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CD-Besprechung

Carl Schuricht

Bruckner

SWRmusic 93.146

1 CD • 73min • 1962

03.02.2005

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität:
Klangqualität: 7
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Der hier veröffentlichte live-Mitschnitt von Bruckners fünfter Sinfonie (Stuttgart, 18. 10. 1962, mono) folgt dem Text der Bruckner-Gesamtausgabe, herausgegeben von Robert Haas – eine für Bruckner-Liebhaber wichtige Information, die im Booklet leider fehlt. (Mit der Angabe „Bruckner Verlag GmbH Leipzig“ können nur Forscher etwas anfangen; man würde man sich in solchen Detailfragen gründlichere Recherche als nur den Blick in die Produktions-Akten wünschen).

Carl Schuricht war zweifellos einer der großen Bruckner-Pioniere, wie diese Veröffentlichungen der Sinfonien 4, 5 und 7 bis 9 aus den SWR-Archiven belegen. Ähnlich souverän wie Eugen Jochum handhabte Schuricht die monumentalen Partituren mit großer Flexibilität der Tempi und enorm starken Ausdruckskontrasten. Ein interessanter, versachlichender Gegenpol zu diesem Ansatz sind übrigens die ebenfalls im SWR-Archiv befindlichen Studioproduktionen, die zur gleichen Zeit in Baden-Baden Hans Rosbaud aufgenommen hat – es wäre schön, wenn Hänssler Classics auch diese bedeutenden Dokumente veröffentlichen könnte (erhalten sind die Sinfonien 2 bis 9, die man mit einem hinreißenden Mitschnitt der Ersten unter Ernest Bour schön ergänzen könnte). Auch das Stuttgarter Rundfunkorchester kann sich auf eine lange Bruckner-Tradition berufen, die später von Sergiu Celibidache kongenial fortgeführt werden sollte. Bruckner-Fans sind für diese Veröffentlichungen dankbar, die zwar in unterschiedlichen Tonqualitäten seit Jahren auf Raritätenlabels kursieren, nun aber im SWR von Irmgard Bauer und Dietmar Wolf noch einmal remastered worden sind. Leider war der Zustand der Bänder offenbar sehr unterschiedlich und teilweise sehr schlecht; darauf deuten manche kleinen Heuler und Phasenverschiebungen, die sich wohl nicht mehr korrigieren ließen. Umso dankbarer muß man für die Erhaltung dieser Dokumente sein.

Bei der fünften Sinfonie fällt auf, daß Schurichts Vorstellungen zur Aufführung hier stark von seiner Auffassung abweichen, wie sie sich in dem nur vier Monate später entstandenen ORF-live-Mitschnitt mit den Wiener Philharmonikern vom 24. 2. 1963 äußerten (DGG, 435 332 2). Nur für das Finale ließ sich Schuricht in Stuttgart mehr Zeit; die übrigen drei Sätze sind um einiges zügiger, besonders das furiose Scherzo, das in Stuttgart dreieinhalb Minuten schneller als in Wien erklang. Das kommt der Sinfonie als Ganzes sehr zugute. Vielleicht ließen sich manche Vorstellungen des Dirigenten in Stuttgart auch einfach besser umsetzen als in Wien, wo eine sehr starke Spieltradition der Philharmoniker bei Bruckners Sinfonien der individuellen Lesart von Dirigenten lange Zeit erhebliche Grenzen gesetzt hat. Das zeigt sich auch in der Phrasierung des Finale-Themas, wo Schuricht die Vorgaben Bruckners durch Bogenstriche und Akzente weit besser umsetzen kann als mit den sehr gleichförmig spielenden Wienern (Tr. 4, ab 1’31). Freilich: nicht einmal den Stuttgartern schien das sehr langsam beginnende Adagio Schurichts zu gefallen (Vierteltriolen statt halbe Takte geschlagen). Das zeigt beispielsweise Tr. 2, 1’40, wo die Violinen hörbar gern vorangehen wollten. Bedenklich sind auch die verkannten Tempoverhältnisse im 1. und 4. Satz, wo sich Schuricht dem Brauch anschloß, das Seitenthema erheblich langsamer zu nehmen (Tr. 1, 4’08 bzw. Tr. 4, 2’44). Dadurch werden die späteren Durchführungsprozesse Bruckners in ihrer Nachvollziehbarkeit erheblich beeinträchtigt (vergl. etwa im 1. Satz, wo die Begegnungen von Haupt- und Seitenthema von Schuricht ebenfalls mit Tempowechsel gestaltet werden, den Bruckner an keiner Stelle verzeichnet hat, Tr. 1, nach 13’29). Es scheint auch völlig außer Proportion, daß die Exposition des ersten Satzes mit 9’58 beinahe die Hälfte der Gesamtspielzeit des Satzes, in der Partitur jedoch nur ein Drittel ausmacht. Allerdings bekam Schuricht es oft hin, durch sorgsam vorbereitende Temposteigerungen oder Verlangsamungen an den Nahtstellen der Formteile die Relationen der Wiener Klassik zu wahren (z. B. Tr. 1, die Rückführung in das Adagio in der Einleitung, 2’04). Das Band der Fünften war über weite Strecken in besserem Zustand als das der Vierten, aber im Finale gibt es einige unschöne Schwankungen.

Dr. Benjamin G. Cohrs [03.02.2005]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Anton Bruckner
1Sinfonie Nr. 5 B-Dur WAB 105

Interpreten der Einspielung

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