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CD-Besprechung

Sergej Rachmaninow: Vesper op. 37 (Vesper; Das große Abend- und Morgenlob und russische Volksmusik)

SWRmusic 1 CD 93.112

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 7

Klangqualität:
Klangqualität: 7

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 7

Besprechung: 13.04.05

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SWRmusic 93.112

1 CD • 59min • 2004

Rachmaninoffs Großes Abend- und Morgenlob aus dem Jahre 1915 ist als ein seinerzeit in der historisierenden Tschaikowsky-Nachfolge anzusiedelnder Beitrag zur altrussisch-orthodoxen Feiertagsliturgie konzipiert und komponiert worden. Dem Komponisten ging es dabei um eine neue Harmonisierung altkirchlicher Gesänge („Raspew“), die während der ganznächtlichen Gottesdienste (Vigilien) vor besonderen Sonn- und Feiertagen die Gebete, Lesungen und Predigten begleiten. Aber nicht nur der künstlerische Rang dieser Abfolge von spirituellen a-cappella-Chorsätzen, sondern auch deren politisches Schicksal hat ihnen eine zeitüberdauernde, sogar weltumgreifende Bedeutung zukommen lassen. Als nämlich die russische Oktoberrevolution den Komponisten und viele seiner Landsleute zum großen Exodus aus dem kommunistischen und kirchenfeindlichen Regime zwang, wurden Rachmaninoffs Vespergesänge Opus 37 zu einem Bekenntniswerk und zu einer Kraftquelle überall in der Ferne, wo immer Teile oder das Ganze zur Aufführung kamen. Erstaunlich ist zugleich die Tatsache, daß sich der Komponist seiner eigenen Kirche gegenüber nur wenig verbunden fühlte. Auch hatte die orthodoxe Geistlichkeit die Aufführungen dieser Gesänge von vornherein in die weltlichen Konzertsäle verbannt, da sie für ihre Gottesdienste ausschließlich die altüberlieferten Vortragsformen für verbindlich erklärte. Nicht genug damit, gab es aus ideologischen Gründen auch ein staatliches Aufführungverbot für religiöse Werke aller Art. Für Rachmaninoffs Vespergesänge wurde dieses Verbot jedoch während des zweiten Weltkrieges nach dem Angriff deutscher Truppen auf die Sowjetunion gelockert, da der Komponist von Amerika aus die dort eingespielten Tantiemen für den Befreiungskampf der Roten Armee zur Verfügung stellte.

Diese einzigartige Werkgeschichte hat offensichtlich dazu beigetragen, daß speziell Rachmaninoffs „Ganznächtliche Vigil“ nach der politischen Wende im ehemaligen Ostblock besonders häufig aufgeführt worden ist und bald darauf auch weltweit eine spektakuläre Vielzahl qualitativ hochwertiger CD-Produktionen angeregt hat. Der klanglich und atmosphärisch durchaus als authentisch einzustufenden Einspielung aus der Uspenski-Kathedrale in Smolensk mit dem Moskauer Kammerchor unter der Leitung von Valeri Polyanski (als Melodiya-Lizenz BMG 1995 veröffentlicht), folgten als hochrangige Alternativen die Aufnahmen mit dem Kammerchor St. Petersburg (Philips), mit dem Bulgarischen Nationalchor (Capriccio), mit dem King’s College of Cambridge (EMI), mit dem Rundfunkchor Stockholm (Virgin), mit dem Berliner Rundfunkchor unter Robin Gritton (cpo) und dem Chor des Bayerischen Rundfunks unter Michael Gläser (Oehms Classics; siehe ? vom 19.11.2004).

Alle genannten Fassungen zeichnen sich durch hervorragendes Niveau aus, wobei die neueste, hier vorzustellende Hänssler-Classics-Produktion mit Solisten und dem Chor des Südwestdeutschen Rundfunks unter der Leitung von Marcus Creed neben der üblichen Einstudierung und Wiedergabe des Werkes im Original, also in der russischen Sprache, durch ihre musikalisch-künstlerische Sorgfalt, Klarheit und Reinheit besticht. Dennoch erweisen sich diese Tugenden als ein vergleichsweise „nüchternes“, westeuropäisch geprägtes Vortragsideal, das eine gewisse Distanz zur altslawisch-orthodoxen Gedankenwelt mit ihrer Weihrauch-geschwängerten Ikonostasen-Mystik schafft. Das beginnt mit der Glättung der rauh und kernig zu denkenden russischen Diktion der Textworte und erfüllt auch nicht das erwartete und charakteristische Klangideal typisch russischer Bassisten mit „schwarzer“ Grundierung des Chorklanges. Leicht zurückgesetzt wirkende Sopranstimmen übernehmen in den östlichen Fassungen zugleich die Rolle eines engelhaft vom Realklang abgehobenen Hintergrundleuchtens. Hier aber geht alles sehr irdisch zu. Selbst der technische Kunstgriff einer simulierten Kathedral-Akustik mit Verzicht auf eine unmittelbare Text- und Klangpräsenz unterstreicht eher noch den professionell-weltlichen Qualitätsanspruch des Stuttgarter Elite-Ensembles unter dem all-umsichtigen Dirigat seines international renommierten Leiters: Ganz realistisch bestimmen Harmonie und Transparenz das sinnlich wahrnehmbare Geschehen. Über die geistlichen Inhalte informiert der Begleittext.

Dr. Gerhard Pätzig [13.04.2005]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 S. Rachmaninow Vesper op. 37 (Vesper; Das große Abend- und Morgenlob und russische Volksmusik)

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
SWR Vokalensemble Stuttgart Chor
Marcus Creed Dirigent
 
93.112;4010276014713

Bezug über Direktlink

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