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CD-Besprechung

OehmsClassics OC 364

1 CD • 71min • 2004

23.02.2005

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 4
Klangqualität:
Klangqualität: 6
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 5

Es scheint auch heute noch eine Menge Dirigenten zu geben, die ihrem Vorbild Wilhelm Furtwängler nacheifern wollen. Vergleicht man Ivor Boltons Live-Mitschnitt von Bruckners Fünfter vom Mai 2004 aus dem großen Festspielhaus Salzburg mit Furtwänglers berühmter Berliner Aufnahme, so fallen sofort Ähnlichkeiten auf, beginnend schon mit der von Furtwängler übernommenen Plazierung der Streicher (Violinen links, innen mittig Celli, rechts außen Viola).

Was die Interpretation angeht: Im Kopfsatz verkennt Bolton jegliche vernünftige Temporelation der Satzteile, lässt das Hauptthema außerordentlich schnell spielen, hat dann aber ein typisch langsames Tempo im Gesangsthema (wovon nichts in der Partitur steht) und verfällt dann notgedrungenin das bekannte immense Beschleunigen in der Schlußperiode. Das zerdehnte Adagio wirkt larmoyant, wird in hergebrachter Weise in sechs Vierteln und nicht in halben Takten geschlagen und verläuft dann ebenfalls in Kurven mit großen Temposchwankungen. Wer glaubte, die (Un-)Art, bei Steigerungen das Tempo anzuziehen und bei Entspannungen wieder zu verlangsamen, sei inzwischen überwunden, wird von Bolton eines Besseren belehrt. Das Scherzo nimmt Bolton straff, aber er verlangsamt das Ländler-Thema nicht genug – wie von Bruckner für diesen Satz ausdrücklich angezeigt –, so daß die ebenfalls nur in diesem Satz vermerkten Accelerandi kaum ausgeführt werden können. Zwischen dem langsameren Allegro moderato des Finales und dem schnelleren Allegro des Kopfsatzes gibt es bei Bolton dann gar keinen Unterschied mehr. Das Hauptthema wird robust heruntergespielt, Phrasierungen blieben weitgehend auf der Strecke, während im natürlich wieder langsameren Seitenthema geradezu manieriert wirkende Schweller auf kleinstem Raum auftreten, die wiederum an Furtwängler erinnern. Das dritte Thema ist wieder erheblich schneller und man kann daher (wie auch schon im ersten Satz) nicht klar hören, daß sein Material das gleiche wie in der Gesangsperiode ist. Die große Fuge im Zentrum des Satzes erhält eine Furtwänglerische Energieaufladung: Äußerst langsam beginnt das Choral-Thema (Tr. 4, 9’19), und wenn dann das Finale-Hauptthema und das des ersten Satzes sukzessive hinzutreten, wird wieder ein unglaubliches Tempo erreicht. In der heiklen Passage im dreifachen pianissimo (13’15) kommt vom Orchester ein mezzopiano, und von der Faktur der dicht aufeinander folgenden Themen-Imitationen ist so nichts mehr zu hören.

Bolton hat offenbar auch den Revisionsbericht nicht gelesen und berücksichtigt Bruckners nachträgliche Korrekturen nicht, wie sie jüngst von Nikolaus Harnoncourt überzeugend als sinnvoll erwiesen wurden: So wird bei Bolton im ersten Satz der Choral vor der Hauptthemenreprise (Tr. 1, 13’15) entgegen der gedruckten Partitur im anfänglichen Adagiotempo gespielt, und auch am Ende des Adagio spielen Flöte und Klarinette den hergebrachten Notentext. Doch angesichts der großen Freiheiten, die sich Bolton gegenüber der Partitur herausnimmt, spielen derlei Betrachtungen ohnehin nur noch eine marginale Rolle.

Insgesamt haben das Mozarteum Orchester und sein Chefdirigent Ivor Bolton seinerzeit zwar ein durchaus gelungenes Konzert gespielt, doch Bruckners Fünfte sehr konventionell und beliebig interpretiert. Das Orchester folgt seinem Dirigenten meist willig, aber mitunter spielen sich die ersten beiden Pulte der ersten beiden Geigen unangenehm in den Vordergrund. Das Vibrato der Violinen und Violen wirkt stellenweise so eng und süßlich, daß man glaubt, ganze Strecken mit einer durchgängigen Orgel-Registrierung von Vox Coelestis samt Tremulant zu hören. Der Hornsatz wirkt nicht immer ganz sauber intoniert. Gelegentlich hatte Bolton wohl auch Mühe, Trompeten, Posaunen und Tuba zurückzuhalten, selbst wenn er an der Balance insgesamt hörbar gearbeitet hat.

Der Gesamtklang der CD ist etwas gedämpft, nicht sehr farbig und hat wenig räumliches Innenleben. Mit den unter verschiedenen Gesichtspunkten besten Aufnahmen des Werkes kann sich diese Neuproduktion also in keinster Weise messen. Furtwänglers überwältigende Emotionalität ist durch bloßes Nachahmen der Äußerlichkeiten ohnehin nicht zu erreichen. Auch Eugen Jochum (insbesondere im legendären live-Mitschnitt aus Ottobeuren), Carl Schuricht (live mit den Wiener Philharmonikern) und insbesondere Rudolf Kempe und die Münchner Philharmoniker haben bei vielleicht auch nicht unproblematischer Gesamtkonzeption der Struktur weitaus anrührendere und auch besser balancierte Aufführungen zustande gebracht (man höre noch einmal die klanglich vorbildliche Realisation von Kempe, und insbesondere seine überwältigende und nie übertroffene Finale-Coda, Acanta/Pilz 442188-2). Auch von dem strukturell und klanglich vorzüglich gelungenen Mitschnitt der BBC unter Jascha Horenstein ist Bolton weit entfernt. Und hört man gar Nikolaus Harnoncourts bestürzendes neues Interpretationskonzept mit seiner allenfalls noch von Celibidache erreichten, vorbildlichen Durchleuchtung der kontrapunktischen Faktur (RCA/BMG SACD 82876 60749 2), dann mag man sich vielleicht wieder daran erinnern, daß Bruckner seine fünfte Sinfonie bis an sein Lebensende als sein kontrapunktisches Meisterwerk betrachtete. So über die Faktur hinwegzubügeln, wie Ivor Bolton es hier tut, ist nach all dem, was die Bruckner-Forschung der letzten 20 Jahre über Bruckners wissenschaftlich akribische Kompositionstechnik enthüllt hat, heute weder zeitgemäß noch statthaft, sondern meinem Empfinden nach eine Respektlosigkeit.

Dr. Benjamin G. Cohrs [23.02.2005]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Anton Bruckner
1Sinfonie No. 5 B flat major WAB 105

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