Gesang auszuspinnen.

Nimmt man jedoch eine Lesart mit modernen Interpretationen vergleichend hinzu, wird deutlich, daß sich bei aller Differenziertheit in der Einheitlichkeit die Versionen Kuijkens und Devos’ ganz eindeutig in die an der Rhetorik geschulte Alte-Musik-Bewegung einordnen. Man höre einmal die großartige e-Moll-Sonate KV 304 in der zugegeben tonlich sehr luxuriös geratenen, ebenfalls erst kürzlich erschienen Fassung mit Mark Steinberg und Mitsuko Uchida: Hier liegt eine hypersensible, mit Schatteneffekten arbeitende Ausleuchtung des Stücks vor, die sämtliche Anschlagsmöglichkeiten des modernen Flügels nutzt und deren Ausdrucksebene hörbar an der deutschen Spätromantik geschult ist – während Kuijken und Devos das Stück bei aller Zurückhaltung deutlich am feingliedrigeren, gestisch ungleich plastischeren Ideal der historisierenden Klangrhetorik ausrichten. Manchmal kommen die Historisierer wahrscheinlich der von Mozart intendierten Faktur näher, besonders, wenn Kuijken auf der Violine auch einmal bereitwillig nur das Klavier begleitet, was damals durchaus üblich war; Steinberg hingegen spielt auch zurücktretende Phrasen sehr bedeutungsvoll aus.

Welche ist aber nun die richtige oder wenigstens die plausiblere Lesart? Letztlich wohl keine der beiden, weil sie beide eher etwas über das Schönheitsgefühl der Musiker aussagen als über die Musik Mozarts. Es zeigt sich eben auch und gerade im Umfeld des Jubiläumsjahres, wie schwierig Mozarts Musik doch zu fassen, zu begreifen ist – besonders dann, wenn man versucht, sie eindeutig festzulegen. Der Musikfreund freilich, der zur Alte-Musik-Bewegung tendiert, erhält hier eine interpretatorisch wie klangtechnisch homogen realisierte, undogmatische und stets phantasievoll musizierte Gesamtschau.

Vergleichsaufnahme: Mozart, Violinsonaten KV 303, 304, 377, 526; Steinberg, Uchida (Philips 475 6200)

Dr. Michael B. Weiß [23.06.2006]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 W.A. Mozart Sonate G-Dur KV 379 KV 373a für Violine und Klavier
2 Sonate Es-Dur KV 380 KV 374f für Violine und Klavier
3 Sonate A-Dur KV 526 für Violine und Klavier
4 Sonate D-Dur KV 306 KV 300l für Violine und Klavier (Mannheimer Sonate Nr. 6)
5 Sonate B-Dur KV 378 KV 317d für Violine und Klavier
6 Sonate Es-Dur KV 481 für Violine und Klavier
7 Sonate C-Dur KV 296 für Violine und Klavier
8 Sonate F-Dur KV 376 KV 374d für Violine und Klavier
9 Sonate B-Dur KV 454 für Violine und Klavier
10 Sonate G-Dur KV 301 für Violine und Klavier (Mannheimer Sonate Nr. 1)
11 Sonate Es-Dur KV 293b KV 302 für Violine und Klavier (Mannheimer Sonate Nr. 2)
12 Sonate C-Dur KV 293c KV 303 für Violine und Klavier (Mannheimer Sonate Nr. 3)
13 Sonate e-Moll KV 304 KV 300c
14 Sonate A-Dur KV 305 für Violine und Klavier (Mannheimer Sonate Nr. 5)
15 Sonate F-Dur KV 377 KV 374e für Violine und Klavier

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Sigiswald Kuijken Violine
Luc Devos Fortepiano
 
ACC 20041;4015023200418

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