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SACD-Besprechung

Albert Bolliger

an der Domorgel Roskilde

Sinus Sin 4005

1 SACD • 75min • 2005

09.06.2005

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Es verwundert immer wieder, wie der unermüdlich in Sachen Orgeln reisende Albert Bolliger – vielfach abseits aktueller Moden – kulturhistorisch reizvolle Orte aussucht, dort als Verleger und Musiker Aufnahmen plant und realisiert, von denen eigener Reiz ausgeht, der nicht primär auf Spektakularität abzielt, sondern die Orgel – sie ist ja trotz einer intensiven Geschichte in Byzanz das Musikinstrument des Abendlandes schlechthin – als kulturelles Phänomen zu begreifen und darzustellen versucht.

Der Dom zu Roskilde, Grablege dänischer Könige, norddeutsche Backsteingotik, Stein gewordenes Symbol einer traditionellen, historischen Weltoffenheit nordeuropäischer Seefahrernationen, aber auch eines für den – nicht zuletzt musikalischen – Austausch der Ostseeküstenregionen untereinander, besitzt eine Orgel (III/34; alle Werke de facto gleich groß) mit bewegter Geschichte, deren Abbild sie seit der letzten Restaurierung (1988-1991 durch Marcussen & Sohn Abenraa) letztlich ist. Man wählte als Fixpunkt der Restaurierung den recht gut dokumentierten Zustand von 1833, der sowohl wesentliche Teile des ursprünglich frühbarocken Instrumentes als auch erste Ingredientien einer romantischen Klangschicht vereinigt. Das Instrument (HW/BW/RP/Ped) hängt als Schwalbennest an der südlichen Langhauswand, bedenklich hoch über Grund, was dem Tonmeister gemeinhin Probleme zu bereiten geneigt ist...

Bolliger wählt Literatur des Ostseeraumes aus dem 17. Jahrhundert, bedient also mit Werken von Tunder, Buxtehude, Geist, Lorentz, Hintz und Bruhns die barocke Seite des Instrumentes. Dabei richtet er mit ebenfalls aufgenommenen Werken Martin Radecks auch ein Leuchtfeuer über den Atlantik, da Radecks („Radex“) Überlieferung als Teil des Notenbuchs „E.B. 1688“ schon im frühen 19. Jahrhundert in die Sammlung Lowell Masons (heute Yale-University) geriet und so eine amerikanische Geschichte antrat.

Die Literatur passt also an den Ort, wie denn Bolliger in gewohnter Weise sensibel mit der Literatur umgeht, die moderne Großspurigkeit mehrheitlich mit „Kleinmeistern“ gleichsetzt, ohne deren Vorgaben jedoch Persönlichkeiten wie Buxtehude oder Bruhns schwerlich denkbar wären. Mir geht bei Bolliger zwar immer ein wenig das zupackende Bekenntnis zum phantastischen, ja mitunter aphoristisch-rhapsodischen Element ab, das dem Satz Bruhns’ oder Buxtehudes oftmals eigen und für den norddeutschen Stilus phantasticus doch typisch ist. Gottlob jedoch entscheiden über Interpretationen immer noch individuelle Ideen eines Musikers und nicht die Dicta irgendeines beckmessernden Rezensenten....

Schwerer wiegt für mich das Problem der Aufnahmetechnik, das insbesondere in der zweikanaligen Abmischung (die CD erschien als Hybrid-SACD in zwei- und mehrkanaliger Technik) zutage tritt, in der das Hauptwerk (bzw. Brustpositiv) im Gefolge einer fehlenden (Mikrofon-)Stütze ein wenig versackt. Sie wäre nicht zuletzt auch dem Pedal und dem Plenumklang (Mixtur des HW erscheint in Reflexen weit außen) zugute gekommen, ja bestimmten satztechnischen Merkwürdigkeiten (z. B. Buxtehude, A- und E-Dur und Ach Herr, mich armen Sünder; Weckmann, Ach wir armen Sünder, Versus 1) entgegengetreten. Man kann sich des Eindruckes nicht erwehren, daß sich der verdiente Orgeltonmeister L. Böckenhoff hier seiner Freude am schönen Raum leidenschaftlich auslieferte, was den Satz überforderte. Böckenhoff malte „romantischer“ in Klängen, als es der intrikate Satz manchen Werkes tolerieren will. Verzierungen Bolligers gehen daher zum Teil unter, ja erscheinen als Fehlgriffe, weil man sie der Verzierungsebene nicht zuordnen kann.

Die Klänge, die Bolliger und Böckenhoff jedoch an den Hörer tragen, können angesichts der nicht eben großen Orgel mitunter regelrecht frappieren, wie die Rohrflöte 4' in Radeck, „Engelischer Mascharada“ oder der Abschnitt „con discrezione“ von Buxtehude, E-Dur. In den „Registrationen“ des Beihefts wurde übrigens die Reihenfolge der Suite und des Praeludiums in d von J. Lorentz vertauscht.

Einmal mehr spricht Bolligers sorgsame Ausstattung des Booklets an, das 36 Seiten umfasst, instruktiv bebildert ist und den Blick in vorbildlicher Weise auf und um Dom, Orgel und gespielte Literatur richtet. Nachdem diese teilweise recht weit abseits gerade heute gängiger Konzertprogramme liegt, ergeht an den auch satztechnisch interessierten Orgelliebhaber eine besondere Empfehlung für diese, die Umgebung Buxtehudes beleuchtende Aufnahme, auch wenn mir nicht alles gefällt, was erklingt. Man suche eben nach dem, woran ich mich stieß, und frage sich, wie man selbst dazu steht. Denn nicht zuletzt der lehrhafte Ansatz gehörte schon immer zur Orgelmusik...

Thomas Melidor [09.06.2005]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Nicolaus Bruhns
1Präludium e-Moll (groß)
Ewaldt Hintz
2Allein zu dir, Herr Jesu Christ
Johan Lorentz
3Präludium, Allemand, Courant, Saraband
4Präludium in d
Matthias Weckmann
5Ach wir armen Sünder
Martin Radeck
6Präambulum in d
7Jesus Christus, unser Heiland, der von uns den Gotteszorn wandt (Choralmotette)
8Canzone in D
Johann Rudolf Radeck
9Engellischer Mascharada
Christian Geist
10Gelobet seist du, Jesu Christ
11Allein Gott in der Höh sei Ehr
12Aus tiefer Not schrei ich zu dir
Franz Tunder
13Canzone in G
Dietrich Buxtehude
14Präludium A-Dur BuxWV 151
15Ach Herr, mich armen Sünder BuxWV 178
16Es spricht der Unweisen Mund BuxWV 187
17Praeambulum in a BuxWV 158
18Aria Rofilis BuxWV 248
19Magnificat noni toni BuxWV 205
20Präludium und Fuge E-Dur BuxWV 141

Interpreten der Einspielung

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